Zerbrechen der Illusionen

15. Oktober 2009, 18:19
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Der Krieg in Afghanistan destabilisiert Pakistan, anstatt es abzuschirmen

In Pakistan - und bei seinen Verbündeten in Washington und anderswo - brechen soeben gleich mehrere Illusionen zusammen: Erstens erweist sich der zu Sommerende aufkommende Eindruck als trügerisch, die vergangene Offensive der pakistanischen Armee im Swat-Tal und die Tötung des Taliban-Führers Beitullah Mehsud hätte die islamistischen Aufständischen zumindest mittelfristig handlungsunfähig gemacht. Unmittelbar vor einer weiteren geplanten Offensive der Armee haben sie hingegen mit ihrer Serie koordinierter Attentate und Überfälle dem pakistanischen Staat das Heft aus der Hand genommen.

Zweitens kommen - mit Anschlägen in wichtigen Städten des Punjab - Zweifel an der beruhigenden Theorie auf, dass die Taliban ohnehin nur an den paschtunischen Gebieten interessiert sind: Das mag schon sein, aber momentan tragen sie den Kampf auch in andere Teile Pakistans. Der Punjab ist das wirtschaftliche und politische Zentrum des Landes. Und dass sich die Islamisten für ihre Anschläge die Zentren der Autorität aussuchen, nämlich Polizeikasernen, ist eine klare Botschaft. Beunruhigend auch, in welchem Ausmaß die pakistanischen Geheimdienste versagt haben.

Damit bricht drittens langsam, aber sicher ein wichtiger Pfeiler des Afghanistan-Diskurses der US-Regierung und auch der Nato weg: Der Afghanistan-Krieg wird ja nicht zuletzt damit begründet, ein Überschwappen der labilen afghanischen Verhältnisse auf Pakistan verhindern zu müssen. Noch nie war Pakistan in so einem schlechten Zustand. Zynisch gesagt: Nicht umsonst hat der pakistanische Geheimdienst Anfang der 1990er die Talibanbewegung in Afghanistan gestützt (oder erfunden), nämlich, um Afghanistan zu stabilisieren - eine Entwicklung, der ja die damalige US-Regierung von Bill Clinton zu Beginn durchaus auch etwas abgewinnen konnte. Erst relativ spät in der Geschichte begriff man, was man sich da herangezüchtet hatte.

Die territoriale Ausweitung der Angriffe in Pakistan weist auch auf eine neue Kooperation zwischen paschtunischen Taliban und anderen pakistanischen Islamisten und Al-Kaida hin - ein "Erfolg" der verfehlten US-Politik, den Paschtunenaufstand immer nur im Al-Kaida-Kontext zu sehen. Damit erweist sich auch noch die Annahme als trügerisch, man würde Al-Kaida bekämpfen. Vielmehr wird ihr wieder auf die Beine geholfen.

Armer Friedensnobelpreisträger: US-Präsident Barack Obama hat momentan in Afghanistan und im Irak zusammengerechnet mehr Truppen, als sie sein Vorgänger George Bush je hatte, nicht einmal am Höhepunkt des "surge" , der Truppenaufstockung im Irak. Neben den im März angekündigten 21.000 zusätzlichen Kampftruppen wurden still und leise weitere 13.000 Soldaten unterstützender Einheiten nach Afghanistan beordert. Bald werden es 68.000 sein, doppelt so viel wie unter Bush. Der US-Kommandierende Stanley McChrystal und die Nato-Generäle wünschen sich noch viel mehr, mindestens 40.000.

Das Pakistan-Problem ist jedoch damit nicht zu lösen. Der US-Kongress hat gerade ein nichtmilitärisches Hilfspaket verabschiedet, das zwar die Finanzhilfe verdreifacht (fünf Mal 1,5 Milliarden US-Dollar jährlich), aber Islamabad gleichzeitig Bedingungen setzt, die beinahe den Geruch von Eingriffen in die pakistanische Souveränität haben.

Wobei diese durch US-Militäraktionen auf pakistanischem Territorium ohnehin regelmäßig verletzt wird. Aber dass Pakistans Regierung die US-Hilfe nicht einmal mehr direkt bekommt, sondern die Gelder von einer speziell geschaffenen Einheit der US-Botschaft verwaltet werden sollen, sagt viel darüber aus, wie es mit dem Vertrauen in Islamabad aussieht. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2009)

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