Netzwerkanalyse

Vertikale Impulse ohne stabilisierende Vernetzung

15. Oktober 2009, 18:55

Reale Perspektive jenseits constantinesken Geredes

Die Darstellung der drei häufigsten Passes der Österreicher im Spiel gegen Frankreich zeigt uns ein massiv rechtslastiges Netzwerk. In Paul Scharner finden wir den überragenden Spieleröffner und Antreiber. In seinem Top-Zentralitätswert spiegelt sich nicht zuletzt die Hybridität seiner Spielinterpretation: Seine Performance geriet zu einer eigenartigen Mischung aus Außen- und Innenverteidigung.

Strukturell lässt sich das unter anderem an der Differenz zur eher linearen Spielweise des linken Außenverteidigers Christian Fuchs erkennen. Scharner entwickelte über das gesamte Spiel stabile Beziehungen nicht nur zu seinem Vordermann Veli Kavlak, sondern bemühte sich auch um eine horizontale Vernetzung mit dem zentralen Mittelfeld (Baumgartlinger, Pehlivan) sowie um eine vertikale in die Spitzen (Maierhofer bzw. Hoffer, Janko).

Die vergleichsweise deutliche Beziehungsabnahme in den Verbindungen vom Mittelfeld in die Spitzen liefert den Hinweis, wo das vor allem zu Beginn engagierte Spiel der Österreicher zum Erliegen kam: Wie schon im Spiel gegen Litauen erwächst aus den vertikalen Impulsen keine stabilisierende Spielvernetzung. Resultat der Überforderung sind klassische "Tunnelläufe", die häufig mit Ballverlust enden.

Der gegen Litauen noch gefährliche Kavlak war ebenso eine tendenzielle Endstation wie Jantscher bzw. der in der Wallner-Rolle überforderte Maierhofer. Enttäuschend agierten zudem Baumgartlinger und Pehlivan. Das tendenziell nach außen neigende Netzwerk verrät, inwiefern das Spiel strukturell an beiden vorbeigelaufen ist. Eine Ahnung von koordiniertem schnellen Spiel nach vorn verpasste dem Team ausgerechnet der jüngste Debütant aller Zeiten: David Alaba versprühte in seinen zehn Einsatzminuten eine reale Perspektive jenseits des constantinesken Geredes von der "neuen" Generation. (Helmut Neundlinger, DER STANDARD Printausgabe, 16.10.2009)

SCHLÜSSELSPIELER*

1. Scharner 112
2. Baumgartlinger 92
3. Kavlak 89
4. Janko 84
5. Maierhofer 74
6. Pehlivan 69
7. Jantscher 67
8. Fuchs 63
9. Hoffer 48
10. Dragovic 38
11. Patocka 36
12. Gratzei 31
13. Alaba 19
14. Payer 18

*Gegebene und angenommene Pässe

ERFOLGREICHE PÄSSE IN PROZENT

1. Pehlivan 91,43 (32 von 35)
2. Dragovic 84,62 (22 von 26)
3. Janko 83,33 (15 von 18)
4. Maierhofer 82,14 (23 von 28)
5. Fuchs 82,05 (32 von 39)
6. Gratzei 80,95 (17 von 21)
7. Baumgartlinger 80,85 (38 von 47)
8. Jantscher 80,00 (24 von 30)
9. Patocka 79,17 (19 von 24)
10. Scharner 72,97 (54 von 74)
11. Kavlak 71,79 (28 von 39)
12. Hoffer 70,59 (12 von 17)
13. Alaba 70,00 ( 7 von 10)
14. Payer 66,67 ( 8 von 12)

TEAMANTEIL ERFOLGREICHER PÄSSE

1. Scharner 16,31
2. Baumgartlinger 11,48
3. Fuchs 9,67
3. Pehlivan 9,67
5. Kavlak 8,46
6. Jantscher 7,25
7. Maierhofer 6,95
8. Dragovic 6,65

DIE MEISTEN PÄSSE/PASSVERSUCHE

1. Scharner-Kavlak 18
2. Scharner-Maierhofer 12
3. Fuchs-Jantscher 11
4. Scharner-Baumgartlinger 10
4. Fuchs-Maierhofer 10
4. Pehlivan-Baumgartlinger 10
4. Scharner-Janko 10
8. Scharner-Pehlivan 8
8. Kavlak-Maierhofer 8
8. Kavlak-Hoffer 8
8. Baumgartlinger-Kavlak 8

