Eine sprang über den Parteigraben

14. Oktober 2009, 19:04
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Republikanerin Olympia Snowe hörten den "Ruf der Geschichte" und stimmte mit den Demokraten für Obamas Gesundheitsreform

Vier Monate hat sie mit sich gerungen, jetzt will sie es hinter sich haben. "Ist dieses Gesetz alles, was ich will?", fragt Olympia Snowe und spricht so schnell, dass sie Silben verschluckt. "Ganz im Gegenteil. Ist dieses Gesetz alles, was möglich ist? Ganz im Gegenteil." Dann der entscheidende Satz: "Aber wenn die Geschichte ruft, dann ruft die Geschichte."

Dies war am Dienstagabend im Hart Building, einem sterilen Steinklotz hinterm Kapitol, in dem parlamentarische Ausschüsse ums Kleingedruckte feilschen. Es ging um die Gesundheitsreform, und man spürte den inneren Ruck, den sich Snowe geben musste. Sie ist die bisher einzige Republikanerin, die dem Schlüsselprojekt der Demokratischen Partei ihren Segen erteilt. Eine Überläuferin, die zu Barack Obamas wichtigster Verbündeten avanciert.

Die 62-jährige US-Senatorin mit dem langen pechschwarzen Haar ist eine Hinterbänklerin. Wortstärkere Kollegen wie John McCain oder John Kerry, Harry Reid oder Joe Lieberman stellen sie klar in den Schatten. Der studierten Politikwissenschafterin fehlt die Gabe zur großen Rede, sie brütet lieber über kniffligen Kompromissen. Doch der US-Senat führt ein markantes Eigenleben. Hier kann eine einzige Politikerin zum Zünglein an der Waage werden.

Obamas Demokraten kommen auf 60 der 100 Sitze, was exakt reicht, um die Reform durchzuboxen. Ob er auf alle zählen kann, weiß der Präsident allerdings nicht. Also bezirzt er moderate Konservative, auch um ein Signal zu setzen. Von der von ihm versprochenen "bipartisanship" ist seit der Wahl nichts übriggeblieben, vielmehr betreiben die Konservativen Fundamentalopposition. Umso mehr weiß Obama zu schätzen, dass Snowe nun ausbricht.

Das Weiße Haus hat sie heftig umbuhlt. Im Sommer saß sie im Prunk des Oval Office, selbst im Urlaub erkundigte sich der Präsident nach ihrem Befinden. Die Tochter griechischer Einwanderer stammt aus Maine, aus dem liberalen Nordosten. Mit dogmatischen Hardlinern der Südstaaten, die heute bei den Republikanern den Ton angeben, hat sie wenig gemein. "Das Zentrum verschwindet, das ist bedauerlich", umriss sie ihr Credo 2004. Mit Hillary Clinton setzte sie sich für besseren Mutterschutz ein, mit John Kerry für die Förderung berufstätiger Frauen.

Als sie acht war, starb ihre Mutter an Brustkrebs, ein Jahr darauf erlag ihr Vater einer Herzkrankheit. Ihr halbes Leben hat Snowe in der Politik verbracht. Seit 1978 sitzt sie im Kongress, in zweiter Ehe ist sie mit einem Ex-Gouverneur von Maine verheiratet. (Frank Herrmann/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2009)

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    Olympia Snowe ist Obamas Verbündete bei den Republikanern.

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