Langsamer Aufbruch

16. Oktober 2009, 16:31
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Auf der Suche nach Erinnerungen, die verschüttet worden sind: "Magdalenaberg" , der neue Roman von Reinhard Kaiser-Mühlecker

"Ich heiße Joseph." Es braucht dreiundfünfzig Seiten, um dieses Ich in Reinhard Kaiser-Mühleckers neuem Roman Magdalenaberg aus der Verschanzung zu holen. Das Ich ist sich selbst nicht geheuer. Der Leser erfährt zunächst von Albert und Rudi, von Christian, Papa, Mama und vor allem von Wilhelm, dem toten Bruder.

Joseph bleibt auf Distanz. Der Bauernsohn, der gleich nach der Matura den elterlichen Hof in Pettenbach im Almtal verlassen hat, um in die Stadt zu ziehen, sucht aus sicherer Entfernung nach Erinnerungen an seinen verstorbenen Bruder. Die Stadt hat diesen getötet, ein Straßenbahnunglück. Die Dichotomie Stadt/Land hat hier aber keine Relevanz, Lebensräume gehen in Magdalenaberg unmerklich ineinander über. Das Lose, das Fehlen von eindeutigen räumlichen wie zeitlichen Zuschreibungen hat Reinhard Kaiser-Mühl-ecker in seinem großen Debüt Der lange Gang über die Stationen jedoch noch deutlicher gepflegt. Eine an Gegenständen und Landschaften haftende, sachlich kühle Prosa bildetete darin die schleichende Entzweiung eines jungen namenlosen Landwirtpaares ab.

Magdalenaberg erzählt ebenso nüchtern, doch in konstruierteren Bewegungen von einem diffusen Verlustgefühl: "Mein Bruder Wilhelm hatte in meinem Leben einfach keine große Rolle gespielt." Und doch spürt Joseph den Schmerz, einen (verwandtschaftlich) nahestehenden Menschen in seiner Eigen- und Abgeschiedenheit nicht wahrgenommen zu haben. Wilhelm war jener Bruder, der nicht taugte, der sich von der Familie zurückzog, der, wie Joseph auch, in die Stadt ging und dort anstelle eines Boku-Studiums schließlich nur noch malte.

Es ist, als würde der Ich-Erzähler durch ein Fernglas auf seine unmittelbare Gegenwart schauen, an das Ufer des Hallstätter Sees, an dem Joseph nach Jahren in der Stadt nun lebt, und in das sechzig Kilometer entfernte Pettenbach, wo Wilhelm seit zwei Jahren am Friedhof am Magdalenaberg liegt.

Entschleunigung der Gedanken

Der Alltag des jungen Mannes, der sich durch eine stattliche Erbschaft eines Brotberufs entledigt hat, wirkt archaisch (Holzhacken, Feuermachen), seine wenigen, entschleunigten Tätigkeiten erzeugen ein Bild des Stillstands. Genau in dieser Verlangsamung, die Gedankenzwischenräume öffnet, wird die Komplexität der geschwisterlichen Verbindung und ihre - nach dem Tod des einen - nun unfreiwillig größer werdende Nähe, immer kenntlicher. So übersiedelt Joseph etwa als leises Zugeständnis an den Bruder in die oftmals genannte Hallstätter Defregger Gasse, sie ist dem gleichnamigen Maler gewidmet.

Zugleich bleiben diese wenigen Verbindungslinien zum Bruder im Hintergrund eines Lebens, in dem die Nähe zu Menschen von Grund auf gelernt sein will. Wie verlässt man und wie bindet man sich an Menschen? Vor allem lernt Joseph Katharina kennen, eine von denen, "für die es sich lohnt, sich ins Zeug zu legen" . Eine erste Zukunftsperspektive für einen Mittdreißiger, der lebt (und manchmal auch spricht), als wäre er ein Senior. In dieser neuen, wiederum auf naher Distanziertheit gründenden Beziehung zu einer Frau spiegelt sich tragisch die unterlassene Geschwisterliebe. Und doch wird diese Beziehung der Moment des Aufbruchs sein. Ein verzögerter Entwicklungsroman. (Margarete Affenzeller, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.10.2009)

Reinhard Kaiser-Mühlecker "Magdalenaberg" . € 20,60 / 192 Seiten. Hoffmann u. Campe, 2009

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