"Diese Nacht": "Der Tod ist eine Frau, die man verführen muss"

14. Oktober 2009, 17:55
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In Werner Schroeters Film "Diese Nacht" verliert sich ein Mann in einem mysteriösen Todesreigen - der französische Hauptdarsteller Pascal Greggory im Interview

Mit Pascal Greggory sprachen Dominik Kamalzadeh und Ronald Pohl.

Standard: Man konnte lesen, dass sich Werner Schroeter mit Haut und Haaren in die Dreharbeiten zu "Nuit de chien / Diese Nacht" gestürzt hat: Er arbeitete die Nacht hindurch. Welche Erfahrungen haben Sie während dieses Parcours gesammelt?

Greggory: Die Drehtage dauerten von 20 Uhr bis sieben Uhr in der Früh - darin bestand der Deal! Der Film spielt ja nur nachts. Dazu kommt, dass Schroeter die Nacht liebt. Ihm kam das entgegen - mir auch. Es gibt ganz einfach Dinge, die nur in der Nacht passieren: Obwohl Schroeters Drehbuch sehr detailliert war, so hatte er auf dem Set doch immer neue Ideen. Plötzlich wurden Dinge umgeworfen, die Ausstattung wurde geändert et cetera. Ein bisschen haben wir gelebt wie Tiere.

Standard: Erfordert ein Film wie "Nuit de chien" mit seinen opernhaften Bildern nicht ganz einfach theatralisches Denken? Sie gastierten vor vielen Jahren ja mit Patrice Chéreau in Wien, wo Sie zusammen in Koltès' "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" zu sehen waren.

Greggory: Man darf nicht vergessen, dass Schroeter und Chéreau derselben Generation angehören. Chéreau kennt die deutsche Kultur in- und auswendig, er hat in Bayreuth inszeniert. Beide sind dem deutschen Romantizismus verpflichtet. Ich selbst spiele ja gar nicht so viel Theater; ich habe zuletzt viele Filme gedreht, die völlig untheatralisch waren. Bei Schroeter und mir griffen einfach die Gegensätze sehr gut ineinander: Mir eignet eher etwas Angelsächsisches, Kühles - auch wenn ich mich als Franzose begreife. Es muss ein Geheimnis zwischen Regisseur und Schauspieler wirksam werden. Wenn ein Regisseur einen bestimmten Schauspieler aussucht, so deshalb, weil er einer Sache auf den Grund gehen will. Schroeter und ich kennen einander seit 30 Jahren in Paris.

Standard: Das Grundmotiv des Films ist der Tod: Ossorio zieht wie durch eine Geisterlandschaft seinem Ende entgegen. Auf welche Weise hat Schroeter dieses Motiv verarbeitet?

Greggory: Die Vorbereitung für die Filmarbeit lief ganz klassisch: Ich habe die Romanvorlage von Juan Carlos Onetti gelesen, habe versucht zu verstehen, was Schroeter aussagen will. Aber Schroeter vermittelt mehr als nur den Eindruck, ein Filmregisseur zu sein - er ist ein Konzeptkünstler. Er kann fotografisch arbeiten, aber auch mit Bildhauerei und Musik umgehen. Als ich nach Porto zu den Dreharbeiten flog, holte mich ein vollkommen extravagant angezogener Künstler ab: Schroeter trug einen Rock und hatte Dreadlocks. Ich wusste sofort: Das wird ein Film über Außenseiter, und er wird die Quintessenz der Kunst enthalten.

Standard: Die Arbeitsweise war also sehr offen?

Greggory: Der Film hat sich letztlich im Lauf der Nächte entwickelt. Ich gehöre nicht zu denjenigen Schauspielern, die glauben, sie müssten sich für ein bestimmtes Vorhaben psychologisch besonders vorbereiten. Was zählt, ist die Beziehung zum Regisseur: Es geht um die Osmose zwischen Künstlern. Natürlich war Schroeter sehr krank, und er hat das Thema von Zerstörung und Tod nicht zufällig gewählt. Das Mädchen, dessen sich die Hauptfigur Ossorio annimmt, muss bei ihm sterben. Ich spiele eine Figur, die ständig kämpft; einen Mann, der eine Tote liebt, ein Gespenst.

