Das Gespenst der Freiheit

16. Oktober 2009, 16:28
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Wir waren nach Krakau gereist, ins Museum Czartoryski, wo es nach Bohnerwachs roch und billigen Nikotinschwaden - Von Andrea Maria Dusl

Über den wilden Osten und die Dame mit dem Hermelin.

Da war der Eiserne Vorhang und dahinter der Kommunismus und die Raketen, und alles war gefährlich. Osten nannten wir es. Osten, das Reich des Bösen. Und eines Tages war das nicht mehr so. Eines Tages war der Eiserne Vorhang gefallen, hatte sich die Welt verändert. Nicht auf grünen Tischen und in präsidialen Besprechungsbunkern war das Undenkbare geschehen, sondern auf den Straßen, direkt vor unseren Augen. Eines Tages waren die Busse gekommen, zu Hunderten, stinkende, schmutzige Reisereptile, und in ihnen war die Reinheit gesessen. Die Ausgesperrten, die Entmündigten. Mit leuchtenden Augen waren sie zu uns gekommen in den goldenen Westen, hatten fassungslos in die Auslagen geschaut, nur ein wenig geschaut und geweint, weil das Glück der Freiheit in ihren Herzen Feuer entfacht hatte. Nie vorher und nie nachher habe ich das Glück in solch reiner Form gesehen, wie damals an einem kalten, verhangenen Herbsttag, als die Slowaken nach Wien gekommen waren, in ihren düsteren und schlecht riechenden Bussen.

An diesem Tag hatte sich auch meine Welt verändert. Was waren das für Menschen, die solch tiefer Gefühle fähig waren, die weinen konnten wie Kinder? Ich wollte dorthin, wo sie herkamen, den Strom der Emotionen aufwärtsrudern. Wollte in den Osten, in das Reich des Bösen. Auf dem Weg vom Heldenplatz, wo ihre Busse parkten an diesem einen Tag des kollektiven Reiseglücks, kam ich in der Herrengasse vorbei und stolperte in eine Kunstbuchhandlung. Und in dieser Kunstbuchhandlung fiel ich in eine Postkartenkiste. Und in der Postkartenkiste taumelten meine Finger durch Picassos und Mirós und Botticellis und Ucellos, und mein Gehirn rauchte. Ich wollte ein Bild finden für das Gesehene. Und dann blieb die Welt, die sich eben für immer verändert hatte, endgültig stehen. In der kleinen braunen Postkartenkiste, zwischen Mona Lisas und Anna selbdritts, sah ich das schönste Bild der Welt. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Und auf magische Weise verband sich meine Ergriffenheit über die Freiheitstränen der Ostler in ihren rußigen Bussen mit dem Bild hier, mit der billigen Postkarte eines fernen Porträts.

Die Dame mit dem Hermelin hieß das Bild. Und es war von Leonardo. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Es war zu schön, um vom Daniel Düsentrieb aus da Vinci zu sein, es war tausende Male eleganter als die dicke Mona Lisa, stärker als jede seiner Kriegsmaschinen, magischer als seine abgründigen Bibeldarstellungen. Es war und es ist das schönste Bild der Welt. Museum Czartoryski, Krakau, sagte die Postkarte auf der Rückseite.

Und dann, ein paar Stunden, nachdem die Grenze aufgegangen war, hatten wir uns in den alten Mercedes meines Vaters gesetzt, Rainer Egger und ich, und waren in den Osten gefahren, ins Reich des Bösen. Es war November, regnerisch und neblig, und trotz ihrer ganzen Hässlichkeit war diese fremde Welt eine sehr romantische. Voller Menschen, die ungeahnte Sehnsüchte und seltsame Paradiese in ihren Herzen bargen. Und dann begannen wir, kleine Filme zu machen über die Begegnung der Welten, über das zaghafte Verschmelzen der Wirklichkeiten, besuchten Bratislawa und die kleinen Karpaten und die Ausläufer der Tatra.

Schreibe über ein Bild, sagte der Standard zwanzig Jahre später. Es gibt nur ein Bild, über das ich schreiben kann, sagte ich. Es ist das schönste Bild der Welt. Leonardos La dama con l'ermellino, die Dame mit dem Hermelin. Rainer anrufen, dachte ich dann, Rainer fragen, he Rainer, hier Andrea, du, Folgendes, lach jetzt nicht, mir ist der Nebel eingefallen, Krakau, unsere Reise, unsere Reise durch die Tatra, nach Krakau. Wann war das? Es kann nicht mehr 1989 gewesen sein, in Zakopane lag kein Schnee. Es muss später gewesen sein. Mir fällt der Regen ein, auf der breiten löchrigen Straße nach Nowa Huta. Und die Sonnenstrahlen, die den Regen verjagt hatten. Und dass es milder Regen gewesen war. "1990 Polen" googelte ich, und da stand es auch schon: "Am 9. Dezember 1990 gewann Lech Walesa die Präsidentschaftswahlen und wurde für fünf Jahre Präsident Polens."

