Falsche Prioritäten

15. Oktober 2009, 09:31
96 Postings

Wie lange dauert es eigentlich, 300 alte Straßenbahnen mit Rückspiegeln auszustatten?

Jetzt ist schon wieder etwas passiert: Eine 58-jährige Wienerin stolperte beim Aussteigen aus der Straßenbahn, blieb hängen, der Fahrer sah sie nicht und schleifte sie mit. Die Frau starb an schweren Verletzungen. Ob Mütter mit Kinderwagen, gehbehinderte Ältere, Schulkinder mit Rucksack - immer wieder wird jemand mitgeschleift und mehr oder weniger schwer verletzt. Nach jedem Unfall wird beteuert: Jetzt werden Rückspiegel montiert, alles wird gut.

Ist die erste Aufregung einmal verflogen, wird gar nichts gut, der nächste Unfall mit Personenschaden kommt bestimmt. Wie lange dauert es eigentlich, 300 alte Straßenbahnen mit Rückspiegeln auszustatten? Im April beteuerten die Wiener Linien, dies werde nun "Zug um Zug" geschehen - und nun, im Oktober, muss man via Wien heute erfahren, dass man dafür bis Ende 2010 brauchen wird.

Gleichzeitig wird ein 70-köpfiger "Linienservice" und ein 50-köpfiger "Reinigungsservice" eingesetzt - Erstere dürfen strafen, wenn Fahrgäste auf den Boden spucken, Letztere nicht. Das kostet Geld und bindet Personal - und vertieft den Eindruck, hier erfülle ein ausgegliederter Stadtbetrieb den politischen Wunsch der Bürgermeister-Partei SPÖ, weil die vor den Wahlen beschlossen hat, Wien müsse sicherer werden. Sicherheitsbedürfnis gut und schön - aber leider falscher Ansatz. Wozu ein "Linienservice", wo auch die Polizei kürzlich eine eigene U-Bahn-Truppe eingesetzt hat? Beim Öffi-Fahren in Wien ist immer noch das Ein- und Aussteigen am gefährlichsten. (Petra Stuiber; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

 

 

Share if you care.