Armeniens Präsident besucht die Türkei

14. Oktober 2009, 17:43
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Der Ball ist rund, ein Spiel hat 90 Minuten – und der Fußball taugt für die Diplomatie

Historischer Besuch in der Türkei. Erstmals reiste am Mittwoch ein armenischer Präsident in das Nachbarland. Anlässlich Rückspiels der armenischen Fußballnationalequipe um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Südafrika, erwiderte Präsident Sergej Sarkisian den Besuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül, der vor einem Jahr zum Hinspiel der türkischen Mannschaft nach Erewan gereist war. Mit dem Besuch Güls in Armenien begann die Annäherung der beiden Länder, die mittlerweile als Fußballdiplomatie in die Annalen eingegangen ist.

Erst am vergangenen Samstag hatten Armenien und die Türkei in Zürich nach zähen Verhandlungen ein Protokoll unterzeichnet, in dem die nächsten Schritte - Aufnahme diplomatischer Beziehungen und Öffnung der Grenze - festgelegt werden.

Bis dahin sind aber noch etliche Hürden zu überwinden. In der türkischen Öffentlichkeit wird seit Samstag vor allem darüber diskutiert, ob die Annäherung nicht die Allianz mit Aserbaidschan schwer beschädigen könnte. Die Türkei hatte ja 1993 die Grenze zu Armenien nicht wegen der "Völkermord" -Debatte geschlossen, sondern als Reaktion auf die Besetzung aserbaidschanischen Territoriums durch armenische Truppen im Zuge des Krieges um die armenische Enklave Berg Karabach.

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan hat deshalb in den letzten Tagen noch einmal bekräftigt, dass die Grenze solange nicht geöffnet würde, wie Armenien nicht wenigstens einen Teilrückzug von aserbaidschanischem Gebiet vollziehen würde. Allerdings laufen die Verhandlungen um Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan parallel zu den Verhandlungen mit der Türkei und stehen nach Auskunft der USA, die gemeinsam mit Russland und Frankreich die Verhandlungen moderieren, kurz vor einem Durchbruch.

Die Opposition in Armenien beklagt dagegen, dass die Regierung diplomatischen Beziehungen zustimmen will, ohne dass die Türkei zuvor den Völkermord anerkannt hätte. Tatsächlich haben sich beide Länder geeinigt eine Historikerkommission zu bilden, was viele Armenier, insbesondere die einflussreiche Diaspora in den USA, als Verrat am Genozidgedenken verurteilen. Sergej Sarkisian steht innenpolitisch noch weiter stärker unter Druck als seine türkischen Partner. Er hatte deshalb bis zuletzt gezögert, ob er in die Türkei kommen soll.

Um die Risiken des Besuchs zu minimieren, flog Präsident Sarkisian auch erst wenige Stunden vor dem Spiel ein und noch in derselben Nacht zurück. Obwohl von beiden Verbänden im Vorfeld immer wieder betont worden war, es handle sich um ein normales Fußballspiel, konnte davon natürlich keine Rede sein. Unter fußballerischen Gesichtspunkten war das Spiel sowieso uninteressant, weil beide Mannschaften bereits ausgeschieden sind und in Südafrika nicht dabei sein werden. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2009)

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