Mehr Inszenierung als Inhalt

14. Oktober 2009 18:55

Josef Pröll reißt die richtigen Themen an, bleibt bei der Umsetzung aber vage

Eines muss man Josef Pröll und seinen Getreuen lassen - es war alles perfekt vorbereitet: Am Tag zuvor wurde noch Onkel Erwin als "unabkömmlich" in Niederösterreich festgelobt, die SPÖ-Granden hatten zeitgleich Präsidiumssitzung und leckten dort nach den Wahlniederlagen ihre Wunden, und die gläserne Architektur im Finanzministerium wirkte als eigene Botschaft. Einer, der auch die Botschafter der G-20-Staaten zu seiner "Rede als Finanzminister" einlädt, macht deutlich, dass er nicht als Kassenwart auftritt, sondern als Kanzler im Wartestand.

Die Ankündigungen hatten Erwartungen geweckt, die Pröll nur teilweise erfüllte. Es war eine verkappte Rede an die Nation. Kein plakatives sprachliches Bild durfte fehlen: vom "Verhandeln, bis weißer Rauch aufsteigt" bis zum Kalauer "Schulden fressen Zukunft auf". Pröll etablierte sich als oberster Prediger der Volkspartei, indem er "keine Verteilungsgerechtigkeit ohne Leistungsgerechtigkeit" als neue Leitlinie propagierte.

Just der langjährige Bauernfunktionär rief dazu auf, "heilige Kühe zu schlachten". Aber viele heilige Kühe stehen im Stall der ÖVP. Pröll hätte die VP-Landeshauptleute schon auf eine Föderalismusreform und den VP-Gewerkschafter Fritz Neugebauer auf notwendige Änderungen im Schulbereich einstimmen können. Vieles von dem, was Pröll kritisierte, hätte er als Finanzminister und VP-Chef auch schon ändern können. Wenn er "mehr Biss" der Finanzaufsichtsbehörden verspricht und "Manager, die eifrig zugegriffen haben" geißelt, dann drängt sich schon die Frage auf, warum unter seiner Führung den Banken Milliardenhilfen zur Verfügung gestellt wurden - ohne Auflagen und strenge Kontrollen, wie dies die deutsche Regierung getan hat.

Pröll erhofft sich durch seine mediale Inszenierung Rückenwind für Reformprozesse in der eigenen Partei und der Regierung. Er setzt auf Unterstützung der Medien und der Bevölkerung, damit Hardliner à la Neugebauer oder Onkel Erwin ins Abseits oder zum Aufgeben gedrängt werden.

Der Vizekanzler hat in seiner Rede viele Problembereiche angesprochen, blieb aber vage bei den Lösungsvorschlägen: Der Befund, dass die Hacklerregelung bei den Pensionen zu einer Kostenexplosion führt, ist richtig. Wenn Pröll nun "unverzügliche Gespräche" darüber fordert, bleibt er die Antwort darauf schuldig, was er konkret will: eine Auslaufregelung ab sofort oder ein Fixieren des Enddatums 2013.

Ein anderes Beispiel: Eine Änderung des Türkei-Kurses in der ÖVP deutet Pröll nur an, indem er für mehr Aufmerksamkeit für die Schwarzmeerregion, "da insbesondere die Türkei", wirbt. Er spricht sich auch nicht dezidiert für die Ganztagsschule aus, sondern: "Dort, wo es gewünscht ist, Ja zur Forcierung eines ganztägigen schulischen Angebots." Das kann auch mehr Nachmittagsbetreuung heißen, nicht zwangsläufig Ganztagsschule. Bei derart vagen Andeutungen kann Pröll immer noch behaupten, so habe er es nicht gemeint.

Es ist riskant, vor allem auf Inszenierung statt auf Inhalte zu setzen - gerade als Finanzminister, wie das Beispiel von Prölls Vorvorgänger Karl-Heinz Grasser zeigt, der das extrem betrieben hat. Viktor Klima war als Kanzler um mediengerechte Auftritte besorgt, hat aber erkennen müssen, dass von Wählern in der Politik letztlich Substanz gefragt ist.

Wenn Pröll seine "Agenda für ein neues Wachstum" nicht rasch mit konkreten Umsetzungen und eigenen Taten untermauert, wird er als Überschriftenlieferant in Erinnerung bleiben. Dass ausgerechnet der Finanzminister Details zur angekündigten Budgetkonsolidierung gänzlich schuldig blieb. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

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living reef
25.10.2009 14:31
anderswo bekommt man für viel inszenierung und wenig inhalt den friedensnobelpreis

EinWenigMehrZentral
15.10.2009 18:27
mich erinnert das ganze an einen der letzten finanzminister .... die selbstvermarktung ging soweit, dass firmenkonstrukte geschaffen werden mussten, bei dem der handelnde finanzminister

selbst involviert war.

ich finde diese veranstaltung höchst hinterfragenswert - vor allem wenn sie ausschliesslich dazu dient, den partner in der regierung vor den kopf zu stossen .....

mit haider hat diese selbstvermarktung wohl begonnen im lande, mit dem wohl hinterfragenswertesten aller zeiten wohl einen zenit erreicht - nun kommt mir das als abklatsch vor, den man sich leicht ersparen könnte.

vielleicht sollte man nicht die hackler und pensionisten als problem darstellen - ich finde die wohlhabenden und reichen fröhnen weiter der jagd, der haubenlokale und dem gegenseitigen einladen zum fröhnen des "genusses".

das neue antikorruptionsgesetzt ist ausdruck der ungleichheit in unserer gesellschaft.