AM ÖFTESTEN ANGESPIELT

1. Janko 66
2. Kavlak 50
3. Maierhofer 46
4. Baumgartlinger 45
5. Scharner 38
6. Jantscher 37
7. Pehlivan 34
8. Hoffer 31
9. Fuchs 24
10. Dragovic 12
10. Patocka 12
12. Gratzei 10

GABEN DIE MEISTEN PÄSSE

1. Scharner 74
2. Baumgartlinger 47
3. Fuchs 39
3. Kavlak 39
5. Pehlivan 35
6. Jantscher 30
7. Maierhofer 28
8. Dragovic 26
9. Patocka 24
10. Gratzei 21
11. Janko 18
12. Hoffer 17
13. Payer 12
14. Alaba 10

Der Ansatz

Die Spielzüge werden aufgenommen und codiert. Der Datensatz wird netzwerkanalytisch ausgewertet, das Ergebnis wird interpretiert. In der Grafik werden die Ballwege zu den drei wichtigsten Passpartnern verdeutlicht. Die Kreisgrößen ergeben sich aus den Summen angekommener und abgegebener Pässe.

Die Analytiker

FAS.research, in Wien und New York ansässig, schon bei der WM 2006 und bei der Euro 2008 im Einsatz, beobachtet die Länderspiele der österreichischen Nationalmannschaft exklusiv für den Standard.

Team: Ruth Pfosser, Harald Katzmair, Johannes Uhlig, Helmut Neundlinger. (red)

Webtipp: www.fas.at

Kommentar posten
18 Postings
Zirkumplex
00
17.10.2009, 14:08
Bitte um Aufklärung

was ist: Teamenteil erfolgreicher Pässe

Juergen Hoffmann
 
00
18.10.2009, 15:20

Teamanteil,...

TrifterSepp
 
60
16.10.2009, 12:29

Mich würde mal eine richtige fachliche Analyse von wirklichen Experten, zb aus Deutschland interessieren. Die sehen so ein Spiel sicherlich anders. Denke da könnte man viel lernen.

SagServus
02
16.10.2009, 09:45

Ziemlich rechtslastig das Spiel.

Kein Wunder das ein Jantscher dann untergeht und bei den "wenigen" Ballbesitzen dann schlecht aussieht wenns mal nicht geht.

Dr. Seltsam
 
00
16.10.2009, 12:20

Mmn hat der Jantscher nicht so schlecht ausgesehen

filippinho
02
15.10.2009, 22:46
Ich weiß nicht was ich von dieser Analyse halten soll

Scharner und Baumgartlinger waren für mich wahrscheinlich die größten Schwachstellen. Und hier findet man sie als Schlüsselspieler auf den PLätzen 1 + 2 wieder.

jayjay_one
11
16.10.2009, 16:05
das ist für mich auch die größte schwachstelle dieser analysen

ein traumpass der zum torerfolg führt zählt gleich viel wie ein verzweiflungspass, der zwar ankommt, aber nichts einbringt


außerdem sind viele ballkontakte nicht immer gleichzusetzen mit einer guten leistung.
siehe auch: die gesammelten werke des ex-kapitäns andi i.

spoiled ballot
10
16.10.2009, 05:37

schlüsselspieler= anzahl der gegebene und angenommene pässe

Club-der-dichten-Toten
03
15.10.2009, 23:23

Scharner war auf der ihm zugedachten Position vollkommen fehl am Platz, das heisst aber nicht, dass er "schlecht" war. Er war halt eher an der Mittellinie oder noch weiter vorne zu finden, wo er durchaus Bälle angenommen und ordentlich verteilt hat. Wundert mich nicht, dass er in der Analyse als "Schlüsselspieler" bezeichnet wird.
Das Problem war nur: Er hat dort laut "Taktik" nix zu suchen gehabt und kaum war der Ball hinter ihm, war die "Vierer-Abwehr" offen wie ein Scheunentor.

*Das* war das Problem.
Nicht dass Scharner prinzipiell schlecht gespielt hat.

