Am Land zählt Mundpropaganda

18. Oktober 2009, 17:02
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In Kirchdorf bildet die Fraueneinrichtung berta Lotsinnen aus, die in migrantischen Communities über Gesundheits- und Bildungsfragen informieren sollen - Das Pilotprojekt hat noch Restplätze frei

Am Flughafen geht ohne sie gar nichts, in der realen Welt, die die Kompliziertheit der Flugfahrt noch um einiges übersteigen kann, waren sie bisher nicht unterwegs. Nun sollen Lotsinnen aber auch im sozialen Nahbereich für Sicherheit und ein reibungsloses Gleiten durch die gesellschaftlichen Institutionen sorgen.

Die Frauenberatungsstelle Berta im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems bildet derzeit (ab Oktober) mehrere "Lotsinnen" aus, die entweder im Bildungs- oder im Gesundheitsbereich aktiv werden können. Das besondere daran: Der Verein sucht Frauen mit Migrationshintergrund für diesen Job, die wiederum den Kontakt mit Frauen aus deren Communities herstellen sollen. Das Ziel der Lotsinnen ist es, Migrantinnen mit mangelnden Sprachkenntnissen und damit eingehender geringerer sozialer Mobilität bei alltäglichen Fragen im Schulbereich oder im Umgang mit ÄrztInnen und Behörden zur Seite zu stehen.

Wie Migrantinnen erreichen?

Befragt nach der Motivation für den bisher einzigartigen Lehrgang MILO im ländlichen Raum, meint Projektleiterin Eva Mühllechner: "Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass die klassischen Kommunikationswege der Erwachsenenbildung, etwa durch Inserate in Zeitungen oder Plakate, bei migrantischen Familien nicht funktionieren. Wir erreichen sie nicht."

Der Verein hat eine Studie in Auftrag gegeben, die im Vorfeld den Bedarf bei Migrantinnen und Sozialeinrichtungen ermessen sollte. Herausgefunden hat die Studie (einmal mehr), dass mangelnde Sprachkenntnisse die Hauptbarriere für Frauen darstellen, sich in der Mehrheitsgesellschaft und vor allem unabhängig von ihrer Familie zurechtzufinden. Mangelnde Partizipationsmöglichkeiten auch im Hinblick auf die Förderung und den beruflichen Werdegang der Kinder sind damit vorprogrammiert.

Die Studie, in der 15 Migrantinnen aus der Region befragt wurden, hat weiters gezeigt, dass mangelnde Sprachkenntnisse auch in der Gesundheitsversorgung immer wieder zu Problemen führen. "Eine Befragte wusste zum Beispiel nach dem Arztgespräch, dass ihr etwas am Hals fehlen würde. Das konnte ihr Mann übersetzen. Dass es sich dabei allerdings um ein Schilddrüsenleiden handelte, stellte sich erst viel später heraus", erläutert Mühllechner die spezielle Problematik.

Lerninhalte

Die ehrenamtlichen Gesundheitslotsinnen sollen künftig in genau solchen Fällen einspringen und mit Sprachkenntnissen und spezifischem Wissen weiterhelfen. Im Gesundheitslehrgang erhalten die Frauen Schulungen zu häufigen Krankheiten und Vorsorge- und Präventivmedizin. Es werden Inputs zu Sucht- und Drogenproblemen, Schwangerschaftsberatung, Erste Hilfe und sicherer Haushaltsführung gegeben. Geschult werden die Lotsinnen auch im gezielten Netzwerken: Neben den notwendigen Kontakten zu Hilfs- und Beratungseinrichtungen durch die Vortragenden selber, erhalten die Frauen auch die Skills, selbst stabile Kontakte aufzubauen.

Im Bildungslehrgang liegt der Fokus auf Bildung und Arbeitsmarkt. Vermittelt werden Optionen zum Spracherwerb, die Zusammenarbeit mit Schulen, Betreuungseinrichtungen für Jugendliche aber auch die Anerkennung von nicht-österreichischen Schulabschlüssen und Berufsausbildungen. Die Studie habe gezeigt, dass zwar viele Migrantinnen über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, jedoch keine einzige davon eine Nostrifikation dieser Abschlüsse in Österreich in Betracht zog. "Hier wollen wir entgegenwirken und den Frauen Wege aufzeigen", so Mühllechner.

Aufgaben der Lotsinnen

Die Kontaktaufnahme mit den Migrantinnen müsse frau sich nicht so vorstellen, dass die Lotsinnen von Haus zu Haus ziehen und bei den Familien anklopfen. Die Fraueneinrichtung Berta vertraut darauf, dass sich das Angebot der Lotsinnen über Mundpropaganda verbreitet. "Vor allem in ländlichen Raum ist das die Hauptinformationsquelle für migrantische Communities. Persönliche Kontakte sind das A und O bei der Vermittlung".

Um hier authentisch auftreten zu können, ist eben die migrantische Herkunft der Lotsinnen von Bedeutung. Berta sucht für ihr Projekt gut integrierte Frauen, die in der Region leben und sich ehrenamtlich engagieren wollen. "Unter gut integriert verstehen wir Frauen, die ausreichende Sprachkenntnisse besitzen und auch Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft führen. Sie sollten grundlegende Kenntnisse von Ämtern und Behörden haben und den Alltag meistern können ohne externe Hilfe zu brauchen". Auf Nachfrage betont Mühllechner, dass das Tragen eines Kopftuches für das Lotsinnen-Projekt kein Problem darstellt: "Das, was unter dem Kopftuch ist, ist uns erheblich wichtiger."

Auf die bisherigen Teilnehmerinnen ist der Verein "sehr stolz". Von der Akademikerin bis zur Hausfrau ist alles dabei, auch die Herkunftsländer würden sich nicht nur auf Ex-Jugoslawien und der Türkei beschränken.

Derzeit gibt es pro Kurs zwischen fünf und acht Teilnehmerinnen, was die Organisatorinnen optimistisch stimmt. Dennoch werden noch weitere Interessentinnen gesucht, denn das Ziel sei pro Lehrgang mindestens sieben Absolventinnen zu haben.

Weitere Informationen

Der Lehrgang zur Bildungs- bzw. Gesundheitslotsin umfasst 56 Stunden und erstreckt sich über zwei Monate (die Kurse laufen bis zum 26. November). Gesucht werden noch Frauen mit Drittstaaten-Herkunft (also keine EU-Bürgerinnen), eine österreichische Staatsbürgerschaft ist jedoch kein Problem. Die Ausbildung zur Lotsin ist kostenlos und findet im Raum Kirchdorf statt. Die anschließende Ausübung der Lotsinnen-Funktion ist vorerst ehrenamtlich. (freu, dieStandard.at, 18.10.2009)

Interessentinnen melden sich bitte an die Frauenberatungsstelle Berta bzw. direkt an Projektleiterin Eva Mühllechner.

www.frauenberatung-kirchdorf.at

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  • Das Berta-Team in Kirchdorf: Susanne Rettig und Eva Mühllechner plus die Studienautorin Birgit Appelt (v.l.n.r.)
    foto: berta beratungsstelle kirchdorf

    Das Berta-Team in Kirchdorf: Susanne Rettig und Eva Mühllechner plus die Studienautorin Birgit Appelt (v.l.n.r.)

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