Und jetzt fällt wieder der nächtliche Krakauer Nebel ein und das große Wahlplakat von Tadeusz Mazowiecki, dem Mann mit dem traurigsten Gesicht der Welt, dem Liberalinski, der damals gegen Lech Walesa um den Titel "König von Polen" ritterte. Am Rynek Glówny hatten sie das Plakat aufgespannt, am Hauptplatz, auf ein Fachwerk aus Gerüstrohren, gleich ums Eck von dem Hotel, in das ich mit Rainer eingecheckt hatte. Obwohl wir damals noch nicht "eingecheckt" gesagt hätten. Hotel Saski hieß das Hotel, und wir haben dort nicht eingecheckt, wir sind abgestiegen. Ausgestiegen. Aus dem dunkelblauen Mietwagen. Ja genau. So war das. Saski hieß der Kasten.

Und dann erinnerte ich mich an den ersten Abend in Krakau. Wie wir vom Hotelzimmer hinuntergesehen hatten, aus dem ersten Stock des Saski, und das sehr wichtige Wort Kino gelesen hatten. Wie wir uns fertig gemacht hatten, was 1990 bedeutet hatte, sich unter eine Ladung Eau de Cologne zu stellen und mit dem nassen Finger über die Zähne zu fahren. In die hohle Hand zu hauchen und sich eine Kippe anzustecken, um den Mund zu desinfizieren.

Taxi Blues hieß der Film, Taksi-Blyuz, mit Ka-Es, er spielte in Moskau, im Taksifahrermilieu, an einem nebeligen Abend sahen wir ihn, gleich unter unserem Hotelzimmer, am Tag vor der Hermelin. Taksi-Blyuz hatte bei uns eingeschlagen wie ein Blitz. Ich erinnere mich nicht mehr an die Handlung, gewiss, ein Taxi kam vor, eine Wolga-Schüssel, und diese Frau, diese herbe, starke Frau, diese Russin, die uns sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft. Rainer und ich waren in dem Kino gesessen, mitten im nebeligen Krakau, auf abgegriffenem Plüsch, und hatten kein Wort verstanden. Aber wir hatten verstanden, dass es keine Zufälle gibt. Hinter uns, an der Rückwand des Kinos, war die ganze Zeit der Vorstellung Licht gewesen. Ein kleines Tischchen war dort gestanden, fahl beleuchtet von dem Licht, eine dicke Frau hatte dort gesessen und aus einem Manuskript vorgelesen. Was hatte sie vorgelesen? Die polnische Übersetzung des Films.

Schon das wäre den Besuch der Vorstellung wert gewesen, hatten wir uns damals gedacht, dieses melancholische Gefühl, das sich eingestellt hatte, als die dicke Polin sämtliche russischen Charaktere in ihr Mikro gehaucht hatte, hinten, auf einem kleinen Tischchen sitzend, ein Kauderwelsch über das andere setzend. Und dann hatte sich die Russin, die Freundin des Taksifahrers, die Rainer und mich sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft, plötzlich materialisiert, war auf die Bühne gestiegen, begleitet von der dicken Polin, vom Übersetzerzerberus. Das Kino hatte geklatscht, gescheite Fragen gestellt, auf Polnisch, der Übersetzerzerberus hatte übersetzt, und Natalia Kolyakanova, die Taxi-Blues-Schöne hatte gestrahlt.

Das Unaussprechliche

Morgen würde das Unaussprechliche passieren. Wir würden die Dame mit dem Hermelin besuchen. Deswegen waren wir überhaupt nach Krakau gekommen. Wegen der zartfingrigen Schönheit mit dem elfenbeinernen Gesicht. Nur Leonardo konnte so etwas gemalt haben. Und es war nicht das Gesicht allein, das mich so fasziniert hatte, nicht die Zartheit ihres Körpers, das Kleid, der Schleier, die zarten Hände, die so stark waren und das unheimliche Raubtier bändigten, das kaltäugige Hermelin. Es war noch mehr in diesem Bild. Leonardos Dame hielt das Prinzip der Freiheit in Händen.

Ich erinnerte mich wieder, wie ich ihr verfallen war, der Mätresse, Lodovico Sforzas Puella. Auf einer Postkarte hatte ich sie zum ersten Mal gesehen. In einer Kunstbuchhandlung in Wien. Schräg gegenüber vom Filmmuseum und seinen Schätzen. Und die Welt hatte aufgehört, sich zu drehen. Die bewegten Bilder drüben, in der dunklen Kammer, hatten aufgehört, heilig zu sein. Weil dieses Bild hier ein ganzer Film war.

