Libro-Pleite: Der Prozess beginnt

14. Oktober 2009, 17:55
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André Rettberg und vier weitere Personen sollen vor Gericht gestellt werden

André Rettberg muss sich vor Gericht wegen Untreue und Betrugs verantworten - und mit ihm drei weitere frühere Libro-Manager und ein Wirtschaftsprüfer. Acht Jahre nach der Pleite der Handelskette wird der Fall von der Justiz aufgerollt.

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Wien - Acht Jahre nach der Pleite der Buchhandelskette Libro wurde am Landesgericht Wiener Neustadt Anklage gegen André Rettberg eingebracht. Der ehemalige Chef des einst börsennotierten Unternehmens muss sich vor dem Schöffensenat wegen Untreue und Betrugs verantworten. An seiner Seite: der ehemalige Libro-Finanzvorstand Johann Knöbl, Ex-Aufsichtsratschef Kurt Stiassny, sein Stellvertreter Christian Nowotny sowie Wirtschaftsprüfer Bernhard Huppmann. Ihnen wird Untreue, Beteiligung an der Untreue, schwerer Betrug und Bilanzfälschung vorgeworfen - für alle genannten gilt die Unschuldsvermutung.

Das im Gerichtsauftrag erstellte Sachverständigengutachten listet eine Reihe von Verfehlungen auf. So soll Libro schon vor dem Börsengang 1999 "buchmäßig überschuldet" gewesen sein. Im Börsenprospekt wurde das laut Gutachten aber nicht hervorgehoben. Investoren, die in gutem Glauben Libro-Anteile gezeichnet hatten, sollen bewusst getäuscht worden sein. Der Jahresabschluss 1998/99 habe "kein wahrheitsgetreues Bild des Vermögensstandes der Gesellschaft" gezeichnet, heißt es. Der Gewinn vor Steuern soll um 17 Mio. Euro zu hoch ausgewiesen worden sein. Auf Basis dieser Bilanz genehmigten sich die damaligen Libro-Gesellschafter aber eine Sonderdividende von 32 Millionen Euro, "obwohl sie wussten, dass diese Ausschüttung in keinster Weise dem tatsächlichen Geschäftsverlauf der Libro AG entsprach" , heißt es im Gutachten.

Rettberg, 1999 "Manager des Jahres" , wurde in einem Nebenverfahren wegen versuchter betrügerischer Krida rechtskräftig verurteilt. Seine Karriere hatte der Holländer bei Libro Salzburg begonnen, er machte aus der Kette Österreichs größten Medienhändler.

Der Buchdiskonter wurde 1978 als Billa-Tochter gegründet. Später wurde das Sortiment um Musik-und Schreibwaren erweitert. 1984 wurde Rettberg von den Billa-Managern Karl Wlaschek und Veit Schalle die Libro-Sanierung übertragen. Als 1996 Billa von Rewe übernommen wurde, blieb Libro in der Wlaschek Privatstiftung. Ende 1997 ging Libro zur Gänze an ein Konsortium um die börsennotierte Unternehmens Invest AG und die Deutsche Beteiligungs AG.

Rasanter Abstieg

Rettberg steckte viel Geld in die Entwicklung von Libro, die Expansion floppte. 1999 stieg Libro mit Lion.cc in den Internetmarkt ein. Der Abstieg begann: Libro rutschte in die Verlustzone, bekam Liquiditätsprobleme. Da sich kein Investor fand, wurde Ausgleich angemeldet. Im April 2002 holte man erneut Geld von den Banken und schlitterte in den Konkurs, der mit Passiva von mehr als 380 Mio. Euro nach Konsum und Maculan die damals drittgrößte Pleite in Österreich war. Im November 2002 wurde Libro um fünf Mio. Euro von einem Konsortium um den Industriellen Josef Taus übernommen.

Der Konkurs hatte tausenden Anlegern Geld gekostet. Allein die Telekom Austria musste 87 Mio. Euro abschreiben. (APA, bpf, vk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2009)

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    André Rettberg: als Libro-Chef einst groß gefeiert, dann abgestürzt. 1999 war er Manager des Jahres, jetzt muss er wegen der Pleite von Libro vor Gericht.

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