Abrupter Morphinentzug potenziert Schmerz

14. Oktober 2009, 11:46
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Schmerzexperte: Plötzliches Absetzen von opioidhaltigen Schmerzmitteln kann Schmerzempfinden verstärken

Wien - Opioidhaltige Schmerzmedikamente stellen heute den Goldstandard in der Behandlung von starken Schmerzen dar. Sie sind hoch wirksam und verfügen über ein günstiges Nebenwirkungsprofil. Paradoxerweise kann die Behandlung mit Morphinen jedoch nicht nur zu einer Schmerzlinderung, sondern gleichzeitig zu einer Verstärkung der körperlichen Schmerzempfindlichkeit führen (Opioid-induzierte Hyperalgesie, Anm.). Die Arbeitsgruppe um Jürgen Sandkühler, Leiter des Zentrums für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien, konnte die diesen paradoxen Wirkmechanismus von Morphinen nun entschlüsseln, veröffentlicht wurde die Studie im Fachmagazin Science.

Demnach führt der abrupte Entzug von Morphinen zu einer Langzeitpotenzierung der Erregungsübertragung im Rückenmark und so zu einer Schmerzverstärkung. Die Ursache dafür liegt offenbar in einem Anstieg der Konzentration von freien Kalziumionen in Nervenzellen des Rückenmarks. "Kalziumionen sind ein Botenstoff in den Nervenzellen, der eine Reihe von Enzymen aktivieren kann. Diese führen wiederum dazu, dass die Nervenzellen aktiver auf jene Neurotransmitter reagieren, welche die Schmerzreize übertragen. Umso mehr Kalziumionen in den Nervenzellen des Rückenmarks sind, umso intensiver wird Schmerz gefühlt", erklärt Sandkühler.

"Ausschleich-Methode bevorzugen"

Wird das Opioid über einen längeren Zeitraum langsam reduziert, dann ist auch keine Verstärkung der Schmerzsignale messbar. Die Forscher konnten außerdem feststellen, dass die Signalverstärkung durch die gleichzeitige Gabe eines Medikaments verhindert wird, das die NMDA-Rezeptorkanäle blockiert. Das sind Ionenkanäle in der Zellmembran, die durch die Bindung mit Glutamat aktiviert werden. Der Name NMDA-Rezeptor rührt daher, dass diese Rezeptoren durch die Bindung des für sie spezifischen Agnoisten N-Methyl-D-Aspartat aktiviert werden können.

"Beide Maßnahmen, sowohl das langsame Ausschleichen der Opioide als auch die Gabe des Zusatzmedikamentes verhindern die Signalverstärkung vollständig, ohne dabei die erwünschte Hemmwirkung der Opioide zu blockieren." Dennoch empfiehlt  Sandkühler der Methode des langsamen Ausschleichens den Vorzug zu geben. (red, derStandard.at)

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    Opioid-induzierte Hyperalgesie wird das Phänomen der Schmerzverstärkung nach Medikamentenentzug genannt

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