Erdbeerlutscher für immer!

15. Oktober 2009, 17:02
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Gordon Gano von den Violent Femmes hat ein neues Album eingespielt. Keiner quengelt eindringlicher als er

Gordon Gano sieht immer noch aus wie ein Zehnjähriger, der vorm Foto noch schnell den Erdbeerlutscher fertigschlecken musste. Dabei ist er in seinem neugegründeten Trio noch der Stilist der Band. Denn die beiden kauzigen Brüder Brendan und Billy Ryan, die bisher hauptsächlich als Filmmusik-Produzenten auffällig geworden sind, sehen in ihren karierten Hemden aus wie Al Bundy auf Landausflug. Wenn man dazu Ganos nach wie vor herrliche Quengelstimme der Marke Samenstau vernimmt, mit der sich der 47-Jährige langsam anschickt, Rufus Thomas als "oldest teenager of the world" nachzufolgen, ist die Nerd-Band perfekt. Immerhin hat Gano als Chronist obsessiv-adoleszenter Konfusion mit der Band Violent Femmes längst Musikgeschichte geschrieben.

Nachdem die Violent Femmes mittlerweile nur noch via Anwalt kommunizieren - lediglich für ein herrliches Revanche-Foul an Gnarls Barkleys Crazy hat man kurz Waffenstillstand geschlossen - heuerte Gano bei den Ryans an und veröffentliche als Gordon Gano & The Ryans eben das Album Under The Sun. Mit ihnen spielt er einen forcierten, immer noch von leichtem Wahnsinn angetriebenen Rock, der wie ein rücksichtsloses Einzelkind querbeet durch Folk, Gospel, Funk, Folk stürmt und einen auf Punk macht - und ganz am Ende des Albums noch den Prediger gibt.

Das Schöne daran: Gano klingt dabei so frisch und spritzig wie schon lange nicht. Der Lorbeer dafür gebührt definitiv den Ryans, die sich von der stellenweise breiten Instrumentierung nicht einschüchtern oder abbremsen lassen, sondern, wenn's eng wird, einfach noch zappeliger werden: Etwa in der Funk-Rock-Nummer Wave And Water, in der ein Chor auftaucht, der an Ganos Gospelprojekt The Mercy Seat aus den 1980ern erinnert. Daneben bietet das Trio herrliche, zwischen betrunkener Ernsthaftigkeit und Ironie angesiedelte Balladen, die, mit Quetsche vorgetragen, in jeder Hafenbar der Welt für feuchte Augen sorgen würden. Auch der Titelsong wächst sich zu einer leidenschaftlich und inbrünstig vorgetragenen Weltnummer aus, die auf keinem frühen Violent-Femmes-Album negativ aufgefallen wäre. Ein würdiges Alterswerk ist also nicht in Sicht.

Aber - hey! - im Fall von Gordon Gano sind das natürlich tolle Neuigkeiten! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2009)

 

Gordon Gano & The Ryans: Under The Sun (Yep Roc/Trost)

 

  • Nerds're us! Gordon Gano in der Mitte sowie Billy und Brendan Ryan.
    foto: trost

    Nerds're us!
    Gordon Gano in der Mitte sowie Billy und Brendan Ryan.

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