Mit Anlauf zum nächsten Absturz

15. Oktober 2009, 17:30
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Der Dow Jones hat die 10.000er-Marke geknackt. Der spektaku­lären Bergfahrt könnte ein neuer Crash mit gravierenden Auswirkungen folgen

Der Jubel war groß, als der US-Index Dow Jones am Mittwoch die Marke von 10.000 Punkten überschritten hat. Doch während sich Börsianer die Hände reiben, sehen viele Ökonomen bereits die nächste Überhitzung kommen, die unweigerlich in den nächsten Crash führt. Und der würde der gerade zart auflebenden Realwirtschaft wohl mehr als einen Dämpfer versetzen.

Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister macht vor allem der Umstand Kopfzerbrechen, dass neben den Aktien auch Nahrungsmittel- und Energiepreise in die Höhe schnellten. "Es handelt sich um den größten Anstieg seit Jahrzehnten. Das ist der Aufbau eines neuen Absturzpotenzials" , glaubt Schulmeister. Ein neuerlicher Kursverfall würde die Vermögenslage der Anleger und folglich den Konsum neuerlich beeinträchtigen und unweigerlich in eine neue Rezession führen, der die Weltwirtschaft gerade zu entfliehen scheint.

Ein anderes Szenario malt die amerikanische Kassandra-Version, Starökonom Nouriel Roubini, der schon die vergangene Talfahrt an den Aktienmärkten vorausgesagt hatte. Sollten die Rohstoffpreise weiter steigen - konkret bei einem Ölpreis von 100 Dollar das Fass - würde dies neuerliche Schockwirkungen mit sich bringen. Er warnt daher ebenso wie Schulmeister vor einem W-förmigen Verlauf der Wirtschaft, bei dem der Erholung ein weiterer Absturz folgt. Die Gefahr erscheint umso größer, als die derzeitige Entspannung den Geldspritzen der Staaten geschuldet ist, denen langsam der finanzielle Atem ausgeht.

Blasenbildung

Joseph Kapp von Lincoln Financial Advisors warnte ob der Probleme am Arbeits- und Immobilienmarkt vor zu viel Euphorie. Und so mancher Experte sieht bereits die nächste Blase auf die Wall Street zurollen: Der Dow Jones ist gegenüber seinem bisherigen Jahrestief von 6547,05 Punkten am 9. März um mehr als 50 Prozent nach oben geschossen. Die US-Notenbank hält die Leitzinsen auch weiter bei nahezu null Prozent und pumpt Geld in das System. Irgendwann werde die Notenbank durch die steigende Inflation oder die übermäßig hohen Rohstoffpreise aber gezwungen sein, die Leitzinsen anzuheben, ergänzen skeptische Analysten. Dann werden die Aktienkurse wieder Rückschläge erleiden und auf eine faire Bewertung sinken.

Doch vorerst profitieren die Aktienmärkte von besseren Unternehmens- und Konjunkturdaten. Die Kursanstiege der vergangenen Monate zwingen immer mehr Pensionsfonds und Vermögensverwalter, ihr Portfolio in Richtung Aktien umzuschichten: Selbst skeptische Anleger halten dem Druck der Investoren schlicht und einfach nicht stand, kommentiert ein Beobachter. In Folge sank der Bargeldbestand der Vermögensverwalter auf den tiefsten Stand seit 2004.

Die 10.000 Punkte hatte der Dow Jones zuletzt am 3. Oktober 2008 markiert. Analysten sehen die aktuelle Entwicklung zweigeteilt. Hans Engel vom internationalen Research der Erste Group ist skeptisch: "Es ist zwar wichtig, dass der Index diesen Punkt überschritten hat, aber jetzt muss er sich dort auch halten können." Zudem gibt der Analyst zu bedenken, dass die Inflationsrate und der schwache Dollar das Bild verfälschen. "In Kaufkraft gemessen sind die 10.000 Punkte heute nicht mehr soviel wert wie früher" , sagt Engel zum Standard. Im Jahr 2000 kostete ein Dollar 0,9 Euro, heute bereits 1,49 Euro. "Man sollte den Schritt über die 10.000 Punkte daher nicht überbewerten" , erklärt Engel.

Treibstoff für die Rallye

Ein anderer Marktteilnehmer sieht in der Rallye vom Dow Jones die Erholung von der Krise, die derzeit in den USA stattfinde. In sechs Monaten werde man diese Erholung auch im Wiener Leitindex ATX spüren. Was Hoffnung für einen Aufschwung gebe, sei die Tatsache, dass die laufende US-Berichtsaison die dritte in Folge sei, bei der die Ergebnisse über den Analysten-Erwartungen liegen.

Michael Jones, Manager bei Riversource Investments, sieht im Dow-Anstieg einen "entscheidenden Meilenstein" am Weg nach oben. Die US-Notenbank Fed will das Volumen für den Ankauf hypothekenbesicherter Wertpapiere auf 1450 Milliarden Dollar ausweiten. Das wird laut Jones "der Raketentreibstoff, der die Börsenrallye am Laufen halten wird" . (Andreas Schnauder, Bettina Pfluger, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 16.10.2009)

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    Viele Ökonomen sehen bereits den Aufbau eines neuen Absturzpotenzials.

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