Wer soll das bezahlen?

15. Oktober 2009, 09:46
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Seit sich das Internet zum "Medium" entwickelte, findet in Wellen die Debatte um die Finanzierung des "Content" statt

Seit sich das Internet zum "Medium" entwickelte, findet in Wellen die Debatte um die Finanzierung des "Content" statt. Derzeit ist dafür wieder Saison, weil "Mainstream Media" schmerzhaft vom Anzeigenrückgang infolge der Wirtschaftskrise betroffen ist.

News-Tycoon Rupert Murdoch, sonst nicht gerade liebster Kollege von Verlagen und Verlegern, ist ein verlässlicher Indikator: 2005 warnte er die Branche, dass sie den Anschluss verpasse und kaufte MySpace, kurz darauf das Wall Street Journal und überlegte öffentlich, dass das Journal gratis wird - bis dahin die fast einzige Online-Zeitung, die erfolgreich Abos verkaufte.

"Zeit des 'Gratis-Internet' vorbei"

Inzwischen ist MySpace dabei, die Konkurrenz mit Facebook zu verlieren, während das Gebührenmodell des Journal silbern glänzt. Also machte Murdoch eine weitere Kehrtwendung und erklärte etwas larmoyant, dass die Zeiten des "Gratis-Internet" vorbei seien und künftig gefälligst zu zahlen sei; ein Sentiment, das von vielen in der Branche geteilt wird.

Es hilft wenig, über die sogenannte Gratis-Kultur des Netzes zu klagen. Sie hat mehrere Ursachen, deren nicht unbedeutendste nicht etwa Raubkopien, wie in der Musikindustrie, sondern Gratisangebote von Medien waren.

Auch der Begriff vom "Gratis-Internet" muss relativiert werden. Erstens sind gebührenfreie Medien keine Interneterfindung, wovon das überwältigende Angebot an "Free TV" zeugt; mehr Zeitungen werden übrigens gelesen als verkauft. Zweitens ist Werbung auch bei bezahlten Blättern der größere Teil des Einkommens.

Google soll zahlen

Drittens übernehmen die "Empfänger" einen nicht unbeträchtlichen Teil der Kosten, den bisher Medien berappen mussten: Druck und Vertrieb entfallen, die Online-Produktionskosten sind dramatisch geringer als bei Print. Dafür investieren Leserinnen und Leser in PCs, iPhones und dergleichen sowie in beachtliche monatliche Gebühren, um an die Inhalte zu kommen - dass die journalistischen Lieferanten davon nichts haben, steht auf einem anderen Blatt. Auch das wurde schon diskutiert: dass Provider einen Teil ihrer Gebühr abführen sollen. Die Debatte, dass jetzt Google für die Vermittlung an Medien zahlen sollte, ist eine erfolgversprechendere Variante davon.

Was bleibt, ist der klassische Fall einer "disruptiven Technologie", die frühere verdrängt. Eine geniale Gesamtlösung wird es nicht geben, vermutlich wird auch künftig das Abo-Modell auf breiter Basis nicht funktionieren, weil zu viel "gratis" überbleibt und User als kostenlose Verteiler und Verstärker selbst bezahlter Inhalte funktionieren (was keine Raubkopie, sondern Weitererzählen ist - siehe Wikipedia). Aber wer an Gebühren glaubt, braucht sie nur einzuführen, statt wie Murdoch darüber zu jammern.

Neue Formen werden sich entwickeln, denn Online-Journalismus ist nur anfangs die Digitalisierung von Print, wird aber, zusammen mit der sozialen Ader des Netzes, auch zu neuen Gestalten finden. Wie das zu finanzieren ist wird noch lange Rätseljagd und Stückwerk bleiben. Aber jeder Versuch lohnt sich - selbst alte Abos in digitalen Schläuchen. (helmut.spudich@derStandard.at / DER STANDARD Printausgabe, 15. Oktober 2009) 

 

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