Gesunde Entwicklung oder Ausbruch aus dem Zwang?

16. Oktober 2009, 10:50
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Neue Anforderungen an die Jugend erhöhen Risikobereitschaft - Präventionsarbeit soll Risikowahrnehmung schärfen

Wien - Ablösung vom Elternhaus, Aufbau eigener Kompetenzen, erste große Liebe und Erfahrungen mit Sexualität - unzählige Veränderungen stürmen auf Jugendliche während ihrer Entwicklung ein. Während entwicklungspsychologisch begründbare Phasen in jeder Generation ähnlich verlaufen, gibt es große Veränderungen bei äußeren Einflussfaktoren, die heute auf heranwachsende junge Menschen wirken. Der gesellschaftliche Zwang, stets zu den "High Potentials" zu gehören und der Druck des Arbeitsmarktes, in jungen Jahren bereits spektakuläre Kompetenzen und Erfahrungen nachweisen zu müssen, stellt Jugendliche vor völlig neue Herausforderungen. Einerseits verkürzt sich die Kindheit radikal und andererseits darf die Jugend kein Ende mehr nehmen - wie man an diversen Anti Aging-Trends erkennen kann.

Wie wirken sich diese neuen Anforderungen an die Jugend von heute auf deren Risikoverhalten aus? Wie viel Risiko braucht die Entwicklung, ab wann müssen Erwachsene eingreifen und welches Vorbild sind Erwachsene in punkto Risiko eigentlich selbst? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Symposium "Jugend:Risiko?" des Kuratoriums für Verkehrssicherheit am 21. und 22. Oktober 2009. Die Eröffnungsvorträge werden die Jugendforscher Klaus Hurrelmann (Universitäten Bielefeld und Berlin) und Bernhard Heinzlmaier (Institut für Jugendkulturforschung Wien / T-Factory Hamburg) halten. Sie werden vor allem die veränderten Umfeldbedingungen beleuchten, mit denen Heranwachsende konfrontiert sind und in welche Formen der Reaktion sich Jugendliche dabei mitunter flüchten.

Riskantes Verhalten als Reaktion auf die Zwänge der Erfolgsgesellschaft

Vor allem das, was im Wirtschaftsleben propagiert wird, spielt heute immer stärker in die Entwicklung und Erfahrungswelt der Jugendlichen hinein. Man muss sich durchsetzen und in immer kürzerer Zeit immer mehr erreichen. Den Jugendlichen wird vorgelebt, dass der Blick ständig auf neue Möglichkeiten und Herausforderungen gerichtet sein muss. Man muss sich selbst stets übertreffen und seine Individualität in Szene setzen. Dieser Zwang zur Individualität drückt sich unter anderem in einem teilweise fanatischen Körperkult aus. Junge Männer setzen das Konkurrenz- und Selbstinszenierungsprinzip oft durch Extremsport um. So wie ehrgeizige Manager bis zum Umfallen arbeiten, treiben sie ihren Körper an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Denn so wie an der Börse sieht man die größte Gewinnchance dort, wo es die größten Risiken gibt. Bei den Mädchen äußert sich die Überforderung durch die Gesellschaft in Form einer beinahe selbstzerstörerischen Orientierung an überzogenen und teilweise krankhaften ästhetischen Idealen wie dem "Size Zero"-Look. Gleichzeitig haben die Jugendlichen ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, legen daran aber auch den Maßstab an, dass alles möglich sein soll.

Mit dem Risiko umgehen lernen

Das KfV selbst wird beim Symposium zwei Projekte vorstellen, die eine Verbindung zwischen den gegensätzlichen Bedürfnissen der Jugendlichen nach Wagnis und Sicherheit herstellen, indem ihre Risikowahrnehmung geschärft wird. Ausprobieren in Form von Fahrtechniktrainings und Reflektieren in Form von Risikoworkshops und Kursen zu Erster Hilfe waren die zentralen Themen des Projekts "Sicher auf 2 Rädern", das seit 2008 in der Steiermark umgesetzt wird. In den Workshops konnten die teilnehmenden Jugendlichen über ihre bisherigen Erfahrungen mit Risiko erzählen, noch einmal die damalige Situation nachempfinden, reflektieren und darüber diskutieren. Gezielte Fragen von Psychologen machten das Risikoverhalten und die dahinter liegenden Motive transparent. Gleichzeitig konnten die Psychologen jugendliche Gruppenphänomene wie das Banalisieren oder Verherrlichen gefährlicher Aktionen durch das Gegensteuern mit Fakten abfedern. Bei der Evaluation der Workshops gab rund die Hälfte der Jugendlichen an, dass sich ihre Einstellung geändert habe und sie im Hinblick auf gefährliche Situationen aufmerksamer seien als vor dem Workshop. Außerdem gaben die Jugendlichen an, nun selbstkritischer zu sein und vor allem auf innere Gefahren wie Müdigkeit, Anstrengung und Aggressivität zu achten.

"Split the Risk"

Im europäischen Projekt AdRisk (Community Action on Adolescents and Injury Risk) wurden Methoden zur Entwicklung und Förderung von Risikokompetenz bei Jugendlichen erarbeitet. Der Kurs "Split the Risk - take a split second" soll in jungen Menschen das Bewusstsein wecken, dass sie sich selbst und andere vor Schmerzen und Ärger bewahren können, wenn sie Risiken besser wahrnehmen und richtig einschätzen lernen. Als Hilfestellung für Lehrer und alle mit Jugendarbeit befassten Personen wurden ein Kurskonzept und Materialien ausgearbeitet, mit denen Jugendliche Risikoverhalten analysieren und überdenken können. Als Zugang zu den Jugendlichen werden im Kurs attraktive Tools wie zum Beispiel MTV-Spots eingesetzt, genau so wie Persönlichkeitstests, Übungen zur Sinneswahrnehmung und für die Arbeit der Sinne unter Stress. (red)

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