Thomas Aquinus
15.10.2009 17:32
Josef Pröll macht das Falsche zur Unzeit.

In Zeiten wie diesen muss im Finanzministerium jemand sitzen, der sein Handwerk routiniert beherrscht und aus den sich bietenden Chancen das Maximum rausholt, während er Risiken intelligent begrenzt.

Kein hohle Reden schwingender Möchtegern-Kanzler, der angesichts von Werner Faymanns Formtief Morgenluft wittert.

Ich bin an und für sich konsequenter Nichtwähler. Aber wenn ein ÖVP-Chef so wenig arbeitet und so viel inszeniert wie Josef Pröll, muss ich wohl nächstes Mal aus Protest Faymann wählen; oder Hundstorfer. Ich hoffe, ich bin nicht der einzige, der so denkt.

Lectrice
15.10.2009 17:05

Was will er jetzt - unabkömmliche Landeshauptfiguren oder eine Verwaltungsreform. Bei 9 Landesregierungen gibt es da schon gewaltiges Potentila.

heri byrd
15.10.2009 16:10
Projekt X statt Projekt Österreich.

Projekt X statt Projekt Österreich.
Die Herrn Hauptprojektleiter plaudern auch viel Dampf, treiben mir die Tränen aber ob ihrer Komik, nicht ihrer Tragik in die Augen.

Bruno Flex
15.10.2009 15:41
Pröll ist konkreter als Obama

wird aber im STANDARD ungleich kritischer kommentiert als der unermüdliche Redenhalter im oval office: er redet und redet, schickt noch mehr Soldaten nach Afghanistan, erhält aber den Friedensnobelpreis usw.

Er halt halt mehr "Charisma". Heilsbedürftige Menschen brauchen das. Mündige Bürger kommen ohne Charismatiker aus.

Lectrice
15.10.2009 17:07

Mündige Bürger haben aber einen Qualitätsanspruch und den bedient Pröll ebenso nicht. Ausser allgemeinen, teils abgekupferten Aussagen, und Forderungen von Themen die in letzter Zeit von der ÖVP erfolgreich blockiert wurden war nicht viel substantielles in der Rede.

Bruno Flex
15.10.2009 19:28
Zu den Qualitätsansprüchen

mündiger Bürger gehört zB die Beendigung der unverantwortlichen Frühpensionierungspolitik der sozialistischen Transferleistungsbezieher-Partei zu Lasten der nächsten Generation; ein klares Nein zur latenten Ausländerfeindlichkeit der SPÖ; ein klares Nein zur europaschädlichen Anbiederung Faymanns an die Kronenzeitung - aber Sie stört das nicht, gell?

Protagoras v. Abdera
15.10.2009 14:10
Wenn man dem Pröll zuhört beschleicht mich unwillkürlich das Gefühl mit meinem Fleischhauer zu sprechen, der mir sein abgelegenes Beuschel andrehen will.

pater hirni
15.10.2009 14:08
die anderen haben zu sparen,

damit unser king of queens gut dasteht.

Angelika70
15.10.2009 13:56

"Dass ausgerechnet der Finanzminister Details zur angekündigten Budgetkonsolidierung gänzlich schuldig blieb."

Diesem Halbsatz gibts nichts hinzuzufügen. Der eitle Finanzminister sprach über alles, nur nicht über seinen Job und was er gedenkt, dazu beizutragen.

Seine Untergebenen krümmten sich derweil vor Lachen.

Markus1975
15.10.2009 14:11
stimme dem voll und ganz zu

So wie der letzte Satz ist eigentlich die heutige Politik zu sehen: Da gibts nix KONKRETES, das is eine eiziges Reagieren auf die äußeren Umstände. Aber von Agieren unserer Politiker kann man aus meiner Sicht schon lange nicht mehr sprechen. Bin mal gespannt, welche heilige Kuh er denn bereit ist zu schlachten, die Roten vielleicht ? Österreich: Du Land der Unverbindlichkeiten ....

Angelika70
15.10.2009 15:21

Vielleicht hätte wenigstens darüber sprechen können, dass das Budget 2010 bereits jetzt schon zusammengebrochen ist.
Nicht ausgaben- sondern einnahmenseitig nämlich.
Wurde bereits berichtet, bloß hat es niemanden interessiert.

