Fernsehen auf Facebook

15. Oktober 2009, 17:07
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Ich mag kein Fußball und kein Online-Fernsehprogramm - Und manchmal mag ich Facebook nicht

Gestern um 21:20 Uhr legt Jaqueline auf Facebook los: Erst ein Schimpfwort, dann eine Division. Als Antwort hagelt es von Gerd die Länder Italien, Zypern, Litauen und Serbien mit den dazu passenden Bruchrechnungen.

Während der Schulzeit haben wir den eigenen Namen und den Namen der Angebeteten in Zahlen verwandelt, und dann an jedem Zahlen-Namen so lange herumgerechnet, bis irgendwas herauskam, etwa:
Guido Gluschitsch : Klumpatwiesn Resi = 1 : 3. Und dann haben wir geschimpft, dass jeder Kutscher blass wird. Nur die Jaqueline, die gerade beständig auf Facebook die potentielle Liebesneigung zweier Länder ausrechnet, hätte die Hautfarbe nicht geändert.

Um 21:30 Uhr kenne ich mich aus. "Scheiß Schiri! Das war kein foul! 2:0 für Frankreich!" Oh verdammt, denk ich mir. Seit fast vierzig Jahren schütze ich meinen zierlichen Körper und meine weinerlichen Augen vor Fußball, und jetzt fliegen mir auf Facebook Spielstände um die Ohren, die ich gar nicht kennen will. Noch dazu, von einer heute gerade einmal 19-jährigen Frau kommentiert, als hätte sie auf einer Autobahntoilette zu sprechen gelernt.

Meldungen aus dem Stadion

Gerd meldet heroisch, was er mit dem Henry machen wird, wenn der sich noch einmal fallen lässt. Dann die euphorische Meldung: "2:1!!! Yeah" - aber es geht gleich zünftig weiter: Erst fordert Jaqueline einen Sitzmuskel dazu auf, sehr leise zu gehen, dann befiehlt sie mit der Division aus 3:1 Geschlechtsverkehr zu treiben. Stutzig macht mich nur, dass ihre Meldungen auch noch kommentiert werden: von Gerd, Dominique (sic!) und Nancy. Sitzen die im gleichen Stadion? Hockert der Gerd gach zwischen Jaqueline und Dominique, und die drei kommunizieren einfach über Facebook, weil es im Stadion so laut ist?

Mich reißts. Ich fang mir den STANDARD her und schlage die Seite 26 auf: das Fernsehprogramm. Und siehe da, meine Vermutung scheint zu stimmen: Jaqueline und ihre Bande facebooken doch tatsächlich über das, was sie - wie tausende andere auch gerade - im Fernsehen sehen.

Wenn jetzt Facebook neben meinem E-Mailer, Instant-Messager und der Suchmaschine auch noch mein Fernsehprogramm sein will, dann ist diese Liebschaft früher aus, als ich zu denken wagte. Weil für ein Online-Fernsehprogramm hab ich mich schon damals nicht interessiert, als ich noch einen Fernseher hatte. (Guido Gluschitsch)

  • Echtzeit-Berichte über das, was grad im Fernsehen zu sehen ist, sind in etwa so entbehrlich wie Schiribeschimpfungen den Spielverlauf ändern.

    Echtzeit-Berichte über das, was grad im Fernsehen zu sehen ist, sind in etwa so entbehrlich wie Schiribeschimpfungen den Spielverlauf ändern.

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