Nichts zu lachen bei Amerikas härtestem Sheriff

16. Oktober 2009, 17:57
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Joe Arpaio rühmt sich, härtester Sheriff der USA zu sein - Jetzt ist ihm das Kabinett Barack Obamas auf den Fersen - Reportage

Das Geräusch kommt näher. Ein Klirren, als rasselten Eisenketten. Eigentlich kann das nur eine Täuschung sein, das Estrella Jail ist zwar ein Gefängnis, aber keine Galeere. Officer Daniel Hawkins führt durch ein Labyrinth schmaler Gänge, das Klirren wird lauter. Nun gibt es keinen Zweifel mehr, es sind wirklich Ketten.

Eine ist an die zehn Meter lang, um vier Knöchel gewunden und mit vier Schlössern befestigt. Je vier Männer in schwarz-weiß gestreifter Sträflingskleidung bilden eine Gruppe. Auf dem Rücken tragen sie den Schriftzug "Sheriff's Inmate" , was bedeutet, dass es des Sheriffs Häftlinge sind, und klingt, als wären es Leibeigene.

"Vorwärts, Marsch!", befiehlt ein Wärter. "Singt ein Lied!" Einer stimmt an, schwere Stiefel knallen auf nackten Beton, ein Rotschopf mit kurzen Stoppeln muss grinsen. Was für ein Zirkus! Noch liegt draußen die Stadt Phoenix im Dunkeln. In einer Stunde, wenn die Sonne zu glühen beginnt, wird das Quecksilber schnell auf 40 Grad klettern. Noch ist es erträglich, früh um halb sechs, wenn die "chain gang" ausrückt, die Kettenkolonne.

Es sind Insassen, die Zigaretten schmuggelten, dafür zu viert in einer Isolierzelle sitzen und sich bewähren sollen, bevor sie zurück ins Gemeinschaftszelt dürfen. Ein Kleinbus, eskortiert von Bewaffneten, bringt sie vor die Tore der Stadt, nach Peoria. Heile Vorstadtwelt, beige verputzte Häuser, in den Vorgärten Saguaro-Kakteen. Benjamin, ein 31-Jähriger, lässt sich ein Bündel schwarzer Plastikbeutel in die Hand drücken. Die anderen drei an seiner Kette schnappen sich Haue, Spaten und Rechen. Langsam graben sie ein paar Disteln aus, klauben weggeworfene Bierbüchsen auf und ziehen ein Plastiksackerl aus dem Dornengestrüpp. "Ein Witz" , knurrt Benjamin. "Mit Arbeit hat das nichts zu tun, alles nur Show." Am Straßenrand haben die Wachen ein Schild aufgestellt. "Achtung! Kettenbrigade am Werk!" Es soll martialisch klingen, Sheriff Joe will es so.

Joe Arpaio (77) sitzt in seinem klimatisierten Hochhausbüro und streicht liebevoll über seine Krawattennadel, eine goldene Pistole. Warum Ketten? "Welche Version wollen Sie hören, die offizielle oder die inoffizielle?" , fragt er zurück. Offiziell sind die Jungs so gefährlich, dass man sie draußen fesseln muss. Inoffiziell soll allein ihr Anblick abschrecken. Aus Prinzip setzt er seine Kolonnen nur an belebten Hauptstraßen ein.

Was für Mythen sich um die Figur des Sheriffs ranken, das muss ihm keiner erzählen. Als Agent der Drogenbehörde war er Rauschgiftschmugglern auf den Fersen, in der Türkei, in Mexiko, zum Schluss in Arizona. 1982 quittierte er den Dienst, um im Reisebüro seiner Frau einzusteigen. 1992 beschloss er, im Glutofen des Valley of the Sun Sheriff zu werden. Es ist ein Posten, auf den man gewählt werden muss. Arpaio hat fünfmal in Folge gewonnen, 2008 zum letzten Mal. An seiner Wandtafel prangt groß ein Superlativ: "Der härteste Sheriff Amerikas" .

In Tent City, dem Zeltknast des Sheriffs, gibt es nur zwei Mahlzeiten am Tag: pappiges Weißbrot mit Keksen am Vormittag, Eintopf und Kartoffeln am Abend. Zigaretten und Kaffee sind tabu. Unter den Zeltbahnen herrscht im Sommer brütende Hitze, bis zu 60 Grad Celsius. "Na und" , entgegnet Joe Arpaio, "die Boys in Uniform, die im Irak im Wüstensand liegen, haben auch nichts zu lachen."

Tent City liegt neben einer Müllhalde, daher war das Land spottbillig zu haben. Statt feste Unterkünfte zu bauen, kaufte Arpaio der Armee Zelte ab, Restbestände aus dem Korea-Krieg. Das alles kostete magere 120.000 Dollar - den Wählern gefiel der Sparkurs.

Was der Alte nicht so gern erzählt, ist, dass seine Häftlinge keine Schwerverbrecher sind. Ihre Höchststrafe ist ein Jahr Freiheitsentzug, sonst hätte man sie in ein festes Gebäude gesperrt.

Rassismusverdacht

Neuerdings bekommt er Ärger, der Hardliner mit dem Sheriffstern. Auf eigene Faust schickt er Bewaffnete in Wohnviertel, in denen vor allem Einwanderer aus Lateinamerika leben. Er lässt Papiere kontrollieren und Personen abführen, auf den bloßen Verdacht hin, dass sie illegal ins Land kamen. In der Satellitenstadt Mesa sammelte er kürzlich 60 Freiwillige, angetan mit kugelsicheren Westen, um nach Mitternacht in Rathaus und Stadtbibliothek eine Razzia zu starten. Es endete mit der Festnahme dreier verstörter Putzfrauen, denen nichts nachzuweisen war. Eines Tages, fürchtet die reguläre Polizei, drohen die Feldzüge der Miliz des Sheriffs in einer blutigen Konfrontation zu enden. Das Kabinett Barack Obamas wiederum prüft, ob Arpaio Menschen nur deshalb ins Fadenkreuz nimmt, weil sie braune Haut haben. Ob er, was illegal ist, nach Rassenkriterien vorgeht.

"Sollen sie ruhig schnüffeln", sagt der Sheriff ungerührt. "Schauen Sie meine Beliebtheitskurve an. 69 Prozent, Trend nach oben. Kann Herr Obama damit konkurrieren?" (Frank Herrmann aus Phoenix/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2009)

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    Sheriff Joe Arpaio lässt sich interviewen, während "seine" Häftlinge in neue Unterkünfte geführt werden. Seit einem Versuch, weiße Unterwäsche hinauszuschmuggeln, müssen sie rosa Shorts tragen.

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