Juergen Hoffmann
 
00
17.10.2009, 11:56

das machen alle modernen AV; Lahm wird dafür über den Klee gelobt! In der Vowärtsbewegung müssen die AV mit nach vorne, um eine Überzahl zu erreichen. Anders ist ein modernes 4-4-2 gar nicht zu realisieren. Auch muss man Scharner zugutehalten* (ieee, wie sieht das denn aus), dass er bei Ballverlust verhältnismäßig schnell zurück eilt.
Aber das beste Beispiel (wenn auch auf der anderen Seite) ist wohl Dani Alves; den hält nichts hinten, sobald es nach vorne geht...

*die Tore sind auch nicht über die Außenbahn gefallen. Beim 0:1 kann man seinen Laufweg kritisieren, besser wäre es gewesen diagonal raus zu laufen, dann hätte Malouda weniger Zeit zum Flanken gehabt. Beim 1:3 hätte er besser den Ball ins Out gegrätscht, aber das ist nicht PL-A.

Herr Gruber
00
16.10.2009, 17:02

doch hat er. er war als rechtsverteidiger aufgestellt und hat einfach drauf gsch***n, seine taktischen aufgaben zu erfüllen. gut zu sehen in hz 1, als ihn der junge dragovic nach einer weiteren riesenchance der franzosen angemotzt hat, seine seite endlich zuzumachen. und die rechte seite war demnach logischerweise die achillesferse der mannschaft. und der tiroler hat ihn danach auch noch gelobt. solche leute brauchen wir und keine, die kicken können :(

Club-der-dichten-Toten
00
17.10.2009, 18:25
er war als rechtsverteidiger aufgestellt und hat einfach drauf gsch***n, seine taktischen aufgaben zu erfüllen.

Ja, da bin ich eh bei Ihnen.
Was aber meiner Meinung nach nicht heißt, dass er technisch schlecht gespielt hat.

Dass er mit dem Verlassen des ihm zugedachten Platzes die Achillesferse der Mannschaft war, ist ja unbestritten.

mil be
00
15.10.2009, 23:22
und?

Scharner und Baumgartlinger waren die Aktivsten am Spielfeld für die Österreicher, was auch nicht zu übersehen war (immerhin bezeichnen sie diese auch als Schwachstellen und dürften ihnen so auch aufgefallen sein, im Gegensatz zu einen z.B. Patocka) und wird hier auch durch Daten belegt. Mehr sagt diese Statistik mit den Schlüsselspieler auch nicht aus.

Ob sie nun die besten waren beibt dahingestellt, da es auch noch andere Daten, aber auch Geschmack, abhängt.

Haplorrhinus Hominidus
00
15.10.2009, 22:44
gibt's das auch auf deutsch?

Name d. Red. bekannt
00
15.10.2009, 20:41
:.

in den zählungen werden weder zeitliche noch positionsdaten erfasst. daher sind aussagen wie, zu beginn, außen, innen, links, rechts, vertikal nicht zulässig.

hamflo
00
15.10.2009, 22:50
nur weil sie hier nicht...

angeführt sind, können sie trotzdem vorliegen. vielleicht finden es die redakteure zu unübersichtlich und nicht notwendig

Name d. Red. bekannt
00
16.10.2009, 00:23

denke nicht da es ein klssisches "soziogramm" ist wo einfach passkontakte gezählt werden. keiner weiss wo da wer gestanden ist bzw. wo der gegner gerade war

Juergen Hoffmann
 
00
17.10.2009, 12:02

also von der PL weiß ich, dass deren Auswertungen diese Umstände durchaus inkludieren. Die Objektivität der statistischen Auswertung muss! die Grundlage der Spielerbewertung sein; sowohl für die Medien, als auch für die Trainer. Alles andere ist Hokuspokus und wird nicht zu einer stetigen Leistungsverbesserung führen. (Das gilt übrigens für fast alle Bereiche im beruflichen Leben; mir ist noch der Spruch aus meiner Laufbahn im öffentlichen Dienst erinnerlich: wer viel arbeitet, macht viele Fehler, wer wenig arbeitete, macht deren wenige und wer nix arbeitet, keine. Wer keine Fehler macht, wird befördert. Und leider: es war oft genauso...).

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