"Da hat Berlin eindeutig Nachholbedarf"

16. Oktober 2009, 17:55
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Der Unternehmensberater Stefan Höffinger stellt dem belebten MQ ein recht gutes Zeugnis aus - Die Berliner Museumsinsel hingegen sei noch "klinisch aseptisch"

Standard: Wie wichtig ist ein funktionierendes Museumsquartier bzw. eine Museumsinsel für eine Stadt?

Höffinger: Sehr. Moderne Städte haben nicht nur ein Zentrum, sondern mehrere pulsierende Herzen - und das Museumsquartier in Wien ist so ein pulsierendes Herz geworden. Es ist auch ein Wirtschaftsfaktor, der Kreativsektor ist ein Arbeitsplatzschaffungsinstrument.

Standard: Gemessen an der Einwohnerzahl liegt das MQ bei den Besuchern auch im internationalen Vergleich gut.

Höffinger: Natürlich sind viele Besucher nicht die einzige, aber eine wichtige Komponente - für die Wirtschaft, für die Kulturinstitutionen und letztlich auch für das Bildungsniveau. Im Vergleich zu Berlin ist es dem MQ besonders gut gelungen, das Third-Places-Konzept zu etablieren, also zum Wohnzimmer der Stadt zu werden, weil man sich wirklich strategisch und konzeptionell um die Entwicklung des Standortes gekümmert hat. Auch gegen die Widerstände von Partikularinteressen.

Standard: Wie gelang das?

Höffinger: Man hat die Clustertheorie auf Kultur angewendet: Es gibt einen Wettbewerb der einzelnen Institutionen, aber alle Akteure profitieren von der Dynamisierung des Clusters. Das offene Konzept in Wien zeigt auch für Berlin das Potenzial auf. Allerdings: Kanzlerin Angela Merkel wohnt gleich gegenüber der Museumsinsel. Das Areal so offen zu konzipieren, ist also auch eine Sicherheitsfrage.

Standard: Das MQ hat einen zentralen Direktor, die Museumsinsel nicht. Hier gibt es dafür die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die auch für Österreich immer wieder als Vorbild genannt wird. Welcher Variante geben Sie den Vorzug?

Höffinger: Der ersten: Management ist die individuelle Gesamtverantwortung für eine genau definierte Zielerreichung. Das bedeutet im konkreten Fall, dass Kunst, Kultur und Wirtschaft miteinander verknüpft werden mit der Zielrichtung: Je mehr Erlöse ich mir durch Dienste am Areal erwirtschafte, desto mehr Handlungsspielräume schaffe ich für spannende kulturelle Inszenierungen wie Vienna Fashion Week, Vienna Design Week, Quartier 21, Tanzquartier. Dieser Mix ist die große Stärke des MQ. Da hat Berlin eindeutig Nachholbedarf und muss überlegen: Was passiert in den Freiflächen zwischen den Institutionen? Das heißt nicht, dass man überall Sitzmöbel aufstellt. Aber man hat sich noch keine Modeschau nach 22 Uhr einfallen lassen. Natürlich kann man die Museumsinsel klinisch antiseptisch belassen, wo man sich am Abend fürchtet. Das könnte eine Option sein; wir nennen das eine "do-nothing" -Option.

Standard: Als nachteilig für Wien konstatieren Sie einen geringen internationalen Wiedererkennungswert wegen fehlender architektonischer Differenzierung. War es ein Fehler, den Leseturm nicht zu bauen als Landmark für Wien?

Höffinger: Landmarks nützen der Identitätsstiftung eines Areals und eines Third Place. In Berlin ist es ja so: Eine Insel, die von der Spree umspült wird, ist per se schon ein perfekt inszenierter, wie am Reißbrett konzipierter Standort. Der braucht keine Landmarks. Allerdings ist dieses Atout noch nicht genutzt. Wenn die Museumsinsel die spannendste urbane Zone Europas werden will, dann muss man sich noch einiges überlegen.

Standard: Wo liegt noch Potenzial für das Museumsquartier?

Höffinger: Gut gelungen ist, dass die Wiener das MQ selbst nutzen. Nun müsste man vermehrt auch internationales Publikum ansprechen. Und versuchen, von den mehr als drei Millionen MQ-Besuchern noch mehr in die Institutionen zu holen.

Standard: Wie gelänge das?

Höffinger: Indem man sich untereinander noch mehr vernetzt und mit den Bedürfnissen dieser potenziellen Besucher auseinandersetzt. Eine gute Ausstellung reicht nicht.

(Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

Zur Person:
Stefan Höffinger, Jahrgang 1967, ist Geschäftsführer bei Arthur D. Little. Einer seiner Schwerpunkte ist die Professionalisierung von Kulturinstitutionen.

>>> Zeitgemäßer Angebotsmix als Erfolgsfaktor
In einer Studie von Arthur D. Little werden das Wiener Museumsquartier und die Berliner Museumsinsel miteinander verglichen

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