Ein Wahlkampf noch ohne Kandidaten

16. Oktober 2009, 17:56
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Heinz Fischer besucht Schulen, ein Seniorenheim, die Polizei, ein Rathaus, ein Museum - Man könnte meinen, der Bundespräsident stecke mitten im Wahlkampf

Wien - Heinz Fischer sagt nicht, dass er sich über die Absage Erwin Prölls freut, er zeigt das selbstverständlich auch nicht. Aber wenn der Bundespräsident der "Mensch aus Fleisch und Blut" ist, als den er sich im Kontakt mit dem Bürger gerne präsentiert, dann wird ihm eine solche Regung nicht fremd sein. Einen Kommentar kann man ihm zu dem Thema kaum entlocken. Da schaltet Fischer auf den Präsidentengang - und der lässt sich bei ihm schlicht mit "diplomatisch" beschreiben. Eine wohldosierte Balance zwischen dem, was er wirklich denkt, und dem, was er mit Rücksicht auf sein Amt sagen kann. Im Gespräch mit Journalisten bedeutet das in diesem Fall "kein Kommentar" zum niederösterreichischen Landeshauptmann.

Gegner mit Chancen

Ein Oberstufler probiert es am Donnerstag beim Schülertag in der Hofburg trotzdem: "Wer wäre denn Ihr Lieblingsgegner bei der nächsten Präsidentenwahl?" , will er vom Hausherren wissen. Der gibt sich in einer ersten Reaktion ganz offen. Er nehme "diese Sache sehr ernst" , er wünsche sich aber sicher nicht jenen als Konkurrenz, der "die wenigsten Chancen hat" . Das klingt klar. Eindeutig. Fischer will es noch einmal wissen. Der alte Präsident will auch der neue werden. Würde da nicht auch der Jurist in ihm stecken. Und der hängt noch Absatz zwei an den Antrittswahrscheinlichkeits-Paragrafen dran:"Momentan" gebe es jedenfalls "noch keinen einzigen offiziellen Kandidaten" . Üblicherweise würden diese aber im November bekanntgegeben, erklärt Fischer den rund 260 versammelten Schülern. Um ihnen dann indirekt anzukündigen:"Ich rechne auch diesmal damit."

Als Grund für sein Zögern führt Fischer immer den nervenaufreibenden Wahlkampf an, den er den Wählern ersparen wolle. Und auch für ihn selbst geht es ab dem Tag der Ankündigung los: Mit den Anschüttungen der politischen Mitbewerber und mit einem noch dichteren Terminplan.

Fotos mit jeder Klasse

Der ist schon jetzt nichts für Arbeitsfaule. Man nehme etwa diesen Donnerstag: Frühstücksbesuch der Wiener Landfrauen, die den Präsidenten auf ihre schwierige finanzielle Situation aufmerksam machen wollen; Schülertag inklusive Fotos mit jeder Klasse und persönlichen Gesprächen mit den Jungwählern; Besuch des Caritas-Seniorenheims in Baden; weiter zum Beethovenhaus, Rathaus, Stadtpolizei Baden; zuletzt noch ein Schulbesuch und ein Abstecher ins Arnulf Rainer Museum. Dazwischen: Telefonate, Besprechungen, Telefonate. "Das ist ein ganz normaler Arbeitstag" , wird man im Büro des Präsidenten nicht müde zu betonen. Wahlkampf sehe anders aus. Wie, dafür konnte sich Fischer-Mitarbeiterin Astrid Salmhofer im Frühjahr Anregungen beim Wahlkampfteam von Barack Obama holen. Einiges der amerikanischen Taktik ließe sich auch auf Österreich übertragen, ist sie sicher. Wertvollstes und einziges Stichwort: Authentizität.

Kein Twittern, kein Facebook

Der bekennende Obama-Fan Fischer wird also nicht via Blackberry twittern, wird sich keinen Facebook-Account zulegen, wird die Nation nicht wie einst seine Mitbewerberin Benita Ferrero-Waldner via Weblog über den Besuch der Freiwilligen Feuerwehr Wulkaprodersdorf in Atem halten. Wobei er gerade mit den Wulkaprodersdorfern seine eigenen Erfahrungen hat. Im Jahr 2003 ließ Fischer auch auf seine offizielle Kandidatur warten (und Erwin Pröll auf seinen Rückzug), also preschte die burgenländische SPÖ vor: In einem Kalender für 2004 warben sie für Fischer als Präsidentschaftskandidaten, ohne dass der überhaupt nominiert war.

Diesmal wird er es selbst bekanntgeben. Im November. Der Ton ihm gegenüber wird bereits jetzt härter. Zuletzt meinte Doch-Nicht-Kandidat Pröll in Richtung Fischer, er werde "als Parteimann wahrgenommen, der in der Alltagsarbeit gar nicht so umsichtig und ruhig ist, wie er das nach außen vorgibt" . Zumindest eines bleibt dem Präsidenten bis zum offiziellen Wahlkampfauftakt: sein Schlaf. Der ist ihm so wichtig, dass er Abendtermine um spätestens 23 Uhr zu beenden pflegt. An "ganz normalen" Arbeitstagen. (Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe 17./18.10.2009)

 

  • Heinz Fischer wird von den Schülern nach einem Gegenkandidaten gefragt.
Eine Herausforderung kann er sich schon vorstellen.
    foto: standard/cremer

    Heinz Fischer wird von den Schülern nach einem Gegenkandidaten gefragt. Eine Herausforderung kann er sich schon vorstellen.

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