Irrationaler Überschwang an der Wall Street?

16. Oktober 2009, 14:56
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Ronald-Peter Stöferle

Die US-Börsen setzen ihre Rallye fort. "Beat and raise" war das Motto im Zuge der Berichtssaison, ein überwiegender Teil der Unternehmen konnte die (konservativen) Konsensschätzungen übertreffen und die Jahresprognosen anheben. So klettert der S&P500 2,92 % auf 1.096 Punkte, der breite Index der Technologiebörse Nasdaq steigt 2,32 % auf 2.173. Der Dow Jones klettert 2,82 % und übersteigt wieder die "magische" 10.000 Punkte Marke. Auf Branchenbasis zeigten Energiewerte (+5,26%) und Finanztitel (+3,46%) relative Stärke, die klassisch defensiven Sektoren Telekom (+0,20%) sowie nichtzyklischer Konsum (+1,50%) waren Underperformer.

Auch wenn das Knacken der magischen 10.000 Punkte Marke im Dow Jones für Feierstimmung sorgte, so ernüchtert doch der Blick auf den inflationsbereinigten Dow. Im Vergleich zum Stand vor 10 Jahren liegt der Leitindex kaufkraftbereinigt bei 7.400 Zählern. Zudem verlor der US-Dollar in Relation zum Euro im Vergleichszeitraum mehr als 35%, für den Euro-Anleger waren US-Blue Chips also ein katastrophales Investment.

Der zunehmende Konjunkturoptimismus trieb den Ölpreis um 8% auf ein neues Jahreshoch von USD 78/Barrel. Laut Energieministerium sanken die Lagerbestände wesentlich deutlicher als erwartet. Zudem hob die IEA die Nachfrageprognose für 2010 deutlich an. Technisch betrachtet stellt der Ausbruch aus dem ansteigenden Dreieck eine Trendfortsetzung dar, das Kursziel dieser Formation liegt bei knapp USD 95.

Die hohe Arbeitslosigkeit und der Wertverfall im Immobilienbereich drücken eindeutig auf die Konsumfreude. Die Summe der ausstehenden Konsumkredite ist im August im Vergleich zum Vormonat um USD 12 Mrd. zurückgegangen, annualisiert um 5,8 %. Dies obwohl der Einmaleffekt des „cash for clunkers" Programmes die Konsumfreude kurzfristig deutlich steigerte. Im Juli 2008 standen die Schulden bei USD 2,57 Billionen, seitdem wurden die Konsumkredite um USD 119 Mrd. verringert. Ob sich die Konsumgewohnheiten jedoch nachhaltig geändert haben, bleibt zu bezweifeln. Zudem sendet die Umwandlung von privaten in öffentliche Schulden sicherlich das falsche Signal aus.

JP schlägt alle Erwartungen

JP Morgan Chase meldete einen Quartalsgewinn von USD 3,59 Mrd bzw. 82 Cents/Aktie. Der Konsens lag bei 52 Cents. Man sehe aber weiterhin dramatische Verschlechterungen bei Zahlungsausfällen im Kreditkartensegment bzw. im Privatkundenbereich. Citigroup übertraf trotz eines massiven Verlustes die Erwartungen, die Flüsterschätzungen lagen aber deutlich höher. Zudem lag die Latte nach den Zahlen von JPMorgan bereits sehr hoch. Goldman Sachs konnte den Gewinn mehr als verdreifachen, es kamen aber (berechtigte) Zweifel an der nachhaltigen Substanz dieser Zahlen auf. Zudem litt Goldman unter einer Abstufung durch die Star-Analystin Meredith Whitney.

Keine Erholung indes bei den maroden Immobilienfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac. Der Ausblick sei nach wie vor heikel, es bestehe weiterer Finanzbedarf, obwohl bereits USD 100 Mrd. an Staatshilfen ausgezahlt wurden. Auch der Aktienkurs des schwächelnden Mittelstandsfinanzierers CIT knickt weiter ein, nachdem CEO Jeff Peek seinen Rücktritt bekanntgab. Die Insolvenz von CIT wäre der größte Konkurs seit Lehman Brothers.

Der Pharma- und Konsumkonzern Johnson & Johnson verfehlte die Erwartungen. Ausschlaggebend dafür waren angeblich negative Währungseffekte sowie der massive Preisdruck durch konkurrierenden Generika-Produzenten. Beim EPS überraschte J&J leicht positiv, die Jahresprognose wurde geringfügig angehoben. Die vieldiskutierte Gesundheitsreform hat nun eine weitere Hürde genommen. Der Finanzausschuss stimmte der Gesetzesvorlage zu.

Google übertraf die Konsenserwartungen bei Gewinn und Umsatz deutlich. Die Werbeeinnahmen stiegen um 14 %, der Überschuss kletterte um 27 % auf USD 1,6 Mrd. Der Umsatz stieg um 7 %. Lt. Comscore konnte Google den Marktanteil auf 64,9 % (im Vorjahr: 62,9 %) ausbauen. Obwohl Microsoft die neue Suchmaschine "Bing" mit massiven Marketingausgaben bewirbt, stieg der Marktanteil nur geringfügig. Klarer Verlierer im Suchmaschinensegment bleibt Yahoo!, die Aktie verliert darauf 5,8 %.

Der Chiphersteller Intel übertraf mit Umsatz, Gewinn und angehobenem Ausblick sämtliche Konsenserwartungen. Konkurrent AMD meldete hingegen den 12. Quartalsverlust in Folge. Der Verlust sank auf USD 128 Mio., der Umsatz fiel 22 % auf USD 1,4 Mrd. IT-Riese IBM meldete ein Gewinnplus in Höhe von 14 % auf USD 3,2 Mrd. Die deutlich gestiegenen Margen glichen das Umsatzminus von 7 % aus. Aufgrund der breiten Positionierung gilt „Big Blue" als zuverlässlicher Indikator für die gesamte IT-Branche. Für das Gesamtjahr erwartet man nun einen Gewinn in Höhe von USD 9,85/Aktie, zuvor waren es 9,70. Cisco meldete die Übernahme von Starent Networks für insgesamt USD 3 Mrd.

In der nächsten Handelswoche legen ua. Apple, Texas Instruments, Boeing, Wells Fargo, AT&T, American Express und Microsoft Quartalszahlen. Nachdem die Marktbreite, Trendstärke, aber auch das nach wie vor lediglich verhalten optimistische Sentiment für weitere Kursavancen sprechen, sollte man gemäß "the trend is your friend" weiter investiert bleiben. Für Neupositionierungen erscheint das Risk/Reward Profil jedoch nicht mehr besonders attraktiv.

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