Aber diese Kleinigkeit ficht den eitlen Geck nicht an.

Markus1975
15.10.2009 15:46
wieder richtig :-))

Sie haben recht, er hat mit keinem Silbchen erwähnt, welchen Einfluss der Steuerausfall, mit dem mal wieder niemand gerechnet hat (das konnte ja keiner wissen, wenn man eine Steuerreform macht) haben wird. Nun ja da hat er sicher ein Ass im Ärmel, Mehrwertsteuer .... und so können ja noch erhöht werden. Ich bin mal auf die diversen Reformen, die er angekündugt hat gespannt, normalerweise feiert man ja auch, dass es nur nicht mehr gekostet hat, also, dass das Minus im Vergleich zum Vorjahr prozentuell nicht mehr geworden ist, aber, dass sich das alles irgendwann kumuliert, das hat er noch nicht gerafft, wie übrigens auch kein anderer seiner Spezialisten. Wird ihm egal sein, das er mit Sicherheit auch in Zukunft keine Sorgen haben wird ....

wakeup
15.10.2009 13:12
Prölls Speisekarte

ist nicht die Speise.
Partnerschaftlich und verantwortungsvoll war seine öffentliche Selbstinszenierung nicht.

heiliger strohsack!
15.10.2009 11:44
Was geht einen Österreichischen Finanzminister die Schwarzmeerregion an?


Will er dort das Geld der österreichischen Steuerzahler versenken?

Oder meinte er nur Schwarzmehr?

Zutrauen möcht´ ich ihm beides.

Wilhelm Losert
15.10.2009 11:44
Kritik der Kleinkrämer

Andere bekommen für den krtisierten Stil den Friedensnobelpreis! Du Österreich aber mußt mosern und mosern und mosern........

wakeup
15.10.2009 13:19
Der Vergleich macht sicher

Ideen werden materiell und können die Welt verändern.
Obama unterscheidet sich von seinem Vorgänger und dem österreichischen Vizekanzler schon durch sein Weltbild und der daraus resultierenden Sprachinhalte.
Sie können doch Äpfel nicht mit einer Burenwurst vergleichen.

EpinEphriN
 
15.10.2009 12:10
Pröll mit Obama zu vergleichen ist töricht.

Obamas Schuhe sind dem Pröll Peppi definitiv zu groß.
Da passt er locker 259 Mal hinein.

Dieses Würschtl versucht nur auszuloten, ob sich vorzeitige Neuwahlen mal wieder lohnen könnten.
Weil es ja die letzten Male so gut funktioniert hat.

Von den anderen Pakttreue zu verlangen und selbst laufend querzuschießen zeugt nicht von Teamfähigkeit. Wobei - diese setzt man bei der ÖVP ohnehin schon länger nicht mehr voraus.

Dass die SPÖ die ÖVP einfach machen lässt, und nicht einmal antritt, die Elfmeter, die ihr tagtäglich aufgelegt werden, zu verwerten, ist ebenso erbärmlich, wie Prölls Versuche sich staatsmännisch zu geben.

Wem hilfts? Der einzigen Protestbewegung, die es in Österreich gibt. Den Blauen.

Na bravo.


metternich1848
15.10.2009 10:05
Ich würde mir konkrete Zahlen wünschen

Pröll hat mit gerundeten Milliardenbeträgen um sich geworfen. So bleibt das immer abstrakt. Dabei geht es doch wesentlich konkreter:
http://bit.ly/1SSAS1

AgatheBauer
15.10.2009 09:52
Steuerreform

... ist eh super. vielleicht sollte pröll auch hier ein paar ideen platzieren und sich gleich ein körberlgeld für's budget dazu verdienen: http://www.30sekunden.at/content/h... index.aspx

Schwarz Grün
15.10.2009 08:58
pröll - faymann

der vergleich macht sicher

Lectrice
15.10.2009 17:24

Gaaanz sicher, dass nämlich Österreich ohne politische Führung dasteht.

Gregor JOHN
15.10.2009 11:45
Ja, weder noch

Schnabeltierfresser
15.10.2009 08:07
Noch so ein Punkt:

"Neues Wachstum bedeutet für mich daher auch
Offenheit für gesellschaftliche Vielfalt" und "Talentierte Forscherinnen und Forscher aus Europa und der ganzen Welt sollen bei uns eine berufliche und gesellschaftliche Heimat finden" - das sagt ein Politker, der als Regierungsmitglied Zuwanderungsbestimmungen mitverantwortete, die sogar Unigastprofessoren von einer Tätigkeit in Österreich abschreckt (regelmäßige Meldepflicht).

Solche Zusammenhänge fallen wohl kaum wem auf, aber eigentlich ist es eine Verarschung der Zuhörer.

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