„So einfach wie möglich – aber nicht einfacher“

16. Oktober 2009, 13:28
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Mit „Revanche“ feierte Götz Spielmann bisher seinen größten Erfolg. Dominik Kamalzadeh traf ihn zum Gespräch über seine Anfänge, Stil und die Suche nach Reduktion

Standard: Erstmals sind nun auf einer DVD Ihre Frühwerke versammelt, die Sie noch als Student an der Filmakademie gedreht haben – drei stilistisch unterschiedliche Arbeiten, die das Thema Isolation vereint. Wie fern sind sie Ihnen heute?

Spielmann: Als ich Fremdland, den frühesten von ihnen, jetzt wiedergesehen habe, war ich eigentlich überrascht. Es schien mir, dass ich zu diesen Ursprüngen zurückkehre. Ich empfand den Film stilistisch erstaunlich nah zu den letzten Filmen. Das Thema Einsamkeit hat mich damals – ich würde fast sagen: bestimmt. Ich war der Ansicht, wahrscheinlich durch eine gewisse Nähe zum Existenzialismus, dass Einsamkeit eine Grundbedingung des Lebens ist. Das erforschen diese drei Filme, so verschieden sie in ihrer Herangehensweise sind. Und das machen sie sehr stringent. Eigentlich nähern sie sich einer Art Überwindung dieser Thematik an, weil Vergiss Snider!, der letzte der Filme, ist eigentlich schon eine Farce, eine Komödie.

Standard: „Fremdland“ spielt auf einem Bauernhof auf dem Berg. Er stellt eine Form von Laborsituation her – wie die anderen beide Filme auch. Was hat Sie an diesen geschlossenen Milieus interessiert?

Spielmann: Ich bin als Kind und Jugendlicher in ganz verschiedenen Milieus aufgewachsen – ein bestimmendes gab’s eigentlich nicht. Eines davon ist das im weitesten Sinn bäuerliche, das ich aus meiner Kindheit in Tirol kenne. Das war mir also nicht fremd. Bei Fremdland fand ich die Schönheit des Ortes auf dem Berg in Verbindung mit dem harten Leben faszinierend. Ein anderes Milieu ist das proletarische, das der Gemeindebauten, das ich aus Wien kenne, wo ich in der Vorstadt gelebt habe. 

Standard: Erinnern Sie sich noch, welche Ziele Sie sich mit diesen Filmen gesetzt haben?

Spielmann: Natürlich wollte ich persönliche und gute Filme machen, andererseits habe ich das filmische Erzählen an der Filmakademie erforscht. Das erklärt auch die Verschiedenheit der Filme: In mancher Hinsicht sind sie eine Ausbildung, die ich mir autodidaktisch verpasst habe. Ich habe damals immer nur die Mittel eingesetzt, von denen ich intuitiv wusste, dass ich sie auch beherrsche. Ich habe also nicht mehr an Können vorgetäuscht, als ich hatte. Vergiss Snider! hat ja teilweise äußerst schwierig zu inszenierende Einstellungen – das hätte ich ein Jahr davor noch nicht gekonnt.

Standard: Die Mise en scène ist ziemlich gefinkelt.

Spielmann: Ja, und das ist durchaus eine Analogie zu Revanche, wo auch Szenen vorkommen, in denen Bild und Choreografie der Schauspieler zu einer Einheit werden – was schwierig zu bewerkstelligen ist. Zumal, wenn sie eine Einfachheit, eine Selbstverständlichkeit bewahren sollen. Ich würde sagen, mit Fremdland habe ich den filmischen Rhythmus erforscht, in Abschied von Hölderlin habe ich mich mit der filmischen Zeit beschäftigt, und in Vergiss Snider! stand der filmische Raum im Mittelpunkt. Das habe ich allerdings erst im Nachhinein bemerkt. Ich habe damals als Regisseur versucht, den Raum, in dem ich mich ausdrücke, ständig zu vergrößern – das ist die echte Gemeinsamkeit der Filme, und durch diese Gemeinsamkeit sind sie sehr verschieden.

Standard: Die Suche nach Stil war noch sekundär?

Spielmann: Das hat mich damals noch nicht so sehr interessiert, weil ich vorher die Möglichkeiten beherrschen wollte. Von Camus gibt es da einen guten Satz: Stil ist oft nur eine Überhöhung der Defizite. Stil ist also das, was man macht, weil man das andere nicht kann. Und das wollte ich nicht. Ich wollte etwas können und dann die Entscheidung treffen. Vielleicht hat es deshalb bei mir so lange gedauert.

Standard: Zuallererst geht es darum, sich ein filmisches Vokabular anzueignen – das ist ein sehr handwerklicher Zugang?

Spielmann: Absolut, ich finde auch, das Handwerk hat große Würde und eine wirkliche Tiefe. Mich hat eine Kunstbetrachtung abgestoßen, die das Handwerk ausklammert – das ist doch essenziell für einen Künstler, dass er mit der Materie umgehen kann! Kunst entsteht, wenn man dem nahekommt, was einem wichtig ist – und davon mit einem lebendigem Können erzählt. Das heißt auch, dass sich das immer wieder verändern und anpassen muss. Handwerk ist ja ganz etwas anderes als Technik. Es gibt viele Bücher über Technik, etwa jene des Drehbuchschreibens, aber das sind Schablonen, die man über alles drüberlegt. Ich glaube, dass die Wahrheit des Mediums auch im Handwerklichen auffindbar ist.

