Das Buch im Zeichen der Wandlung

14. Oktober 2009, 18:08
2 Postings

Am Dienstagabend wurde in Frankfurt am Main die 61. Buchmesse eröffnet. Die Aufmerksamkeit galt dem Ehrengast China – und einer Bedrohung aus dem Westen: der Buchdigitalisierung durch Google

Kunst, made in China: 9000 Rucksäcke bedecken die Außenfassade über dem Eingang, arrangiert zu einem flächigen Schriftzug. Sie erinnern an das verheerende Erdbeben von Sichuan im vergangenen Jahr, bei dem mehr als 5000 Schüler in den schlecht gebauten Schulgebäuden ums Leben kamen.

Nein, das regierungskritische Kunstwerk hängt nicht über dem Zugang zum Messegelände in Frankfurt. Installiert wurde es einige hundert Kilometer weiter, an der Front des Münchner Hauses der Kunst, wo am Montag, einen Tag vor der Frankfurter Buchmesse, So sorry die Pforten öffnete, eine großangelegte Werkschau des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Der Künstler selbst war bei der Eröffnung von einer Narbe gezeichnet, zugefügt durch Polizisten im vergangenen August, als er die genaue Zahl der Opfer recherchierte. Eine Verletzung, die er, wie vieles, in seinem Internet-Blog öffentlich macht. Der Schriftzug, den die Rucksäcke vor dem Eingang bilden, heißt: "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt" . Der Satz, den die Mutter eines der getöteten Kinder geschrieben hatte.

Solche Sätze öffentlicher Kritik fehlten bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Dort übten sich die acht Redner des Abends - selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel war erstmals erschienen, die große Wirtschaftsmacht als Ehrengast zu begrüßen - in Harmonie. Durchaus eine chinesische Form der Balance.

Schon im Vorfeld war Jürgen Boos, Leiter der weltgrößten Buchmesse, stark kritisiert worden, als er auf Druck der chinesischen Veranstalter zwei dissidente Autoren auslud, Dai Qing und Bei Ling. Nach tagelangem Protest in den Medien erneuerte er seine Einladung: Beide reisen nun als "persönliche Gäste" des Direktors nach Frankfurt.

Marktplatz der Ware Buch

Wie die Buchmesse überhaupt betont, dass nur rund 200 der insgesamt mehr als 500 dem Gastland gewidmeten Veranstaltungen durch das offizielle China organisiert sind, also durch das Amt für Presse und Publikation (Gapp), die chinesische Zensurbehörde, die den Gastauftritt verantwortet. Auf mehr als der Hälfte der Lesungen und Diskussionen käme, so die Buchmesse-Verantwortlichen, das kritische China zu Wort. Die Buchmesse, ein Forum der Stimmen, so das Selbstbild der Messe.

Vor allem aber ist die Messe ein wesentlicher Marktplatz der Ware Buch, weshalb an diesem Eröffnungsabend weniger Chinas Zensur als der wildernde Westen im Zentrum der beunruhigten Aufmerksamkeit stand. In einem Wort: Google. Der amerikanische Konzern, über dessen Seiten mittlerweile rund 97 Prozent aller Recherchen im Internet durchgeführt werden, digitalisiert seit Jahren Bücher. Erklärtes Ziel des Konzerns ist es, das Wissen der Welt, die unendliche Bibliothek, ins Netz zu stellen.

Allerdings ohne Rücksicht auf die Rechte der Autoren an ihrem geistigen Eigentum, also auf Urheberrechtsschutz. Zudem wäre diese größte aller Bibliotheken unter Kontrolle eines einzigen Konzerns. Seit Jahren protestieren daher weltweit Autorenverbände gegen Googles Digitalisierung - auch in Österreich.

Schutz des Urheberrechts

Bisher vergeblich. Im September aber schaltete sich das US-Justizministerium ein - und erwirkte eine neue Ausarbeitung der Verträge durch Google. Noch läuft das Gerichtsverfahren in New York, weshalb Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, an die deutsche Bundesregierung appellierte, für "rechtsstaatliche Verhältnisse im Internet" zu sorgen.

Angela Merkel, die eben neu gewählte Bundeskanzlerin, hatte bereits im Vorfeld ihrer Rede in ihrem sonntäglichen Internet-Podcast ein Bekenntnis zum Schutz des Urheberrechts ausgesprochen. Ein Bekenntnis, das sie in ihrer Eröffnungsrede wiederholte. Sie bekannte sich zur Buchpreisbindung, die sie auch auf E-Books ausgedehnt wissen wollte und bekräftigte, sie wolle "versuchen, den Urheberrechtsschutz des geistigen Eigentums weltweit zu verankern" .

Seit Jahren kämpfen die Autoren- und Verlegervereinigungen um Unterstützung der Regierungen für ihre Bemühungen um den Schutz des Urheberrechts im Internet.

Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Google scheinen sie erstmals gehört zu werden. Hoffentlich. Denn wenn auch weiterhin alle Anwesenden sich zum Buch in seiner traditionellen Form bekannten, so gilt doch ein Satz, den Jürgen Boos in der morgendlichen Pressekonferenz aussprach: "Buch ist nicht gleich Papier. Buch ist Inhalt" . Der Begriff des Buches ist dabei - das wird in diesem Jahr, vor dem Hintergrund von E-Book, Hörbuch und Internet deutlicher als je zuvor -, sich zu wandeln. Auch das durchaus im Einklang mit der jahrtausendealten Philosophie Chinas. (Cornelia Niedermeyer aus Frankfurt am Main / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

 

  • Die Buchmesse, ein Marktplatz für die Ware Buch und ein Forum der kritischen Stimmen aus China. So jedenfalls sehen es die Buchmesse-Verantwortlichen in Frankfurt.
    foto: michael probst

    Die Buchmesse, ein Marktplatz für die Ware Buch und ein Forum der kritischen Stimmen aus China. So jedenfalls sehen es die Buchmesse-Verantwortlichen in Frankfurt.

Share if you care.