Grass fordert Selbst- vor China-Kritik

16. Oktober 2009, 13:26
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"Wir sollen bitte nicht so tun, als hätten wir die Demokratie gepachtet"

Frankfurt/Göttingen - Der Schriftsteller Günter Grass hat die Wahl von China als Gastland der Frankfurter Buchmesse gegen Kritik verteidigt. "Das ist eine richtige Entscheidung", sagte der Nobelpreisträger. "Wir kennen die Missstände in China, und wir sollten sie auch beim Wort nennen, aber bitte dabei nicht vergessen, unsere eigenen Missstände beim Wort zu nennen."

Scharfe Kritik übte Grass bei einem Gespräch am Donnerstag in Göttingen an den politischen Verhältnissen in Deutschland. "Die Bundesrepublik ist mittlerweile ein von Korruption verseuchtes Land", sagte der Autor, der am heutigen Freitag, seinem 82. Geburtstag, zur Buchmesse reiste. Das Parlament solle eigentlich das Volk vertreten, werde aber umlagert von einer Wirtschaftslobby, die mitspreche und auch mitregiere.

Das politische System in Deutschland habe nach 60 Jahren Risse sowohl in der Fassade als auch im Fundament. "Wir sollen bitte nicht so tun, als hätten wir die Demokratie gepachtet", sagte der Künstler und bezog sich dabei ausdrücklich auch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Diese Anmaßung macht es natürlich den Chinesen sehr schwer, eigene Fehler einzugestehen. Die Berechtigung, Kritik zu äußern, gewinnen wir nur, wenn wir bereit sind, die horrenden Missstände in unserem eigenen Land auch beim Namen zu nennen", betonte Grass. "Dann werden wir glaubwürdig. Sonst ist das ein hochmütiges und pharisäerhaftes Verhalten." (APA/AP)

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