Schlicht und einfach "leben"

16. Oktober 2009, 20:48
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Der Einkauf im Sozialmarkt erspart Geld und das ununterbrochene Abwägen, was wichtiger ist: Joghurt oder Sauerrahm, Brot oder Paradeiser?

Es bedarf mehr als nur wenig Geld, um im Sozialmarkt (Soma) einzukaufen. Man muss die erforderliche Armut nicht nur schriftlich nachweisen, um einen Einkaufspass zu erhalten, man muss sie auch herzeigen. Mit seiner ganzen Person. Diese reiht man in eine Schlange vor dem Sozialmarkt ein, die manchmal bis zu zwanzig Meter die Straße hinaufführt. Ich studiere die Hausfassade, um nicht den Blicken der Passanten zu begegnen. Ich möchte hier keinem begegnen. Ich müsste mein Dasein erklären und beide Seiten wären dann peinlich berührt, solchen Emotionen entkommt man schwer. Die lästigen Spiegelneuronen.

Dabei bin ich heilfroh, hier einkaufen zu dürfen. Es erspart mir Geld und die mühsame Rechnerei im normalen Supermarkt, das ständige Addieren und wieder Verwerfen, sprich Subtrahieren, und das ununterbrochene Abwägen, was denn wichtiger sei, das Joghurt oder der Sauerrahm, die Radieschen oder die Paradeiser.

Leben wie im Traum

Ich fühle mich nicht arm, weil ich im Sozialmarkt einkaufe. Im Gegenteil: Seitdem ich arm genug bin, um im Sozialmarkt einkaufen zu dürfen, kommt mir das Leben wie ein schöner Traum vor. Ja, seitdem ich im Sozialmarkt einkaufe, fühle ich mich reich. Nichts zum Abheben. So ein Gefühl eben. Ein Reichtumsgefühl auf niedrigem Niveau. Ein Gefühl auf brüchigen Stufen.

Endlich bin ich bei der Treppe angekommen. Es ist kalt und regnerisch, und die Pensionisten vor mir beschweren sich beim Mitarbeiter des Sozialmarktes darüber, dass es so langsam weitergeht. Er könne nur Leute rein lassen, wenn welche rauskommen, wiederholt er stoisch. Der Mann neben mir zündet sich eine Zigarette an. "Warum warten, gibt eh nix", meint er, bleibt trotzdem in der Reihe. Ich gebe zu bedenken, dass ich schon einiges hier bekommen habe. "Makkaroni, ja", sagt er. Wir lachen. Es gibt zwar keine Makkaroni, aber er meint, die abgelaufenen Tagliatelle grandi, die von Anbeginn zwei Regalfronten füllen, weiße Schachteln mit kleinen Aufklebern am Kopf, Gastronomiepackungen zu fünf Kilo. "Es gibt nix, kein Fleisch, keine Salami", bemängelt der Nachbar. Mit der Salami hat er recht. Fleisch gab es mehrere Wochen lang in Reisfleischdosen zu einem Euro, später 50 Cent, und besonders erlesen in Hirschragout-Tiefkühlpackungen zu 1,50 Euro. Ich tischte meinen Kindern dreimal die Woche Hirschragout auf, das kannten sie nicht einmal vom Fernsehen.

Service wie in der Formel 1

Endlich bin ich bei denen, die rein dürfen. Ich hole einen Einkaufswagen und zeige den beiden Sozialmarktangestellten an der inneren Eintrittsschranke meinen Ausweis. Ein Grund dafür, warum im Sozialmarkt für Kunden nur beschränkt Platz ist, liegt an dem Umstand, dass hier der Service so zelebriert wird, dass sich der Kunde wie beim Formel-1-Boxenstopp vorkommt. Rund zwei Dutzend Leute in schwarzen T-Shirts arbeiten in dem kleinen Supermarkt. Drei Mitarbeiter geben das Gratisbrot aus; drei preisen die frisch abgelaufenen Activia-Jogurts aus; drei weitere stehen beim Gemüse, von dem es heute wieder einmal nur eine Sorte gibt, sprich Kartoffeln; zwei weitere verteilen Brotwürfel, auf die sie den Inhalt der nicht etikettierten Bioaufstriche geschmiert haben. Eine kluge Aktion, die Aufstriche wollte mangels Transparenz niemand kaufen.

Bei den Soma-Mitarbeitern handelt es sich um Arbeitslose, die hier mittels einer Arbeitsstiftung vor der Statistik versteckt werden. Sie verdienen gerade so viel, dass die Fürsorge nicht für sie aufkommen muss. Und natürlich so wenig, dass sie selbst die Bedingungen für den Soma-Pass problemlos erfüllen. Trotzdem dürfen sie erst nach der Arbeit einkaufen, was perfid ist, denn die begehrten Waren sind knapp, und so müssen sie zusehen, wie ihnen die besten Sachen vor der Nase weggekauft werden.

"Fleisch gibt's viel zu selten"

Ich werfe einen Blick in die Tiefkühltruhen, die manchmal gar nichts, mitunter auch Kostbarkeiten beinhalten. "Was ist?", fragt eine Frau mit Kopftuch. "Gemüsestrudel", antwortet der große blonde Mann, der auch an Regentagen seine Augen mit einer Sonnenbrille schützt. "Gemüse?", sagt die Frau und schaut dabei so skeptisch, als hätte der Alkoholiker "Meinl Aktien" gesagt. Sie biegt in den zweiten Gang ab. Der Blonde schaut ihr kopfschüttelnd nach: "Die war wohl nicht genug im Krieg", sagt er und schaut mich an. "Die war im Krieg, in Jugoslawien", erklärt er noch einmal, "aber anscheinend zu wenig. Die weiß das nicht zu schätzen. Soll froh sein. Muss ja nicht hier sein." Er nimmt sich demonstrativ zwei Strudel aus der Truhe.