Standard: Der Tod erfährt eine Überhöhung - der Film wirkt wie ein Oratorium. Ist das Schroeters letzter Kommentar zum Thema?

Greggory: Der Film vermittelt eine Wehmut, die Schroeters Krankheit entspringt - eine Sehnsucht, die im Roman fehlt. Der Film gleicht einem Tanz mit dem Tod. Der Tod ist eine Frau, die man verführen muss. Dazu kommt, dass Porto eine melancholische Stadt ist. Schroeter färbt den Stoff europäisch ein: Dieser wird dadurch dekadent.

Standard: Französische Kritiker haben Schroeter mit Jean Cocteau verglichen. Das überrascht ein wenig: Wird Schroeter für Sie auf nachvollziehbare Weise in die französische cinephile Tradition eingemeindet?

Greggory: Man muss sich vor Augen halten, dass das französische Kino während einer langen Epoche eine große Dominanz ausübte. Werner Schroeter lebte in Paris, in einem intellektuellen Milieu, das einen starken Einfluss auf mich ausgeübt hat: Paris besaß in den 70er-, 80er-Jahren eine große Anziehungskraft. Man hatte das Gefühl, im kulturellen Mittelpunkt der Welt zu leben. Cocteau war auch Schriftsteller und Maler. Seine Filme aber entwarf er über die Kraft der Worte. Ich glaube allerdings, dass bei Schroeter eine zerstörerische Gewalt spürbar wird, die Cocteau abgeht. Ein sehr deutscher Aspekt! Schroeters Filme sind letztlich die eines Exildeutschen: Er konnte seine Kultur nur zeigen, indem er wegging. Er wäre in seiner Heimat niemals anerkannt worden. Schroeters Œuvre ist eine einzige Allegorie. Sein Lieblingsdichter ist nicht umsonst Hölderlin.

Standard: Ihre Treue zu "marginaleren" Regisseuren ist auffallend. Auch über Schroeter wurde ja gesagt, er sei der "größte marginale Regisseur" Deutschlands. Sie arbeiten mit Chéreau, sind aber auch in populärem Kino wie "La vie en rose" zu sehen. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen aus?

Greggory: Ich liebe die Arbeit mit "unbürgerlichen" Regisseuren, und ich liebe die Arbeit mit jungen Filmemachern. Ich fühle mich durchaus nicht als Schauspieler. Ich würde mich als Menschen bezeichnen, der spielt. Das zu sagen ist ein bisschen delikat, weil ich ja gutes Geld damit verdiene. Aber obenan steht für mich die Arbeit mit Leuten, die "Spieler" sind so wie ich. Von Zeit zu Zeit mache ich konventionelles Kino - meine "perverse" Seite. Natürlich gehört meine ganze Liebe dem Wagnis. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

 

Ab 16.10. im Kino

  • Der Geheimdienstmann Ossorio irrt durch eine im Chaos versinkende Kulisse der Nacht: Pascal Greggory (mit Amira Casar) in Werner Schroeters "Nuit de chien" .Zur Person:Der vielseitige Film- und Theaterschauspieler Pascal Greggory (56) spielte in Filmen von Eric Rohmer, Jacques Doillon und vor allem in jenen von Patrice Chéreau ("Gabrielle" , "Sein Bruder" ). 
 
    foto: fahrenheit 451

    Der Geheimdienstmann Ossorio irrt durch eine im Chaos versinkende Kulisse der Nacht: Pascal Greggory (mit Amira Casar) in Werner Schroeters "Nuit de chien" .

    Zur Person:
    Der vielseitige Film- und Theaterschauspieler Pascal Greggory (56) spielte in Filmen von Eric Rohmer, Jacques Doillon und vor allem in jenen von Patrice Chéreau ("Gabrielle" , "Sein Bruder" ). 

     

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