Ballon geplatzt

15. Oktober 2009, 19:01
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Wenn Erwin Pröll Niederösterreich wichtiger ist als ein persönlicher Karriereschritt, sollte er das auch vor vier Monaten gewusst haben

Ausgezogen, von Radlbrunn die große Welt zu erobern, hat sich Erwin Pröll nach einer von der "Kronen Zeitung" monatelang gesponserten und dementsprechend rabiaten Selbstempfehlung nun also doch entschieden, sein Wirken auf die Stadt des hl. Hippolyt und Umgebung zu beschränken. Dabei hätte die Vorbildwirkung des Landeshauptstadtpatrons als gutes Omen dienen können, ließ dieser sich doch einst von der konservativen Fraktion seiner Christenfreunde zum ersten Gegenpapst der Kirchengeschichte erheben, eine Position, die er lange genug innehatte, um sie zum Sprungbrett ins Märtyrertum auszubauen: Der Kaiser verschickte den klerikalen Streithansel samt seiner Konkurrenz schließlich in die Steinbrüche Sardiniens.

Immerhin wuchs ihm daraus der Ruf eines Helfers bei Körperschwäche zu, der bei Erwin Pröll naturgemäß ins Leere gehen muss, denn dessen in einer Lachnummer endende Kraftprotzerei lässt eher auf andere Schwächen schließen. Dass er vor der Märtyrerkrone eines eventuell abgeblitzten Kandidaten letztlich doch zurückschreckte, kann man ihm nicht verargen, dass er vorher von einer Niederösterreich überschwemmenden Selbstmordwelle im Falle seiner Übersiedlung um ein paar Kilometer nichts geahnt haben will, schon. So kühn war schon lange kein Versuch, die Bürger für blöd zu verkaufen. Wenn ihm Niederösterreich wichtiger ist als ein persönlicher Karriereschritt, wie er am Ende seiner Scheinschwangerschaft als Hofburg-Kandidat nun mitteilt, sollte er das auch vor vier Monaten gewusst und alle Avancen, sich als Kandidat auch nur ins Gespräch zu bringen, unter Hinweis auf seinen fast schon pathologischen Lokalpatriotismus zurückgewiesen haben. Noch dazu, wo er doch, wie er nun beteuert, selber gar nicht auf die Idee einer Kandidatur gekommen wäre. Wie auch!

Die Niederösterreicher können aufatmen, aber anderswo hinterlässt er Enttäuschung. Nicht nur in der "Krone" , der nach Haider, Grasser und Hermann Maier wieder ein Fell davonschwimmt. Und was werden erst "die höchsten Amtsträger der SPÖ" leiden, die ihn beinahe überzeugt hätten, St. Pölten für Wien schmählich im Stich zu lassen, und mit ihren teuflischen Ränken gescheitert sind. Ist dem Neffen, befreit von einer Bürde des Pröllismus, der Weg ins Bundeskanzleramt nun doch so gut wie offen. Auch wenn er sich noch etwas zieht.

Jeder unabhängige, aber doch bürgerliche Kandidaten, den Erwin Pröll schon deshalb von Anfang an gewollt haben muss, weil ein solcher ja nicht aus dem Herzen der ÖVP kommen soll, ist damit zu einem Notnagel gestempelt. Wen immer die ÖVP findet, wenn sie denn sucht, die oder der muss mit einem hohen Maß persönlicher Eitelkeit ausgestattet sein, um sich als zweite Wahl für eine aussichtslose Kandidatur zur Verfügung zu stellen. Und unter den gegebenen Umständen kann diese Person nicht einmal mit maximaler Unterstützung rechnen. Warum sollte die ÖVP viel Geld zum Fenster hinauswerfen, das durch keine Wahlkampfkostenerstattung zurückkommt, nur um einen Zählkandidaten ins Rennen zu schicken? Bei Erwin Pröll hätte sie das schon aus Prestigegründen müssen. Aber der hat sich nie zum Märtyrer berufen gefühlt. Niemals! (Günther Traxler/DER STANDARD, Printausgabe 16.10.2009)

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