Zeitgemäßer Angebotsmix als Erfolgsfaktor

16. Oktober 2009, 17:44
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In einer Studie von Arthur D. Little werden das Wiener Museumsquartier und die Berliner Museumsinsel miteinander verglichen

Das Wiener Museumsquartier (MQ), ein auch international einzigartiger Mix aus Kultur- und Freizeiteinrichtungen, zählt zu den zehn größten Museumsarealen weltweit. Nun wächst dem innerstädtischen Kulturviertel buchstäblich ein (über)mächtiger Konkurrent heran: Seit der glanzvollen Wiedereröffnung des Neuen Museums sind ab diesem Wochenende erstmals seit 70 Jahren alle fünf Häuser der Berliner Museumsinsel dem Publikum zugänglich. Und die ägyptische Königin Nofretete residiert wieder standesgemäß.

Dass es im MQ keine vergleichbaren klassischen Kunstschätze gibt, ist laut einer vom Standard angeregten Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little einer seiner Schwachpunkte. Die Berliner Museumsinsel hingegen schwächelt in puncto Freiraumgestaltung, während sich das MQ, wie es in der Studie heißt, als "Third Place" etablieren konnte: Als halböffentlicher Raum also, wo man sich - nach Wohnung und Arbeitsplatz - besonders gern aufhält.

Möbliert mit den Enzis, den berühmten Sitzmöbeln mit jährlich wechselnder Farbgestaltung, sowie dank der vielen Lokale ist das MQ also ein beliebter Hang-out und Hang-around für 3,6 Millionen Besucher pro Jahr, Tendenz steigend. Allerdings: Nur ein Drittel besucht auch eine der Kulturinstitutionen. Die Bedürfnisse dieser potenziellen zwei Millionen Besucher müssten, so Studienleiter Stefan Höffinger, genauer analysiert werden.

Europas führende Museen ziehen Jahr für Jahr beeindruckende Besucherströme an, allen voran der Louvre mit 8,5 Millionen Menschen. An dritter Stelle rangiert mit 5,5 Millionen Besuchern das Centre Pompidou: Eines der ersten Museen, das sich als Kulturzentrum und nicht nur als Kunsttempel verstanden hat. In der Zwischenzeit hat es sein Konzept nach Metz und Shanghai exportiert.

Die Berliner Museumsinsel wird - noch - nicht als öffentlicher Lebensraum wahrgenommen: Untertags herrscht Baustelle, abends mangels Lokalen tote Hose. Dennoch strömen drei Millionen kunstaffine Menschen in die weltberühmten Museen. Allein das Pergamon-Museum lockt jährlich 1,3 Millionen Menschen an - so viel wie alle Kulturinstitutionen des MQzusammen.

Die Conclusio der Studie: Um als Kulturcluster internationale und als "Third Place" städtische Bedeutung zu erlangen (und zu behalten), reicht es nicht, nur das Kunstpublikum anzusprechen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor, um neue Zielgruppen und vor allem auch junge Menschen zu erreichen, ist der zeitgemäßeMix aus Kulturangeboten und Freizeitattraktivitäten.

Als wichtig erachten die Studienautoren auch eine klare Managementverantwortung für Gestaltung, Programmierung und Feinabstimmung des gesamten Areals, sowie eine kontinuierliche Evaluierung und Performance-Messung. Und schließlich empfehlen sie die bewusste Öffnung in Richtung Wirtschaft und (Kreativ-)Industrie. Das nützte nicht nur dem Kulturareal, sondern der ganzen Stadt. (Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

>>> "Da hat Berlin eindeutig Nachholbedarf"
Der Unternehmensberater Stefan Höffinger stellt dem belebten MQ ein recht gutes Zeugnis aus - Die Berliner Museumsinsel hingegen sei noch "klinisch aseptisch"

  • Das Museumsquartier in Wien, ein urbanes Wohnzimmer für mehr als 3,6 Millionen Besucher pro Jahr.
    foto: matthias cremer

    Das Museumsquartier in Wien, ein urbanes Wohnzimmer für mehr als 3,6 Millionen Besucher pro Jahr.

  • Besuchermagnet Museumsinsel in Berlin. Noch fehlt der zentrale Eingang nach Plänen von David Chipperfield, der auch das Neue Museum spektakulär  saniert hat.
    foto: stiftung preußischer kulturbesitz

    Besuchermagnet Museumsinsel in Berlin. Noch fehlt der zentrale Eingang nach Plänen von David Chipperfield, der auch das Neue Museum spektakulär saniert hat.

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