SchülerStandard-Interview

"Sitzenbleiben schadet dem Lernerfolg"

14. Oktober 2009, 09:42
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    foto: standard/urban

Der "aufgeblasene" Streit um die Gesamtschule hindere die Beteiligten daran, wirklich wichtige Fragen im Schulsystem anzupacken, kritisiert Bildungsforscher Stefan Hopmann

SchülerStandard: Wieso fallen Schüler im österreichischen Bildungssystem durch?

Hopmann: Sie fallen durch, weil es viel zu wenig Förderung gibt. Die österreichische Schule ist leider immer noch so organisiert, dass für den Erfolg ganz entscheidend ist, wie viel man außerhalb der Schule lernen kann. Das behindert vor allem die Kinder, die keine außerschulische Lernförderung bekommen können, zum Beispiel weil die Eltern auch nicht können, was in der Schule gefordert wird.

SchülerStandard: Was ist Ihre Position zum Sitzenbleiben?

Hopmann: Das Sitzenbleiben gehört als Regelpraxis abgeschafft, sofort und ohne Umwege. Die internationale Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Klassenwiederholungen nichts bringen, sondern eher schädlich für den weiteren Lernerfolg sind. Statt Geld für Wiederholungen und Nachprüfungen zu verschleudern, ist es effektiver, Schüler frühzeitig zu fördern, wenn sich Lernschwierigkeiten einstellen.

SchülerStandard: Was bedeutet das in der Praxis für die Schule?

Hopmann: Wir brauchen eine Schulreform, die es der einzelnen Schule erlaubt, flexibel zu reagieren: Brauchen wir einen Englischlehrer? Müssen wir eine Kollegin mit türkischer Muttersprache finden? Oder sollten wir einen Sozialpädagogen einstellen, der gezielt mit Problemfamilien arbeitet? Das Problem ist auch der vergleichsweise viel zu hohe Anteil der Personal- und Fixkosten am Gesamtaufwand. Bildungspolitik wird hier mit den letzten zwei, drei Prozent des Budgets gemacht, die nicht schon fest verausgabt sind.

SchülerStandard: Wie beurteilen Sie die modulare Schulform?

Hopmann: Das ist ein kompliziertes Thema. Viele Länder haben solche Modelle ausprobiert, richtig gelungen ist keines. Modularisierung kann helfen, Schwerpunkte zu bilden und Interessen zu fördern. Sie kann aber auch dazu führen, dass Schüler "schwierigen" Fächern wie Mathematik und Naturwissenschaften aus dem Weg gehen oder dass Lehrer in ihren Lieblingsmodulen die Anforderungen übertrieben hochschrauben. All das kommt regelmäßig in modularen Oberstufen vor. Es kommt darauf an, eine vernünftige Balance zwischen Pflicht und Wahlfreiheit, Fordern und Fördern zu finden.

SchülerStandard: Wie stehen Sie zur Idee eines österreichweit einheitlichen Schulsystems?

Hopmann: Die naive Versessenheit, mit der hierzulande geglaubt wird, die entscheidende Frage sei, ob es eine Gesamtschule oder ein gegliedertes Schulsystem gibt, verblüfft mich immer wieder. Beide Formen kann man gut machen, beide schlecht. Es kann in beiden Probleme mit sozialer Gerechtigkeit, Begabungsförderung oder kultureller Vielfalt geben oder auch nicht. Mir scheint, dass der ideologisch von beiden Seiten aufgeblasene Streit um die Gesamtschule die Beteiligten daran hindert, die wirklich wichtigen Fragen im Schulsystem anzupacken. Entscheidend ist, wie wir die Mittel verteilen, dass alle die Angebote bekommen, die sie in ihrer aktuellen Situation brauchen. Die Antwort ist einfach: indem wir die Schulen freisetzen, sich je nach Schülerschaft und sozialem Umfeld zu positionieren. Das zeichnet international gute Schulen aus. Was bei uns bislang als Schulautonomie ausgerufen wird, ist nicht mehr als die Freiheit eines Wellensittichs, im Käfig mal kurz zu hüpfen.

