Wilde Chronik für unbefangene Blicke

16. Oktober 2009, 12:50
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Klappe - die Vierte: Die DVD-Edition wurde um 25 Klassiker erweitert

„Da heroben sind andere Dinge wichtig“ – mit diesem Satz beginnt das filmische Werk von Götz Spielmann, der in diesem Jahr mit seinem aktuellen Film Revanche für einen Oscar nominiert war. 

Da heroben, damit ist eine Alm in Tirol gemeint, auf der 1984 Fremdland gedreht wurde, die Geschichte eines Jungen, der in den Ferien eine Woche lang einem Senner Gesellschaft leisten muss. Die anderen Dinge, die „da heroben“ wichtig sind, sind im Verlauf des Vierteljahrhunderts, die zwischen der Entstehung des Films und seiner Wiederveröffentlichung in der neuen Edition des österreichischen Films liegen, wieder zu Ehren gekommen: die Käserei, das naturnahe Leben in den Bergen, die Bewahrung untergehenden Handwerks.

Aber auch die Konflikte, die Götz Spielmann damals in starker Konzentration andeutete, bestimmen die Identität der Alpenrepublik Österreich, die nach wie vor eine erstrangige Touristendestination ist und dafür eine Ursprünglichkeit vermarkten muss, die 1984 eben schon als Fremdland erscheinen konnte. Dass unter den 25 Filmen der neuen Staffel der Edition „Der österreichische Film“ nun sowohl drei frühe Filme von Götz Spielmann sind als auch der national wie international sehr erfolgreiche Revanche, ist ein glücklicher Umstand, in dem sich schön widerspiegelt, wie diese Serie funktionieren kann.

Sie organisiert die Aufmerksamkeit so, dass alles Bescheidwissen, alle festgefahrenen Urteile an Bedeutung verlieren und dafür Neugierde und unbefangene Blicke zu ihrem Recht kommen. Unter den insgesamt 150 Filmen, auf die das Gesamtprogramm nun anwächst, können naturgemäß nicht nur Meisterwerke und Oscar-Kandidaten sein, und man könnte umgekehrt mit den kompromisslosesten Künstlern und den radikalsten Avantgardisten allein kein verkäufliches Programm gestalten. In der Edition „Der österreichische Film“ hat sich aber von Beginn an eine Architektur ergeben, in der alle Teile voneinander profitieren. So kann nun in diesem Fall neben Fremdland auch Abschied von Hölderlin wieder erscheinen, der zweite frühe Film von Götz Spielmann, mit dem er einen starken Kunstwillen gezeigt hat und von dem zuerst einmal kein Weg zu den neueren Arbeiten wie Revanche zu führen scheint.

Wenn man sich dann aber Paulus Mankers Schmutz (nach einem Drehbuch von Michael Haneke) ansieht, dann bekommt man sofort ein besseres Gespür dafür, wie sehr der österreichische Film dort, wo er ausdrücklich ästhetische Ambition zeigt, in mentale Landschaften gerät, aus denen kaum ein Weg zurück in den Alltag zu führen scheint. Wer sich mit Filmen beschäftigt, ob dies nun Kritiker, Produzenten, Künstler, Verkäufer oder Subventionierer sind, wird häufig von althergebrachen Alternativen umstellt: Kunst steht dann gegen Kommerz, Realismus gegen Stil, Unterhaltung gegen Sozialkritik, Quote gegen Qualität.

Tragfähige Übergänge

Da in Österreich der Zusammenbruch des traditionellen Kinos mit einem ungewöhnlich lange ungewöhnlich starken öffentlichen Rundfunk einherging, konnte sich das Land relativ lange eine Auseinandersetzung darüber sparen, wie diese Alternativen zu überwinden wären. Erst in den letzten Jahren hat sich ein Bewusstsein davon durchgesetzt, dass es zwischen diesen Alternativen genügend tragfähige Übergänge gibt.

Die Karriere von Wolfgang Murnberger legt davon Zeugnis ab, von dem in der aktuellen Edition die Krimiverfilmung Taxi für eine Leiche enthalten ist, ein heiteres Spiel mit den Klischees des Wienerischen; für die Karriere von Josef Hader gilt das gleichermaßen, er taucht hier in Cappuccino Melange von Paul Harather auf, in einer frühen Rolle, schon damals war auch Adolf Dorfer mit im Spiel.

