Eine Heimat aus Erinnerungen

15. Oktober 2009, 18:43
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Ihr Spielfilm, "She, a Chinese“ gewann im August den Goldenen Leoparden in Locarno: Die Viennale stellt das vielseitige Werk der Chinesin mit einem Special vor

Tief unter Tag ist ein denkbar unpassender Ort, sich zu streiten, wenn oben an der Erdoberfläche die Menschen in der Sonne liegen und einen trägen Sonntag genießen: Roberto, ein italienischer Archäologe, buddelt sich durch finstere Gänge, während seine chinesische Freundin hinter ihm hergrummelt. Sie glaubt, man könnte die Zeit anders verbringen, vielleicht auch mit unbeschwerten Tätigkeiten im Freien und nicht irgendwo im Bauch von Rom.

Vor allem aber hat sie es auch eilig. Um 18 Uhr erwartet sie ihre Eltern am Flughafen, diese reisen eigens aus China an, um den Freund der Tochter kennenzulernen, dem wiederum es vor allem darum zu tun ist, neben dem Abendessen die Übertragung des Fußballspiels zwischen Italien und Spanien nicht zu versäumen. Und so läuft der kurze Film An Archeologist's Sunday von Guo Xiaolu auf eine resignierende Erkenntnis hinaus: Vielleicht ist eine tiefe, dunkle Höhle doch nicht der schlechteste Ort, um einen sonnigen Sonntag in der Fremde zu verbringen?

Die Fremde ist so etwas wie der zweite Naturzustand für die 1973 geborene chinesische Filmemacherin Guo Xiaolu, deren Werk die Viennale mit einem Special Program erschließt. In Locarno hat sie vor wenigen Wochen mit She, a Chinese den Goldenen Leoparden gewonnen - in dieser Geschichte des Mädchens Mei geht es von einem abgelegenen Dorf in die zentralchinesische Millionenstadt Chongqing und schließlich in die globale Metropole London. Eine der erste Kapitelüberschriften, die diesen Film gliedern, lautet: Mei ist noch nie weiter als fünf Meilen von zu Hause weggekommen. Dem entspricht ein anderer Satz, den Guo Xiaolu in Far & Near spricht, der in Wales an der englischen Westküste gedreht wurde, und in dem sie sich fest vornimmt, nie wieder nach China zurückzukehren.

Respekt und Unverständnis

Mit dieser Haltung steht Guo Xiaolu quer zum Mainstream der chinesischen Popkultur, der die neue wirtschaftliche Prosperität begrüßt und stolz die Konkurrenzfähigkeit des Landes auch in allen symbolischen Bereichen feiert. In Far & Near (2003) ist China dagegen durch Fotografien vertreten, die die Filmemacherin in Beijing gemacht hat - sie zeigt Menschen, die auf der Straße schlafen, und andere Indizien für harten Überlebenskampf. In Wales fühlt sie sich einsam, auf einem Berg findet sie ein verlassenes Haus, in dem ein Paar gelebt hat, das gemeinsam aus dem Leben geschieden ist. Sie fühlt sich dadurch an ihren Lieblingsdichter Gu Cheng erinnert, der immer von einer idealen Insel geträumt hat und dort (in Neuseeland) dann ebenfalls zuerst seine Frau tötete und sich dann erhängte.

Die menschlichen Solitäre, mit denen Guo Xiaolu in Wales spricht, flößen ihr Respekt, aber auch Unverständnis ein. Sie setzt sich Wind und Kälte aus, weil sie sich dadurch ans südchinesische Meer ihrer Heimat erinnert fühlt. Der Berg, den sie in Wales umkreist, erinnert sie immer stärker an ihren Vater, der täglich auf einen Berg geht, um mit Tai-Chi-Übungen seine Krebserkrankung in Schach zu halten. Far & Near ist ein assoziativer Film, in dem Guo Xiaolu sich auch mit ihrer Großmutter identifiziert, die sich noch die Füße eingeschnürt hat und an das beschränkte Leben gefesselt blieb, in das sie hineingeboren wurde.

Multimedial und flexibel

Dass Guo Xiaolu von 2002 an vor allem in London lebte, hat auch mit ihren schlechten Erfahrungen an der Filmhochschule von Beijing zu tun. Sie näherte sich dem Kino in Europa noch einmal neu, auf experimentelle, autobiografische Weise, die sich in den kurzen Filmen sehr gut erschließt. Zudem hat Guo Xiaolu inzwischen auch literarische Werke verfasst (in englischer Sprache, deutsche Ausgaben im Knaus Verlag), sie arbeitet also multimedial und flexibel zwischen den kulturellen Teilsystemen und den lokalen und globalen Bezügen. Selbst She, a Chinese, der in vielerlei Hinsicht eine sozialrealistische Ästhetik hat, ist überformt von westlichen Spezifika (das Warp-Label hat mitproduziert und auch den Soundtrack geprägt) - beim Schreiben der Geschichte dachte Guo Xiaolu vor allem an PJ Harveys Song Desperate Kingdom of Love.

Zusätzlich hat sie heuer auch einen Dokumentarfilm herausgebracht, mit dem sie ebenfalls deutlich macht, dass sie wieder bereit ist, sich in eigener Person mit ihrem Herkunftsland zu konfrontieren: Once Upon a Time Proletarian: 12 Tales Country sucht nach den Wurzeln der Arbeiterkultur, die einmal im Zentrum der kommunistischen Ideologie gestanden hatte und heute vielfach zu einem Anachronismus geworden ist. Auch in der Volksrepublik China steht die Arbeit unter dem Druck des Kapitals, eine Gesellschaft zwischen Versorgung und Kontrolle unterliegt nun den Gesetzen freier Konkurrenz, ohne dass die Mehrzahl der Individuen deswegen Freiheiten zu genießen hätte. Von ganz unten nähert sich Guo Xiaolu also ihrer Heimat wieder an. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 16.10.2009)

  • Die chinesische Filmemacherin und Autorin Guo Xiaolu (li.) hat sich inzwischen in London niedergelassen - in ihren Filmen spiegelt sich die Erfahrung des Weggehens und Fremdseins wider, so auch im Post-kartenfilm "Adress Unknown".
    foto: viennale

    Die chinesische Filmemacherin und Autorin Guo Xiaolu (li.) hat sich inzwischen in London niedergelassen - in ihren Filmen spiegelt sich die Erfahrung des Weggehens und Fremdseins wider, so auch im Post-kartenfilm "Adress Unknown".

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    foto: viennale
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