SchülerStandard: Was müsste man dafür konkret tun?

Hopmann: Wir bräuchten den Willen aller Beteiligten, sich an einen Tisch zu setzen und zentrale Eckpunkte festzulegen, einen nationalen Bildungsgipfel also. Zweitens bräuchten wir eine Bildungspolitik und -verwaltung, die diese Punkte fixiert und sich sonst aus dem Schulbetrieb heraushält. Dann ist es auch okay, wenn man überprüft, ob die angestrebten Ziele erreicht wurden. Jetzt bauen wir mit nationalen Tests und Zentralmatura einen riesigen Kontrollapparat auf, der mit Testkanonen auf Schulspatzen schießt. Wir machen den dritten Schritt, ohne die ersten beiden ernsthaft versucht zu haben. Bleibt das so, wird das Ergebnis steigende soziale Ungerechtigkeit und ein Abbau von Bildungschancen für diejenigen sein, die der Förderung am meisten bedürfen. (Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

ZUR PERSON:

Stefan Hopmann (geb. 1954 in Göttingen) ist Bildungsforscher der Uni Wien.

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Posting 1 bis 25 von 42
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ride my pimp
00
30.10.2009, 08:32
Lernerfolg schadet dem Sitzenbleiben.

t-bonesteak
02
20.10.2009, 14:09
also herr experte:

ich habe eine klasse wiederholt. nicht weil ich nicht gefördert wurde, sondern weil ich schlicht und einfach nicht lernen wollte. geschadet hat es mir auch nicht, ich habe kein trauma erlitten, keine neurosen entwickelt, sondern habe (1 jahr später eben) maturiert, danach studiert und promoviert.

zusatzprotokoll
01
21.10.2009, 07:37
detto!

mountaineer
01
20.10.2009, 13:32
Lassen Sie doch die Kirche im Dorf:

Faktum 1: Der Lernerfolg wird durch die Lehrer beurteilt und in Noten ausgedrückt. (normative Basis)
2: ein ungenügender Lernerfolg kann zum Wiederholen der Klasse führen (und nicht umgekehrt das Sitzenbleiben ungenügenden Lernerfolg bewirken, wie Sie es gebetsmühlenartig suggerieren wollen).

Durch ein Verdrehen von Tatsachen Bildungspolitik betreiben zu wollen, ist verwerflich.

mountaineer
03
20.10.2009, 13:29

Es ist genau umgekehrt: Lernerfolg schadet dem Sitzenbleiben.
Wer lernt, bleibt eh nicht sitzen.
Teurer wird es, wenn man die ungeeigneten und faulen Schüler bis zur Matura mitschleppt, worauf die Matura nichts mehr wert ist und alle praktisch umsonst diese Qualifikation erworben haben.
Aber dieser Gutmensch wird das nicht hören wollen.

f. ullinger
00
17.10.2009, 17:47
die subjektive wahrnehmung

kann von einer objektiven betrachtungsweise stark abweichen.

Ston3at
00
17.10.2009, 13:40

Möchte mich an dieser Stelle bei meinem Englisch Lehrer bedanken, der dank seinem zweifelhaften Charakter dafür gesorgt hat, dass ich auf die Aufstiegsklausel verzichtet habe um das Jahr zu wiederholen und einen anderen Englisch Lehrer zu bekommen. Meine Englisch Matura wurde im letzten Jahr übrigens mit "Sehr Gut" benotet, genauso wie 70% meiner Englisch Schularbeiten die nach meinem "Wiederholungsjahr" gekommen sind.

f. ullinger
13
15.10.2009, 13:52
in der pflichtschule, also bis 14 jahre

gibt es de facto kein sitzenbleiben mehr. wer in der 3. lg hs ist, ist in den meisten fällen entweder ein extrem schwacher oder fauler schüler oder beides.
wer solche schüler jemals unterrichtete, ist froh, wenn sie endlich aus der schule draußen sind, auch mit geschenkten noten. die sollen arbeiten, was sie in den meisten fällen auch tun. so schaut die praxis aus.

systema radl
07
15.10.2009, 09:52
das nicht sitzenbleiben

fördert die faulen und dummen und bereitet auf diese weise optimal auf eine karriere als politiker vor.

