Israels Regierung protestiert gegen türkische TV-Serie

15. Oktober 2009, 19:13
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Soldaten laut Lieberman als Kindsmörder dargestellt - Botschafter vorgeladen - Kalkuliertes Signal der Türkei an die EU vermutet

In den letzten Monaten hatten die Israelis versucht, die regelmäßigen Nadelstiche aus der Türkei zu ignorieren. Ausgerechnet eine Fernsehserie hat jetzt anscheinend die Schmerzgrenze überschritten. Israelische Medien-Kommentatoren suchten am Donnerstag fassungslos nach einer Erklärung für "diesen neuen Grad der Gehässigkeit" , der "Aufwiegelung" und des "Antisemitismus" in einem Land, das bis vor kurzem als verlässlicher Partner Israels galt.

Die türkische Geschäftsträgerin wurde ins Außenministerium in Jerusalem zitiert. Schon zuvor hatte der in Wien weilende israelische Außenminister Avigdor Lieberman beklagt, dass die Serie "im türkischen Staatsfernsehen gegen Israel hetzt".

Nach den vielen unfreundlichen Signalen aus Ankara glaubt jetzt kaum jemand in Israel, dass es sich um einen Ausrutscher handelt. Man befürchtet vielmehr eine kalkulierte Kehrtwende des islamisch-konservativen Premiers Recip Tayyip Erdogan als Reaktion auf die abweisende Haltung Europas gegenüber der Türkei. Erdogan "wendet sich an sein religiöses Publikum und will durch die Verleumdung Israels Popularität gewinnen" , hieß es im israelischen Fernsehen. Schon während des Gaza-Kriegs im Jänner etwa hatte Erdogan Israel derart beißend kritisiert, dass dadurch die israelischen Touristen abgeschreckt wurden. Dabei war die Türkei, weil nahe und billig, für die Israelis eines der beliebtesten Reiseziele.

Aber die Beziehungen der beiden nahöstlichen Demokratien, die sich ähnlichen Bedrohungen durch Syrien, den Irak und den Iran ausgesetzt sahen, gingen weit darüber hinaus und basierten auf handfesten Interessen.

Militärische Kooperation

Man teilte Geheimdienstinformationen, und in den 1990er-Jahren entwickelte sich eine rege militärische Zusammenarbeit, bei der Modernisierung der türkischen Armee ebenso wie bei Mittelmeer-Manövern US-amerikanischer, israelischer und türkischer Schiffe.

Auf den türkischen Schwenk reagieren die Israelis nun mit der Drohung, die Türken würden so bloß ihrem Verhältnis zur EU und zu den USA schaden, und mit Beschwichtigungsversuchen. Die Entwicklung "ist nicht gut für die Türken und nicht gut für uns", sagte der frühere Verteidigungsminister Schaul Mofas. "Wir müssen stärkste Anstrengungen machen, die Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen." (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2009)

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