Die Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria bringt es mit sich, dass die Edition österreichischer Film sogar bis ganz an die Anfänge zurückgehen kann, in die Zeit der Filmpioniere, die wenige Jahre nach der offiziellen Erfindung des Kinos in Österreich mit dem Aufbau einer Filmindustrie begannen. Ein Fundstück wie Wien im Krieg (1916) zeigt, dass von Beginn an stark mit den Klischees gearbeitet werden konnte, die bis zu Taxi für eine Leiche oder Cappuccino Melange produktiv fortwirken: Wien als Ort der romantischen Verwirrung, der Realitätsverweigerung, der abgründigen Verzerrung diente in Wien im Krieg nachgerade als Allheilmittel gegen einen Krieg, von dem dieser Film so wenig wie möglich wissen wollte. Schon damals war das Kino im Grunde weiter als die Nation: Es kultivierte aus begreiflichen Gründen der Publikumswirksamkeit einen österreichischen Sonderweg, der direkt in den Prater (und eben nicht in den Weltkrieg) führt.

Es wäre verfehlt, das jetzt direkt auf den späteren Erfolg so vieler aus dem Kabarett hervorgegangener Filme hochzurechnen, aber es gibt so etwas wie eine Kontinuität von Fluchtbewegungen, die bis in die Gegenwart der MA 2412 reicht. Diese Magistratsabteilung ist ja so etwas wie der Außenposten der Insel der Seligen, und sie weiß diese Sonderstellung auch angesichts der europäischen Herausforderung zu behaupten.

Der Bockerer – kein Bürokrat, sondern ein Obstinat – ist in der Mythologie der österreichischen Sonderwege eine ganz zentrale Figur, deswegen hat es seine Richtigkeit, wenn dieser aus guten Gründen umstrittene Film von Franz Antel nun auch in die Edition aufgenommen wurde – er ist ja eigentlich schon so kanonisch, dass man ihn sich gut und gern wieder einmal anschauen kann.

Man wird dann vielleicht danach Lust bekommen, die Arbeitersaga zur Hand zu nehmen, die ja dort ansetzt, wo Der Bockerer aufhört (bei der Befreiung 1945) und von dort aus die Entwicklung des linken österreichischen Lagers auf einige markante Linien zu bringen versucht hat. Das war historisch nicht ganz so kontrovers wie bei der Alpensaga, die an entscheidende Wunden und Wendepunkte _der österreichischen Republikgeschichte(n) rührte, betraf aber entscheidend einen wesentlichen Faktor derselben: die Probleme, die mit jeder Modernisierung von _oben einhergehen. Die vier Teile der Arbeitersaga, in der Edition auf zwei DVDs versammelt, entwickeln sich zu einer Chronik der Skandalverarbeitung, damit aber indirekt auch zu einer Chronik kritischer Öffentlichkeit, ohne die diese Skandale kaum an die Öffentlichkeit gekommen wären.

Die wilde Chronologie, die sich aus einer Reihe von 25 Filmen wie der aktuellen ergibt, ordnet sich für das Publikum nach beliebigen Kriterien. Zum Beispiel ist es tatsächlich lohnend, sich die DVDs einmal so nebeneinander aufzulegen, dass sich daraus eine Geschichte der österreichischen Modernisierung ergibt. Man könnte mit dem Hofrat Geiger beginnen, zwischendurch einen Klassiker des heimischen Fernsehfilms wie Axel Cortis Werfel-Verfilmung Eine blassblaue Frauenschrift einlegen und hätte dann am anderen Ende eine bemerkenswert große Auswahl: die Dokumentarfilme von Anja Salomonowicz zum Beispiel, in denen die österreichische Geschichte nicht von der jüdischen getrennt ist und Osteuropa nicht nur ein Hinterland darstellt, oder das Porträt Franz Fuchs – Ein Patriot von Elisabeth Scharang, in dem die Geschichte eines gewalttätigen Modernisierungsverlierers rekonstruiert wird; oder man könnte Hasenjagd von Andreas Gruber nachlegen, um eine Vorstellung von der Arbeit der Vergangenheitsbewältigung in diesem Land zu bekommen.