Nicht nur die normalen Supermärkte bleiben auf den Biosachen sitzen, auch hier werden sie nur zögerlich gekauft, quasi als Notlösung. "Fleisch gibt's viel zu selten", jammert der Pensionist mit dem schwarz gefärbten Bleistiftbärtchen, den ich seit unserer ersten Begegnung Clark Gable nenne. Er hat sich durch so manches Wiener Lokal gekellnert und in Sachen Gaumenfreuden klare Vorstellungen: "Steht schon in der Bibel: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Ich brauch Fleisch. In diesem Monat hat's noch keins gegeben", sagt er und schwenkt in Richtung Fisch. "In der Bibel gibt's eigentlich eher Fisch." Aber Fisch ist gefährlich, der wird leicht schlecht. "Ehe du dich versiehst, hast schon eine Fischvergiftung."

Auch ich stehe da und warte

Es ist halb zwölf am Vormittag, und im Sozialmarkt herrscht fast Stillstand. Es hat den Anschein, als ob die Leute ihre Wagen fast ziellos durch die Gänge schieben. Fällt ihnen nicht auf, dass sie den Markt bereits mehrmals abgegangen sind? Manche stehen jetzt in Gruppen beisammen und unterhalten sich. Auch ich stehe da und warte. Ich betrachte die Hochglanzbilder von Erdbeeren, Marillen und Weintrauben über den halbleeren Regalen. Ich beobachte den Dicken und den Gierigen, die auf der anderen Seite der Kühltruhen stehen und über Semmelknödelscheiben diskutieren. Die beiden sind eindeutig die gefährlichsten Konkurrenten im Kampf um die Catering-Reste, die täglich gegen Mittag angeliefert werden. Die beiden schaffen es regelmäßig, als Erste an die großen Drei-Liter-Catering-Tassen zu kommen. Kaum öffnet der Stomach-Angestellte die Lagertür, nehmen sie seinen Wagen tatkräftig in Empfang und ziehen ihn zur Kühlvitrine. Dort angelangt, haben die beiden längst alle brauchbaren Tassen herausgefischt. Auch heute angeln sie sich die Tassen mit dem Rindsgulasch und mit den panierten Fischfilets.

Clark Gable ergattert zumindest noch eine Tasse mit Bolognese-Soße, während ich zufrieden bin mit dem, was die meisten als Beilage abtun: Karottenpüree und Milchreis. Der pensionierte Kellner wirft einen mitleidigen Blick auf meine Ausbeute und meint tröstend: "Aber es ist Catering Coox, das ist gut, die beliefern immerhin das Sozialministerium, glaub ich." - "Gibt es noch ein Sozialministerium?", frage ich. Wir sind uns beide nicht sicher.

Osterhasen ab Mai

Vor den Kassen befindet sich wie in einem normalen Supermarkt das Regal mit der Schokolade. Nur ist die Auswahl hier nicht schwierig und - saisonbedingt - unzeitgemäß. Von Jänner bis Mai bekamen meine Kinder ihre Schokoladerationen in Form von Weihnachtsmännern, Elchen und Engeln verabreicht. Seit Mai gibt es die übriggebliebenen Osterhasen.

An den beiden Kassen stehen wieder je drei Soma-Mitarbeiter, wobei hier von Arbeitsplatzbeschaffung durch Technikimitation gesprochen werden kann. Einer, es ist in der Regel ein Mann, hat den Doppeljob als Förderband und Scanner: Er schiebt die Waren zur Kassiererin und sagt Ware und Preis an. Die Frau an der Kassa tippt die Angaben ein, ohne mit den Dingen in Berührung zu kommen. Ein dritter Mitarbeiter nimmt die registrierten Waren und stellt sie in den Einkaufswagen zurück.

"20 Leben, 1,50 tief"

Beim Scannen unplugged sagt das Förderband die Waren mit Abkürzungen an, für Tiefkühlkost nur "tief", für das Gratisbrot "gratis", Fertiggerichte werden mit "fertig" angesagt, alle anderen Lebensmittel heißen schlicht und einfach "Leben", während Märchenkassetten, Kerzen und Lineale unter Sonstiges als "sonst" registriert werden. Mein Einkauf von heute lautet: "1,50 Leben, 20 Leben, 1,50 tief, sechsmal 30 Leben, 50 fertig, eins gratis, sonst 30 und 30 Leben noch."

Ich zahle 6,10 Euro und fühle mich wieder einmal ungemein reich. Doch dieses "30 Leben noch" bleibt mir als Gedankenschleife im Kopf hängen: 30 Leben noch, denke ich am Nachhauseweg. Die Reichtumseuphorie von vorhin ist verflogen. Mit einem Mal ist mir sterbenselend.  (Anna Quista (Pseudonym), DER STANDARD, ALBUM, 17./18.10.2009)

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    Schlange stehen für ein Hirschragout um 1,50 Euro: "Man muss die erforderliche Armut nicht nur schriftlich nachweisen, um einen Einkaufspass zu erhalten, man muss sie auch herzeigen. Mit seiner ganzen Person."

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