Standard: Die Hervorhebung des Handwerklichen hat eine lange Tradition – große Hollywood-Regisseure sahen sich als Professionals ...

Spielmann: Ja, aber das trifft auch auf die großen Autorenfilmer wie Bergman, Antonioni, Tarkowskij oder Ozu zu. Sie waren auch große Handwerker – und meine Vorbilder, was den Umgang mit der filmischen Form betrifft, weniger mit dem Inhalt. Ich habe immer nur positive Vorbilder gehabt – ich wollte meine Ästhetik nie gegen etwas richten.

Standard: Distinktionsgewinn war Ihnen nicht wichtig?

Spielmann: Man bekommt sicher leichter Respekt, wenn man gegen etwas rebelliert. Mir ging und geht es darum, etwas mit Kraft weiterzuführen. Es ist nicht so, dass ich alles großartig fand – aber dagegen war wenig zu tun.

Standard: Die Arbeit mit Schauspielern erfolgt bei Ihnen sehr präzis – keine Selbstverständlichkeit.

Spielmann: Sollte es aber sein, wenn man Spielfilme macht. Alles andere wäre ja absurd.

Standard: Es gibt aber durchaus Regisseure, die andere Vorlieben haben, etwa formale ...

Spielmann: Ein Regisseur, der Spielfilme macht, hat ein Augenmerk für beides.

Standard: Wie findet man das Maß für die richtige Verschränkung?

Spielmann: Mein Primat ist sicher die Form, sind nicht die Schauspieler. Mit dem Schauspiel habe ich mich intensiv beschäftigt, damit ich die Darsteller dorthin bringen kann, wo ich sie haben will. Das ist Teil des Handwerks. Ich habe sicher eine gewisse Nähe dazu, weil ich auch selbst gespielt habe. Künstlerisch find ich es aber nicht so relevant, weil ich den Darstellern ja nur helfe, ihre Kunst zu entfalten. Wesentlicher ist für mich das Drehbuch, der Rhythmus, die Inszenierung.

Standard: „Revanche“ ist ein Film, der viel durch Reduktion erreicht.   Ist das auch etwas, was sich erst aus der Verfeinerung des Handwerks ergeben hat?

Spielmann: Es war von Anbeginn ein intuitives Ziel von mir, so einfach wie möglich zu erzählen. Ich kann Protzerei mit Einfällen, Gehabe nicht leiden. Von Einstein gibt’s den schönen Satz, man soll alles so einfach wie möglich formulieren, aber nicht einfacher. Das passt sehr gut. Das Schwierige am Einfachen ist aber, dass es sehr leicht Komplexität und Spannung verliert. Wenn ich da bei Revanche weiter war, dann weil ich es besser kann. 

Standard: Wie blicken Sie heute auf „Revanche“ und seine außerordentliche Erfolgsgeschichte zurück?

Spielmann: Ich blicke gar nicht so viel zurück. Momentan bin ich auf der Suche nach einem neuen Film, da hilft kein Erfolg – der hilft nur beim Finanzieren. Der Erfolg von Revanche war eine totale Überraschung – andererseits fand ich, dass mir das langsam zusteht. In meiner Erinnerung sind die Filme aber eher nach dem Kriterium gespeichert, was ich damit jeweils versucht habe; was meine Antriebskraft war.

Standard: Sind Sie dann unterschiedlich zufrieden mit den Ergebnissen?

Spielmann: Mit Revanche war ich sehr zufrieden, weil da alles gelungen ist. Manchmal scheitern Dinge an Umständen, aber ich versuche immer an Grenzen zu gehen – bei TV-Filmen sind sie natürlich enger. In der Erinnerung ist Revanche merkwürdig – einerseits hat man durch ihn erkannt, dass ich ein richtiger Autor bin. Andererseits war es ein ganz einfacher Film. Einfach zu machen. Deswegen steht er in der Erinnerung gar nicht so hoch, weil ich nie erschöpft war. Ganz subjektiv hab ich nicht das Gefühl, dass er meine größte Leistung war.

 ZUR PERSON:

Götz Spielmann (48), geboren in Wels, studierte an der Wiener Filmakademie Regie. 1990 drehte er seinen ersten Spielfilm, „Erwin und Julia“, es folgen Filme wie „Der Nachbar“ oder „Antares“. Sein Rachedrama „Revanche“ war 2009 für einen Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film nominiert.

  • Spielmann: „Mir ging es und geht es darum, etwas mit Kraft
weiterzuführen.“ Die „Edition Standard“ präsentiert Götz Spielmanns
drei erste Filme auf einer DVD – sowie seinen Oscar-nominierten
Spielfilm „Revanche“
    Foto: Robert Newald

    Spielmann: „Mir ging es und geht es darum, etwas mit Kraft weiterzuführen.“ Die „Edition Standard“ präsentiert Götz Spielmanns drei erste Filme auf einer DVD – sowie seinen Oscar-nominierten Spielfilm „Revanche“

  • Ein Mann, der nach Gerechtigkeit sucht: Johannes Krisch und Irina Potapenko in dem subtilen Drama „Revanche“.
    Foto: Filmladen

    Ein Mann, der nach Gerechtigkeit sucht: Johannes Krisch und Irina Potapenko in dem subtilen Drama „Revanche“.

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