Kunst und Limonadengeschäft

15. Oktober 2009, 18:15
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"Zwischenzonen": eine Auswahl von interdisziplinären Werken aus "La Colección Jumex", einer der bedeutendsten mexikanischen Privatsammlungen

Wien - Eugenio López Alonso kam vor knapp zehn Jahren in den Genuss, ein Fruchtsaftimperium zu erben: den mexikanischen Konzern Jumex. Und hat in einer Fabrikshalle inmitten eines seiner Produktionsstandorte eine Kunstsammlung angelegt, die sich mit Arbeiten von Stars zumindest dreier Generationen, schwerpunktmäßig auch den stets prekären Lebensbedingungen in einer globalisierten und vorwiegend kapitalbestimmten Welt widmet.

Für das Museum Moderner Kunst Wien haben nun Direktor Edelbert Köb und Jumex-Kurator Victor Zamudio-Taylor gemeinsam den Bestand gesichtet und in Zwischenzonen gruppiert.

"La Colección Jumex, Mexiko" (übersetzt eine Art "Sammlung Rauch", die es leider nicht gibt), ist im Alltag eingehüllt in den Geruch tausender Tonnen frischer Mangos oder Orangen, die ins Werksgelände transportiert werden, um von dort aus, frischgepresst und raffiniert aufbereitet, die Marktregale ganz Südamerikas zu füllen.

Vielleicht ja ist es bloß historisches Glück, dass Mexiko weder im alpinen Skilauf noch in der nordischen Kombination sponserwürdige Teilnehmer hervorgebracht hat. (Hubertus von Hohenlohe erblickte zwar 1959 in Mexiko-Stadt den Smog der Welt, erreichte aber nur fünfmal eine Top-Ten-Platzierung im Skiweltcup und das in der wenig glamourösen Disziplin "Kombination", kam darüberhinaus mit doch beachtlichen 25 Sekunden später im Zieleinlauf der Reiteralm an als alle anderen Abfahrer und deshalb als Werbeträger für Vitaminreiches nicht in den Kader.)

Also kam die Kunst dazu, glamzurocken: Zunächst war es Minamal Art, sehr schnell aber entschied sich Victor Zamudio-Taylor auf Interdisziplinäres zu setzen, nach Arbeiten zu suchen, die sowohl die Übergänge zwischen den Disziplinen anschaulich machen, als auch im Weitesten gegenwärtige kulturelle Praktiken zeigen sollten: "Überwachung" etwa in Doug Aitkens Multimediainstallation Diamond Sea, die Aufnahmen aus einer der größten Diamantenminen der Welt in langen Schnittfolgen aneinanderreiht.

Das 75.000 Quadratmeter große Gebiet in der Wüste von Namibia war seit Beginn des 20.Jahrhunderts von der Außenwelt völlig isoliert verwaltet, und auf keiner Landkarte vermerkt worden. Aitken montiert Bilder monströser hochtechnologischer Sicherheitssysteme mit Aufnahmen von Industrieruinen und unendlichen Brachen durch die wilde Pferde ziehen. Die Schweizer David Fischli und Peter Weiss stellen den üblichen Schnappschüssen zum Beleg der erbrachten Fernreiseleistung romantisch schöne Aufnahmen der internationalen Verteilerzentralen entgegen: Sie zeigen Flughäfen im Abendrot. Von dem wiederum jene blinden Mariachis nichts haben, die der Belgier Francis Alys (er lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt) performend durch die Straßen laufen lässt. Sie singen Patriotische Lieder (die Ballade eines Fährmannes, der, von der Sonne geblendet, die Orientierung verliert und in der Folge die Richtungen "vorwärts" und "rückwärts" nicht mehr auseinanderhalten kann.) Nebenan spielt eine Gruppe von Menschen Reise nach Jerusalem. Die Projektion läuft abwechselnd vor- wie rückwärts.

Die Zwischenzone Natur und Zivilisation markieren Ugo Rondinone und Olafur Eliason: Rondinone bringt in tiefschwarzen Tierköpfen aus Kunststoff die stets abstruse Vorstellung des Lebens in einer nie gesehenen Ferne zum ersten aller Punkte - abknallen und als ausgestopfte Trophäe an die Wand hängen! Eliasson zeigt die Ferne als Ort, an dem die Sehnsucht endlich endet, als menschenleeren Platz von bezaubernder Schönheit.

Edelbert Köb will mit seiner themenbezogenen Auswahl aus einer der bedeutendsten Sammlungen Lateinamerikas "ein relevantes Bild über den Zustand der heutigen Welt oder zumindest einer ihrer zentralen Aspekte vermitteln", zeigt damit aber auch, dass das Budget, um Derartiges anzulegen, jedenfalls nicht annähernd mit dem seines Museums zu vergleichen ist. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2009)

 

 Bis 7. März 2010

  • Jeff Wall, "Overpass" aus 2001. Auf transparentem Cibachrome inszeniert der Kanadier, was meist auch in der Realität der Fall ist: Ein Ziel ist nicht in Aussicht.
    foto: jeff wall / la colección jumex, mexiko

    Jeff Wall, "Overpass" aus 2001. Auf transparentem Cibachrome inszeniert der Kanadier, was meist auch in der Realität der Fall ist: Ein Ziel ist nicht in Aussicht.

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