Kontext als Tochter der Zeit

Manche Filme haben durch die zeithistorischen Umstände einen ganz neuen Kontext bekommen. Dazu zählt sicher in erster Linie Helmut Grassers Dokumentarfilm Die Wahlkämpfer, in dem der relativ junge Jörg Haider der Neunzigerjahre zu sehen ist (der Film wurde wenige Jahre später mit aktualisierenden Zusätzen versehen, weil die Regierungsbeteiligung der FPÖ im Jahr 2000 ihn in vielerlei Hinsicht bestätigte). Heute ist Jörg Haider für seine Anhänger ein Mythos, für seine Verächter eine Figur, die ihren inneren Widersprüchen erlegen ist. Die Wahlkämpfer bekommt dadurch einen zwiespältigen Status, denn das Reportagematerial steht nun plötzlich unter einem Siegel der Endgültigkeit, das nicht wenigen der getätigten Sätze den Charakter einer fast unheimlichen Antizipation verleiht. Es zählt zu den Lektionen der Modernisierung, dass Österreich gerade nach dem Tod von Jörg Haider gelernt hat, dass Personenkult eine Sache ist, dass der Rechtspopulismus sich aber inzwischen aus sich selbst heraus erneuern kann. Zu den großen Festivalerfolgen des österreichischen Films zählten in den letzten Jahren immer wieder auch solche, die den gegenmodernen Nährboden des Landes in den Blick nahmen, wie es etwa Ulrich Seidl immer wieder tut, der in Import/Export einen jungen Arbeitslosen aus der hiesigen Verzweiflung in die Ukraine geschickt hat, während eine Krankenschwester von dort nach Österreich kam und hier als Bedienstete in einer Geriatrie landete.

In der Wahrnehmung des internationalen Publikums ordnen sich die Klischees nach solchen Filmen immer wieder ein wenig neu – das Moribunde bleibt ein Klassiker, aber das Kakanische erscheint nun ganz anders, es hat gar nichts mehr von einem habsburgischen Mythos. Wie differenzierend müsste dann erst ein Festival in, sagen wir: New York oder Hongkong wirken, das die 150 Filme der Edition „Der österreichische Film“ zeigen würde. Dieses Festival, das in seiner Vielfalt mit einer ganzen Viennale mithalten kann, liegt nun in handlicher Form vor. Und mittendrin taucht dann vielleicht auch ein Film auf, der den Blick auf das eigene Land vollkommen neu öffnet, wie es zum Beispiel März von Händl Klaus tut, in dem ein Dorf in Tirol unter dem leisen Schock eines dreifachen Freitodes junger Männer steht. Die Leute in diesem Ort sind ohnehin schon auf vielfache Weise miteinander verbunden, die Todesfälle haben nun aber eine zweite soziale Ebene geschaffen, eine Schicksalsgemeinschaft in einer Situation, in der von Schicksal nicht die Rede sein kann.

Der Satz aus Götz Spielmanns Fremdland hallt in die Welt von März nach: „Da heroben sind andere Dinge wichtig.“ Man muss sie nur erst wieder herausfinden, wenn man gerade noch vor dem Nichts steht. (Bert Rebhandl, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 17.10.2009)

  • Was wichtig ist, entscheidet die Perspektive des Betrachters – etwa in Götz Spielmanns Frühwerk „Fremdland“
    Foto: Götz Spielmann

    Was wichtig ist, entscheidet die Perspektive des Betrachters – etwa in Götz Spielmanns Frühwerk „Fremdland“

  • Hedy Kiesler (später Lamarr) auf ihre Schönheit zu reduzierenwäre eine Beleidigung. Das IT-Girl im wörtlichen Sinn entwickelte etwa Grundlagen der Bluetooth-Technologie (Film Ekstase)
    Foto: Filmarchiv Austria

    Hedy Kiesler (später Lamarr) auf ihre Schönheit zu reduzierenwäre eine Beleidigung. Das IT-Girl im wörtlichen Sinn entwickelte etwa Grundlagen der Bluetooth-Technologie (Film Ekstase)

  • Die Edition umfasst ein breits Spektrum heimischen Filmschaffens: von Anja Salomonowitz über Michael Glawogger bis hin zu Franz Antel
    Foto: Viennale

    Die Edition umfasst ein breits Spektrum heimischen Filmschaffens: von Anja Salomonowitz über Michael Glawogger bis hin zu Franz Antel

  • Artikelbild
  • Ein Setfoto von Gustav Machatý (re.) und seinem Kameramann Jan Stallich. Was die beiden Genies auf Film bannten, ist heute nach der aufwändigen Restaurierung auf DVD wieder jederzeit verfügbar
    Foto: Filmarchiv Austria

    Ein Setfoto von Gustav Machatý (re.) und seinem Kameramann Jan Stallich. Was die beiden Genies auf Film bannten, ist heute nach der aufwändigen Restaurierung auf DVD wieder jederzeit verfügbar

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