Geschichtsforschung mit dem Seifenopernmodul

15. Oktober 2009, 18:44
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Der junge philippinische Regisseur Raya Martin ist gleich mit zwei neuen Arbeiten vertreten, die auf konzeptuelle Weise das Kino untersuchen: "Next Attraction" und "Independencia".

Eine philippinische Seifenoper kann sich endlos hinziehen, sie kann aber auch in wenigen Minuten erzählt sein. Sehr häufig steht im Mittelpunkt ein Konflikt der Generationen, ein Streit zwischen Mutter und Sohn zum Beispiel, wie er in Next Attraction von Raya Martin zu hören ist. Verzweifelt redet die Mutter auf den schweigenden Jungen ein, sie macht ihm Vorwürfe und durchwühlt seine Sachen und schafft es doch nicht, ihm eine Reaktion zu entlocken.

Das Besondere an der Szene ist, dass die Schauspieler dabei nicht zu sehen sind - nur die Stimme ist aus dem Off zu vernehmen, während im Bild das gesamte Filmteam zu sehen ist, ein Regisseur, ein Setfotograf, Assistenten. Mit Next Attraction setzt Raya Martin einen weiteren Schritt in der Untersuchung der grundlegenden Bedingungen des Kinos, die in seiner Generation zu einem der Charakteristika des philippinischen Filmschaffens geworden ist. Seit Lav Diaz sich in seinem vielstündigen Evolution einer philippinischen Familie auch mit den populären Radiodramen beschäftigt und einen Blick hinter die Kulisse von deren Produktion geworfen hat, haben eine ganze Reihe von jüngeren Regisseuren begonnen, so etwas wie praktische Film- und Mediengeschichte zu betreiben.

Sie denken über die Lage des Kinos in ihrem (vielfach kolonisierten) Land nach, und sie tun dies nicht in Form von Texten oder Debatten, sondern in Form von Filmen. Next Attraction gehört zu der sogenannten Box-Office-Trilogie, die Raya Martin vor einem Jahr mit Now Showing eröffnete, einem dreistündigen Porträt des Mädchens Rita, Enkeltochter einer berühmten Schauspielerin des Landes. Manche Kritiker schrieben damals von einer Home-Movie-Ästhetik, genau genommen ging es in Now Showing aber um unterschiedliche Zeiten im Leben eines heranwachsenden Mädchens, denen technische Formate zugeordnet waren (DV, 16mm) und die als verbindendes Glied einen Ausschnitt aus einem Melodram aus dem Jahr 1939 hatten.

Verrätselte Einstellung

Next Attraction ist nun auch wieder zweigeteilt. Nach einigen Einstellungen wird klar, dass wir hier den Dreharbeiten zu einem Film zusehen; gegen Ende gibt es dann diesen Film auch tatsächlich zu sehen. Er wirkt wie die Lösung eines Rätsels, das sich zuvor schon allmählich geklärt hatte, weil ja der Ton aus dem Off zu hören war und damit die Figuren mit ihren wesentlichen Anliegen vernehmbar werden. Die Mutter (Jaclyn Jose) taucht sogar schon in der ersten Einstellung auf, die auf Entzifferung ausgelegt ist - ein "establishing shot", der das Konzept des Films enthält (und durch einen in den Ausschnitt platzierten Setscheinwerfer offenlegt), der aber noch der "Realisierung" bedarf.

Der kurze Film, der schließlich die Next Attraction darstellt, ist dann eben ein Melodram in nuce oder ein Seifenopernmodul: Ein junger Mann (Coco Martin) verlässt nach dem Streit mit der Mutter das Haus, lässt sich mit einem anderen Mann ein und kommt wieder heim. Das populäre philippinische Kino, auf zehn Minuten verdichtet - bei Lino Brocka, dem die Viennale heuer einen Tribute widmet, kann man nach vergleichbaren Szenen Ausschau halten.

Ähnlich konzeptuell wie Next Attraction ist auch der zweite Film von Raya Martin im diesjährigen Programm: Independencia schließt an sein Debüt A Short Film About Indio Nacional or The Prolonged Sorrow of the Filipinos an, in dem es schon um einen Pastiche des frühen Kinos ging. Martin imaginiert für seine Nation, die vor einem Jahrhundert in der Zeit der Etablierung des Kinos einen entscheidenden Umbruch seines kolonialen Anhängigkeitssystems erfuhr, eine filmische Urgeschichte. Er schreibt dem philippinischen Kino also verspätet eine Geschichte zu, die ihm aus historischen Gründen fehlt.

In Independencia zieht sich eine Mutter mit ihrem Sohn in den Tagen der amerikanischen Invasion 1898 in den Dschungel zurück, um dort so etwas wie ein Rückzugsgebiet der nationalen Unabhängigkeit zu bilden - sie nehmen ein verfallendes Haus in Besitz und versuchen, von den Dingen der Natur zu leben. Aus dem Dickicht sind zwischendurch Schüsse zu vernehmen, zwischendurch setzt Raya Martin auch hier einen (imaginierten) Ausschnitt aus einem historischen Wochenschaufilm, in dem die US-Besatzung mit Autorität versehen wird.

Independencia wurde vollständig in einem Studio gedreht, die Natur ist eine Konstruktion (so auch ein effektvoller Taifun). Raya Martin setzt an die Stelle, an der in der Theorie ein rousseauistisch gedachter Ausgangspunkt für eine nationale Geschichte stehen könnte (ein Kernfamilie, die unmittelbar von den Ressourcen das Landes lebt), einen höchst vertrackten filmischen Text, in dem sich die philippinische Identität als mythologisches Gespinst erweist, durchwoben von Aberglauben und Albträumen, und im Kern schließlich auch wieder als Seifenoper: Mutter, Sohn und Schwiegertochter in einem Delirium ohne Ausweg. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe, 16.10.2009)

Next Attraction, 29.10., Urania, 18.30 Uhr

Independencia, 25.10., Metro, 16.00 Uhr, Wh.: 26.10., Stadtkino, 23.00 Uhr

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    foto: viennale
  • Rückzug in den Studio-Dschungel - und die stille Revolte eines Sohnes: Mit "Independencia" (oben) und "Next Attraction" liefert der Filipino Raya Martin zwei genuin vertrackte Arbeiten ab.
    foto: viennale

    Rückzug in den Studio-Dschungel - und die stille Revolte eines Sohnes: Mit "Independencia" (oben) und "Next Attraction" liefert der Filipino Raya Martin zwei genuin vertrackte Arbeiten ab.

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