Lang lebe Lagerfeld

15. Oktober 2009, 20:53
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Dem Trend zu immer dünneren Models begegnet eine Frauenzeitschrift mit einer radikalen Konsequenz, ein Modezar mit einem verbalen Gegenschlag

Die Haut von Sänger Seal bezeichnet er als "Kraterlandschaft", die Heidi-Klum-Show "Germany's next Topmodel" schlicht als "only trash", so genannte "Magermodels" mag er. Karl Lagerfeld ist ein Hit. Dass er gerne lästert, öfters bissig ist und sich ab und an einen verbalen Rundumschlag leistet, macht ihn nur sympathischer, weil authentisch. Lagerfeld spricht aus, was sich viele zu denken verbieten. Jüngstes Beispiel: Die Zeitschrift "Brigitte" verbannt Profimodels aus ihrem Heft. Ab 2010 sollen nur noch "echte Frauen" modeln, raus mit den Bohnenstangen. Gefragt oder ungefragt, der Modezar kennt die Antwort: "Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich." Das sitzt. Ein echter Lagerfeld.

"Karl der Große" hat nicht nur Stil, er wird recht behalten. Runde Frauen will keiner sehen - am wenigsten die Betroffenen selbst. "Brigitte" hat traurigerweise auch recht. "Echte Frauen" sind heutzutage Damen mit Wampe. In Deutschland, Lagerfelds Herkunftsland, ist fast jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche übergewichtig. Der Slogan "rundum glücklich" hat ausgedient. Die neue Offensive: Künftig sollen Models über den roten Teppich defilieren, nicht wie die Natur sie schuf, sondern wie der Konsum sie geformt hat. Einverstanden. Am besten, man drückt ihnen noch gleich ein Handy in die Hand, um das gesellschaftliche Sittenbild - im wahrsten Sinn des Wortes - "abzurunden". Ein Frontalangriff auf die Ästhetik, oder - mit den Worten Lagerfelds, der die Diskussion um die Magermodels satt hat - es geht bei Mode auch um Träume und Illusionen. Damit liegt er richtig. Das Vorhaben wird ein denkwürdiges Experiment, ein frommer Wunsch bleiben, den sich die Modebranche auf Dauer nicht leisten können wird.

Das Problem liegt ganz woanders. Solange sich XXL-Frauen in XS-Größen zwängen, solange millionenfach Hüftrollen unter knallengen T-Shirts und ebenso figurbetonten Jeans ungeniert zur Schau gestellt werden, um die Wohlstandsfigur salonfähig zu machen, brauchen wir einen wie Lagerfeld, dem die Wahrheit nicht weh tut. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 15.10.2009)

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    Kein Gramm fett, na und?

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