"Statt Kraftwerken Leitungen bauen"

14. Oktober 2009, 17:43
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Der deutsche Physiker Gregor Czisch plädiert für den Bau transnationaler Hochspannungs-Gleichstromleitungen

Der deutsche Physiker Gregor Czisch plädiert für den Bau transnationaler Hochspannungs-Gleichstromleitungen. Konventionelle Kraftwerke würden sich dann erübrigen, sagte er Günther Strobl.

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STANDARD:  Erneuerbare Energien spüren Aufwind. Selbst arrivierte Energieversorger mit einer langen Tradition in Kohle-, Gas und Ölverstromung setzen auf Windkraft, Biomasse oder Solarthermie. Ist das mehr als ein Marketinggag?

Czisch: Das kann man heute abschließend noch nicht beurteilen. Ich begrüße natürlich, dass sich Eon oder RWE etwa am Desertec-Vorhaben (grüner Strom aus der Wüste; Anm.) beteiligen. Ob der Wille zur Umsetzung tatsächlich da ist oder ob damit nur der Bau neuer Kohlekraftwerke kaschiert werden soll, wird sich bald zeigen.

STANDARD: Woran erkennt man das?

Czisch: Am Zeitplan. Wird der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst, heißt das im Gegenzug, dass die Vormachtstellung von Öl, Gas und Kohle für die nächsten Jahrzehnte einzementiert wird.

STANDARD: Warum so pessimistisch?

Czisch: Das ist nicht pessimistisch, das ist realistisch. Viele alte Kraftwerke sind in die Jahre gekommen, und es stellt sich die Frage: abwracken oder neu bauen? Wenn ein Kohlekraftwerk neu gebaut wird, läuft es die nächsten 40, 50 Jahre. Ich hoffe sehr, dass das nicht passiert. Unsere Zukunft würde mit CO2 viel zu sehr belastet.

STANDARD: Was schlagen Sie vor?

Czisch:: Einen raschen Wechsel zu erneuerbaren Energien. Wenn man das eine oder andere alte Kraftwerk ertüchtigt, sollte es möglich sein, in einer Übergangszeit von etwa 20 Jahren bei gleichzeitigem Ausbau der erneuerbaren Energien ohne zusätzliche konventionelle Kraftwerke auszukommen.

STANDARD: Dann geht das Licht aus, argumentieren Skeptiker.

Czisch: Voraussetzung, damit das nicht geschieht, ist die Schaffung eines großräumigen Energieverbunds, der auf einem Hochspannungs-Gleichstromübertragungsnetz basieren muss. Da sind die Übertragungsverluste auch über weite Distanzen gering.

STANDARD: Der Bau neuer Hochspannungsleitungen stößt doch europaweit auf massive Widerstände?

Czisch: Ich glaube, dass die viel höhere Effizienz dieser Leitungen den Menschen vermittelbar ist. Teilweise kann man vielleicht bestehende Trassen verwenden. Etwa zehn Prozent des Bestandsnetzes müssten in Form von Hochspannungs-Gleichstromleitungen zusätzlich gebaut werden.

STANDARD: Sie gehen davon aus, dass die Energieversorgung Europas zu 100 Prozent mit Erneuerbaren bestritten werden kann?

Czisch: Ich gehe nicht nur davon aus, ich habe das ausgerechnet. Zwischen Westsibirien und dem Senegal kann ein Vielfaches dessen produziert werden, was an erneuerbarer Energie benötigt wird. Nicht die Menge ist das Problem, sondern das zeitliche Zusammenspiel der Erzeugung. Durch einen großräumigen Verbund kann beispielsweise ein Ausgleich zwischen den Sommerwindgebieten Nordafrikas und den Winterwindgebieten Europas geschaffen werden.

STANDARD: Und die Kosten?

Czisch: Die würden nach konservativer Berechnung bei etwa 4,65 Cent je Kilowattstunde liegen, was weniger ist als der Durchschnitt der Preise an der Strombörse. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

Zur Person

Gregor Czisch (45) ist Physiker und ausgebildeter Elektrotechniker. Er beschäftigt sich seit langem mit Szenarien künftiger Stromversorgung. Heute, Donnerstag, nimmt Czisch an einer Energiekonferenz in Eisenstadt teil.

  • Gregor Czisch
    foto: standard

    Gregor Czisch

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