Bessere Fehlervermeidung in der Medizin

18. Oktober 2009, 18:13
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Ein neuer Lehrgang soll Patientensicherheit in Österreichs Gesundheitswesen fördern

Im New England Journal of Medi-cine erschien Anfang des Jahres eine Studie, die bewies, welchen Effekt eine simple Checkliste vor einer Operation auf den Behandlungserfolg haben kann. Das Ergebnis der einjährigen, international durchgeführten Studie an mehr als 4000 Patienten: Die Mortalität konnte durch das Einhalten der darauf angeführten Punkte um 47 Prozent gesenkt werden, die Komplikationsrate wurde um 36 Prozent verringert, und nachfolgende chirurgische Interventionen reduzierten sich um 45 Prozent. "In unseren Spitälern arbeiten immer noch viel zu viele egoistische Ärzte, Hierarchien haben ein starke Tradition, und es gilt das Prinzip, immer nach einem Sündenbock zu suchen", sagte Norbert Pateisky von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Ist Patientensicherheit lernbar?", zu der das Institut für Ethik und Recht in der Medizin geladen hatte. Als Leiter des Instituts für Risikomanagement weiß Pateisky, dass ein Schlüssel zur Fehlervermeidung im Spital die berufsgruppenübergreifende Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegepersonal ist, oft sei dort Änderungsbereitschaft nicht zu spüren.

Die Plattform Patientensicherheit hat sich zur Aufgabe gemacht, einen neuen Umgang mit Fehlern oder Beinahe-Fehlern im österreichischen Gesundheitssystem zu verankern. Die Forschungsplattform Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien startet in Kooperation mit der Med-Uni im Sommersemester 2010 einen neuen, viersemestrigen Universitätslehrgang für Patientensicherheit und Qualität im Gesundheitssystem, der Experten in diesem Bereich ausbildet.

Aktives Mitgestalten

Bei der Ausarbeitung des Programms war auch die Patienanwaltschaft miteingebunden. "Es geht um Sensibilisierung und Aktivierung, nicht darum, Menschen im System gegeneinander aufzuwiegeln", sagt Gerald Bachinger, Patientenanwalt aus Niederösterreich und aktives Mitglied der Plattform für Patientensicherheit, und berichtet von Initiativen in den USA, wo Patienten aufgefordert werden, ihre behandelnden Ärzte zu fragen, ob diese sich die Hände gewaschen haben. Robert Fischer, Präsident der Plattform Patientensicherheit, machte vor allem eines klar: "Der Patient ist der wichtigste Koproduzent seiner eigenen Gesundheit, ihn in die Behandlung einzubeziehen ist für den Genesungsprozess ausschlaggebend." Seine Forderung: Die Polarisierung zwischen den Berufsgruppen muss ein Ende haben. Dieser Meinung ist man auch in der Ärztekammer, wo man seit kurzem auch Risikomanager für das Gesundheitssystem ausbildet.

Wo können sich aber Patienten und ihre Angehörigen hinwenden, wenn sie Beinahe-Fehler im medizinischen Umfeld beobachtet haben oder Verbesserungsvorschläge deponieren wollen? Nicht bei der Ärztekammer, betont Esther Thaler vom internen Qualitätssicherungsinstitut ÖQMed. "Am besten sind immer noch die Patienten- anwaltschaften, wir leiten die Informationen dann weiter", so Bachinger. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 19.10.2009)

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