Es war schon eine seltsame Zeit gewesen, als der Eiserne Vorhang aufgegangen war, als der Nebel aus den Ritzen der Vergangenheit gequollen und sich wie milchiges Vergessen über den Osten gelegt hatte. In einer Nacht, so war es ins Rollen gekommen, das Hermelinsuchen, das Krakaufahren, hatte ich von einem Bazar geträumt, einfach so, ohne Anlass, ohne Auslöser, ohne Grund, von einer hohen Halle, düster gewölbt wie eine mittelalterliche Kirche, von Tüchern und Tuchballen, die darin feilgeboten wurden, in kleinen Seitengewölben, Läden gleich, von Kesseln und Karaffen, Schnitzwerk und Geschmeide. Und in diesem fernen und doch so nahen Traumraum war ich weitergestolpert, das Hermelin zu suchen, die Hermelinfrau, Ludovico Sforzas Geliebte. Bilder hingen in meinem Traum an der Wand, Landschaften und Porträts, Stillleben und Jagdstücke. Ein Korridor, eine Galerie, ein Heiligtum, eine Schechina. Und dann hatte sich der Raum verjüngt und mich ins Dvir gesogen, ins Allerheiligste, ins Sanctum Sanctorum, ins Kodesh Hakodashim. Und da war sie, Leonardos Geliebte, die Gallerani, die Dame mit dem Hermelin. Allein in diesem Raum, der mit blutrotem Samt ausgeschlagen war, wie der Stoff, der aus ihrem aufgeschlitzten Kleiderärmel quoll.

Und dann waren wir meinem Traum nachgereist, nach Krakau, und sind mit der Straßenbahn ins Czartoryski gefahren, den düsteren Kasten suchen, der nach Bohnerwachs roch und billigen Nikotinschwaden polnischer Zigaretten. Lächerliche Filzpantoffel hatten wir überstreifen müssen. Und es war alles wie in meinem Traum gewesen. Der Korridor, die Landschaften, die Porträts, die Stillleben, die Jagdstücke. Das Knarzen des Parketts, wenn wir mit unseren Filzkähnen durch die Salonfluchten rutschten. Und dann, von der Angst überschattet, es könnte alles anders sein, ganz anders, hatte sich, hinter den Landschaften, den Porträts, den Stillleben und Jagdstücken, tatsächlich ein Raum geöffnet, ganz wie ich ihn geträumt hatte. Dunkel, leise, leer. Ein wahrhaftiges Kodesh Hakodashim.

Und wie im Dvir in Salomons Tempel hatte ich es nicht gewagt, den Blick zu heben. Ich hatte mich still auf die Bank gesetzt, die in der Mitte des quadratischen Raums aufgestellt war. Die Augen geschlossen und gehofft aufzuwachen. Aber es war kein Traum gewesen, diesmal war ich tatsächlich bei Cecilia Gallerani.

Das Erste, was ich sah, nachdem ich es wagte, die Augen zu öffnen, war der dunkelrote Samt. Dann das damaszierte Gold des wuchtigen Rahmens. Und dann sah ich sie selbst, jenseits von Zeit und Raum, das Hermelin haltend, das sich böse und listig ihrem festen Griff zu entwinden suchte. Sie war noch schöner, noch unerreichbarer als in meinem Traum. Ich war allein mit diesem Bild, und mich schauderte. Ich fuhr mit Blicken das dünne schwarze Band entlang, das ihre Stirn in zwei Hälften schnitt.

Ich lächelte, als ich ihres Mundwinkels gewahr wurde, den sie leicht, unendlich leicht nach oben gezogen hatte, als würde sie wissen, das jetzt, im nebeligen Krakau des Jahres 1990, auf den Tag genau fünfhundert Jahre, nachdem sie Leonardo gemalt hatte, eine durchgeknallte Wienerin vor ihr sitzen und den Traum nicht von der Wirklichkeit würde unterscheiden können. Ich zählte die schwarzen Perlen, die ihren Hals umspannten, glitt am Flechtwerk ihres Zopfes entlang, verlor mich in ihrem flachgedrückten Busen und in dieser unfassbaren Hand, die das weiße Tier bändigte, das Gespenst der Freiheit. Und dann schossen Tränen in mein Gesicht.

Und ich wurde gewahr, dass ich nicht allein war auf der Bank. Rainer saß neben mir. Und die Russin. Die starke Russin aus dem Taksifilm. Auch sie hatten Tränen in den Augen. (Andrea Maria Dusl, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

Zur Person:
Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien, ist Regisseurin, Autorin und Zeichnerin. Sie betrieb zahlreiche Filmrecherchen in Osteuropa, u.a. für ihr Filmdebüt "Blue Moon" (2002). 2008 erschien von ihr der Roman "Boboville" (Residenz).

  • "Ich lächelte, als ich ihres Mundwinkels gewahr wurde, den sie leicht
nach oben gezogen hatte, als würde sie wissen, das jetzt, im nebeligen
Krakau des Jahres 1990, auf den Tag genau fünfhundert Jahre, nachdem
sie Leonardo gemalt hatte, eine durchgeknallte Wienerin vor ihr sitzen
und den Traum nicht von der Wirklichkeit würde unterscheiden können."
    foto: der standard

    "Ich lächelte, als ich ihres Mundwinkels gewahr wurde, den sie leicht nach oben gezogen hatte, als würde sie wissen, das jetzt, im nebeligen Krakau des Jahres 1990, auf den Tag genau fünfhundert Jahre, nachdem sie Leonardo gemalt hatte, eine durchgeknallte Wienerin vor ihr sitzen und den Traum nicht von der Wirklichkeit würde unterscheiden können."

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