Gegen das Vergessen

14. Oktober 2009, 18:52
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Der Literatur-Nobelpreis für Herta Müller ist auch eine politische Entscheidung, mit der die Jury an die heute fast vergessenen Grausamkeiten des Stalinismus erinnert

Über die kontroversiellen Entscheidungen der Jury des Nobelpreises für Literatur ist auch in den letzten Tagen viel geschrieben worden. Gerade 20 Jahre nach dem Ende des Ostblocks ist die Ehrung für Herta Müller, die deutsche Schriftstellerin aus dem heute rumänischen Banat, mehr als ein verdienter Triumph für eine große Autorin. Der Preis ist zugleich eine politische Entscheidung, mit der die Jury auch an die geradezu unfassbaren Dimensionen der kommunistischen Unterdrückung, an die heute fast vergessenen Grausamkeiten des Stalinismus erinnert. In diesem Sinne ist der starke und zumindest in Europa überwiegend positive Widerhall auch ein weithin sichtbares Signal gegen die Schamlosigkeit und Habgier der in neuem Gewand auftretenden alten Nomenklatura, jener kommunistischen Führungsschicht, die freilich nicht nur in Rumänien das Heft in der Hand behalten hat.

Bei einer denkwürdigen Sendung des ORF-Europastudios im Sommer (6. Juni) kommentierte Herta Müller präzise, knapp und bitter das zweite Leben dieser Nomenklatura und die Nostalgie jener Leute nach der Diktatur, die sich mit dem Ceausescu-Regime arrangiert hatten. Sie sprach auch über die allgegenwärtige Korruption, die weitgehende Übernahme des alten Personals durch den "neuen" Geheimdienst und wie sich die politischen und ökonomischen Gewinner der Wende gegenseitig bedienen.

Darin liegt freilich die doppelte Bedeutung ihres literarischen und essaystischen Werkes: dass Herta Müller gegen das Vergessen sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart auftritt. Wohl deshalb kam nur dürftiges Lob von Marcel Reich-Ranicki (ehemals Hauptmann und Londoner Resident des polnischen Geheimdienstes) und Günter Grass, der im krassen Gegensatz zur Redlichkeit und Wahrhaftigkeit Müllers über die SS-Verstrickung ihres Vaters seine eigene Waffen-SS-Vergangenheit erst vor drei Jahren offenbart hatte.

Die Stockholmer-Entscheidung ist auch eine symbolische Ohrfeige für jene Dialog-"Experten", die den Westen stets zur Mäßigung der Kritik an Menschenrechtsverletzungen (zum Beispiel in China, Gastland der Frankfurter Buchmesse) mahnen. Herta Müller erlebte die Unterdrückung, Zensur und Bedrohung am eigenen Leib, selbst noch im Westen, nachdem sie 1987 von der Bundesregierung, wie so viele andere freigekauft orden war. Dass zwei der Securitate-Offiziere, die seinerzeit zwei Jahre ihre Wohnung (mit ihrem damaligen Mann, dem Schriftsteller Richard Wagner, teilte) rund um die Uhr in Temesvar abgehört hatten, jetzt erfolgreiche Unternehmer und bekannte Spitzel-Träger eines Ordens für kulturelle Verdienste bzw. Ehrenbürger der Stadt sind, ähnelt auch sehr den Zuständen in den Nachbarländern Bulgarien und Ungarn.

In diesem Sinne erschließt das Werk dieser auch heute unbeugsamen Schriftstellerin Zusammenhänge, die journalistische Schnellschüsse über das postkommunistische Mittel- und Osteuropa kaum aufzeigen können. Illusionslos und unerbittlich zeigt Herta Müller durch das Wunder ihrer Sprache die Wunden des Lebens unter dem Kommunismus und auch das Trauerspiel, wie die Exilorganisationen der Banater Schwaben zu einem "gemütlichen Reservat für Securitate-Spitzel" geworden sind. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2009)

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