"Woody Allen fehlt das gewisse Extra"

15. Oktober 2009, 17:00
6 Postings

Der US-Kritiker-Doyen, der mit "The Unquiet American" die Viennale-Retro zur US-Komödie kuratiert hat, im Interview

Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher erzählte er, was stille Amerikaner laut werden lässt.

Standard: Die Retrospektive soll Stellenwert und Wandel des Komischen im US-Kino vermitteln - können Sie das ein wenig ausführen?

Rosenbaum: Ich musste eine Formel finden, die es mir ermöglichte, das Thema überhaupt anzugehen. Also dachte ich, na ja, Amerikaner waren immer still, wenn sie etwas falsch gemacht hatten; heute stimmt das vielleicht gar nicht mehr so. Vielleicht könnte man das zeigen. Andererseits war mir aufgefallen, dass Amerikaner womöglich ein spezielles Talent zur Selbstkritik haben - freiwillig oder unfreiwillig, sie geben jedenfalls einiges preis. Das waren Formen, mir zu vergegenwärtigen, warum ich diese Filme mag und weshalb ich meine, dass sie gegenwärtig noch relevant sein könnten.

Standard: Zeigt sich die Relevanz auch im Vermögen, Realität widerzuspiegeln?

Rosenbaum: Teilweise, ja. Aber eine uramerikanische Figur wie Jerry Lewis etwa ist, was sein Konzept von Kino betrifft, völlig solipsistisch. Seine Filme erzählen davon wie es ist, ganz allein auf der Welt zu sein. Und die USA können mitunter eine sehr solipsistische Nation sein - diesen Umstand erhellen die Filme auch. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, weshalb ich Jerry Lewis komisch finde, aber solche Überlegungen haben meine Auswahl zweifellos begleitet.

Standard: Haben Sie auch Filme neu gesehen - oder entdeckt?

Rosenbaum: Großteils zeige ich Filme, die ich sehr gut kenne. Da habe ich mich eher gefragt, wieso ich sie mag. Aber ich habe auch Entdeckungen gemacht, wie die beiden Österreichpremieren Idiocracy und Down With Love. Vor allem Letzterer liegt mir sehr am Herzen. In vielen Beschreibungen wird er als Parodie auf Filme mit Doris Day und Rock Hudson geführt, die ich nicht interessant finde. Aber mich bewegt Down With Love sehr, weil er die Vorstellung reflektiert, wonach die Leute in den 50er- und 60er-Jahren viel unschuldiger gewesen wären. Was meiner Meinung nach - und ich habe diese Zeit erlebt - nicht stimmt. Aber die Tatsache, dass der Film das ausdrückt, finde ich sehr berührend.

Standard: Down With Love haben Sie mit Kiss Me Stupid in ein Kapitel ihrer Auswahl gesetzt - sehen Sie da Bezüge oder Ähnlichkeiten?

Rosenbaum: Zunächst einmal sind beide Satiren, es geht um Sexualität, Doppelmoral. Aber an Kiss Me Stupid beeindruckt mich am meisten, wie genau Billy Wilder den Horror des US-Kleinstadtlebens erfasst hat, mit der Akkuratesse des Reporters. Umgekehrt fasziniert mich an Down With Love die Schönheit der Inakkuratesse.

Standard: Haben Sie versucht, gegen einen Kanon zu arbeiten - indem Sie Woody Allen auslassen, aber dafür Albert Brooks zeigen?

Rosenbaum: Aber sicher! Ich habe ja eine Art Kampagne gegen Woody Allen laufen. Ich finde ihn überschätzt. Er geht meines Erachtens kein Risiko ein. Seine Filme sind unterhaltsam, aber es fehlt ihnen dieses gewisse Extra, dass einen gern auf sie zurückkommen ließe. Er ist zweifellos ein sehr guter Autor, deshalb würde ich eher zu einem Buch von ihm greifen.

Standard: Wenn wir davon ausgehen, dass Komödien von sozialen Brennpunkten zeugen können - wieso taucht eigentlich das Thema Gesundheitspolitik gar nicht auf?

Rosenbaum: Es gibt Sicko von Michael Moore, den ich auch als Komödie bezeichnen würde. Moore ist ein Produkt der Tatsache, dass es in den USA keine wirklichen Nachrichten gibt. Also gehen die Leute in einen Michael-Moore-Film, um Informationen zu bekommen. Umgekehrt muss man auch einräumen, dass Themen oft erst ein Komödienstoff werden, wenn es schon zu spät ist. Nachdem die Krankenversicherung abgeschmettert ist, wird es sicher Tonnen von Komödien geben. (lacht)

Standard: Aber Komödien scheinen doch flexibler und schneller als andere Genres zu sein, wenn es ums Aufgreifen von Aktualitäten geht?

Rosenbaum: Ich glaube, man findet das auf anderer Ebene wieder. Die Medien sind häufig Gegenstand von Komödien. Wenn ich vorhin sagte, es gibt keine Nachrichten, dann meine ich: Entweder man wird dort in seiner vorgefassten Meinung bestätigt oder in seiner Ignoranz. Ganz sicher wird man nicht zum Denken animiert.

Standard: Es ist immer interessant, welche Themen nicht vorkommen.

Rosenbaum: Eines der am wenigsten diskutierten Phänomene in der US-Kultur ist Zensur - oder nennen wir es den Umstand, dass gewisse Dinge nicht öffentlich benannt werden. Ich spreche nicht von einem repressiven Regime, aber es gibt Dinge, die keine relevante Öffentlichkeit bekommen, und das ist es vielleicht, was quiet Americans heute zu unquiet Americans macht. Weniger Zensur als die Überlegung, was sich verkaufen lässt - das ist tödlich.

Standard: Markiert das auch die Grenzen des Transgressiven?

Rosenbaum: Natürlich. Es liegt wohl auch an meinem Alter, aber für mich sind die 50er-Jahre immer noch das goldene Zeitalter des US-Kinos. Diese angeblich so repressive Zeit - aber sogar viele große Hollywood-Produktionen handeln kritischer von gesellschaftlichen Problemen als Filme heute. Heute braucht man Verkaufsargumente, damals ging man einfach ins Kino, egal, was dort lief - und das erzeugte auch eine gewisse Freiheit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2009)

 

  • US-Filmpublizist und Kritiker Jonathan Rosenbaum, Kurator der Retrospektive, die noch bis 5. 11. im Filmmuseum läuft. 
Zur Person:Jonathan Rosenbaum (66) ist einer der arriviertesten US-Filmkritiker. Bis 2008 leitete er das Filmressort des "Chicago Reader" . Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter "Midnight Movis" , "Movies as Politics"  und "Essential Cinema".jonathanrosenbaum.com
    foto: viennale /a. pelekanos

    US-Filmpublizist und Kritiker Jonathan Rosenbaum, Kurator der Retrospektive, die noch bis 5. 11. im Filmmuseum läuft.

    Zur Person:
    Jonathan Rosenbaum (66) ist einer der arriviertesten US-Filmkritiker. Bis 2008 leitete er das Filmressort des "Chicago Reader" . Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter "Midnight Movis" , "Movies as Politics"  und "Essential Cinema".

    jonathanrosenbaum.com

Share if you care.