Zeiten des Umzugs, Zeiten des Umbruchs

15. Oktober 2009, 18:28
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Kritikerempfang bei Suhrkamp

"Der Verlag geht nach Berlin. Die Klettenbergstraße bleibt in Frankfurt." Mit diesen schlichten Sätzen begrüßte Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz die geladenen Gäste zum traditionellen Kritikerempfang im Wohnzimmer ihres Privathauses in Frankfurts noblem Nordend.

Es war just der fünfzigste Empfang auf dem Holzparkett der Villa - seit Siegfried Unselds Tod führt die Witwe die Tradition des Five-o'Clock-Treffens fort, zu dem sich etwa fünfzig Suhrkamp-Autorinnen und -Autoren und fünfzig Kritiker des deutschen Feuilletons Schulter an Schulter zwischen die Bücherregale drängen, um der Lesung eines Autors aus einem noch unveröffentlichten Buch zu lauschen.

An diesem Tag des Jubiläums hatte Ulla Unseld-Berkéwicz den Lyriker Oswald Egger gebeten. Er las aus seinem im März erscheinenden, 800 großformatige Seiten starken Buch Die ganze Zeit. Ein bildstarkes, wortschöpfungsreiches Langgedicht, in dem immer wieder Anklänge einer Erzählung aufzublitzen schienen, die sich jedoch im gleichen Moment als Illusion, als sprachliche Fata Morgana wieder verflüchtigte. Nichts ist sicher in dieser ebenso sinnlichen wie klugen Sprachwelt Oswald Eggers - als vielleicht die Gewissheit, dass hunderte der Vierzeiler, von denen er täglich 24 schreibt, sich wiederfinden werden, wie die Zeilen des chinesischen I Ging stets neu kombiniert, im März in Die ganze Zeit.

Wenn das Buch erscheint, wird der Suhrkamp-Verlag längst schon in Berlin wohnen. Zwischen den Jahren will man umziehen, ab dem vierten Jänner 2010 soll die Arbeit der gesamten Verlagsgruppe in der Pappelallee 78-79 beginnen, in den Gebäuden des ehemaligen Finanzamts Prenzlauer Berg. Die neue Adresse jedoch ist ein Provisorium. Zwei Jahre später, wenn die Restaurationsarbeiten am Nikolaihaus in der Brüderstraße abgeschlossen sind, steht ein weiterer Umzug bevor.

Zwei Drittel der Angestellten jedenfalls ziehen in wenigen Wochen nach Berlin. Darunter das gesamte Lektorat und alle leitenden Angestellten. Die Klettenbergstraße aber bleibt in Frankfurt. Und wird auch in kommenden Jahren während der Buchmesse den Kritikerempfang beherbergen.

Von dem die österreichischen Gäste alljährlich aufbrechen in Richtung Städel Museum. In dessen Kellern der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels und die Bundesministerin für Kultur, Claudia Schmidt, zum opulenten Buffet laden. Traditionell mit einer Ansprache, die kaum länger ist als Ulla Unseld-Berkéwiczs zwei Sätze. In diesem Jahr allerdings hatte Claudia Schmidt einige wesentliche Informationen zu verkünden: Zum einen versicherte sie, ähnlich der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnungsrede der Messe, ihren Willen, das Urheberrecht der Autoren nachhaltig zu sichern in Zeiten des Internet.

Auch die Buchpreisbindung wurde längerfristig verankert. Und eine literarische Achse Wien- Berlin soll, gemeinsam mit dem österreichischen Botschafter in Berlin, verstärkt werden. Mit Lesungen und Verlagspräsentationen österreichischer Autoren und Editionen. Nicht nur Suhrkamp, auch Österreichs Literatur bricht auf an die Spree. (Cornelia Niedermeier aus Frankfurt am Main / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2009)

 

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