GoodieGoodie
12
15.10.2009, 09:42

Auch Faulheit schadet dem Lernerfolg!

Susanne_B
110
15.10.2009, 09:05

Natürlich: Schüler fallen durch, weil sie zu wenig gefördert werden. Ich erinnere mich noch an durchgefallene Schulkollegen: entweder waren diese mit der Schule überfordert oder einfach zu faul zu lernen. Sitzenbleiben bzw. die Drohung sitzenzubleiben, hat zumindest die Faulen aufgeweckt und zu Leistung motiviert.

Ich frage mich nur, wie ein Schüler, der schon einmal den Lehrstoff nicht gelernt oder begriffen hat, im nächsten Jahr, in dem ja auf diesem Lehrstoff aufgebaut wird, mitkommen soll... Naja, heute scheint Leistung unmodern zu sein: Noten unterdrücken die Schüler. Sitzenbleiben ist überhaupt verpönt... Hat der Arbeitgeber dann auch so viel Verständnis für Fehlleistungen?

Michael Jack Dundee
 
00
15.10.2009, 13:02

Wenn Fehlleistungen entstehen: Wann wird wie intensiv diese korrigiert bzw. behoben? Wo wird so etwas unterrichtet?

stuffy
25
15.10.2009, 06:37
Im Gegenteil ....

Sitzenbleiben zeigt wie dumm die Schüler sind !
Lernfaule und Nichtintelligente sollen damit auch noch unterstützt werden?

Sehr fragwürdige Behauptung - in unserer Gesellschaft zählt Leistung - und das soll auch in der Schule so sein.
Dort wird die Basis gelegt - doch mit so einer Basis ist unsere Gesellschaft dem Untergang geweiht!

Hopmann soll nicht das Niveau auf seines zu drücken versuchen - wahrscheinlich hat der Herr auch mehrere Ehrenrunden gedreht, und will sich nun dafür stark machen dass so etwas mit seinen Sprösslingen (sofern er welche hat) nicht passiert - wär' ja auch peinlich für einen "Bildungsforscher" (wusste gar nicht dass man damit Geld verdienen kann - wieder so ein zweifelhafter Beruf der gar keiner ist)

oskar matzerath
25
15.10.2009, 10:13
nein, das ist so nicht wahr,

sitzenbleiben hat mit dummheit nichts zu tun (wozu es empiriche erhebungen gibt), sondern, wie von herrn hopmann bereits argumentiert, davon wie viel man neben der schule noch lernen kann. schüler in sozial schwierigerem umfeld haben es erheblich schwerer in diesem erfolgsorientiertem system. anzustreben wäre hingegen ein system (wie z.b. in holland) in dem man sich gezielt auf die talente der schüler (modular) konzentriert, und dieser bessere möglichkeiten hat seine talente auszunützen. und noch was, es gibt in wahrheit viel zu wenig bildungsforscher, da mehr davon ein gezielteres eingehen (z.b. regional) auf die gewissen bedingungen ermöglichen würde.

sh75
 
05
15.10.2009, 11:36

ja, aber wenn die eltern wollen, dass der sprössling in eine AHS geht, dann sind sie verpflichtet, für ihre kinder eben jenes umfeld zu schaffen, wo sie auch nach der schule lernen können. wenn dem nicht so ist, ist es traurig für die kinder die eben den lernstoff nicht beweltigen - aber so ist nun mal das leben! und eltern sollten nun mal verantwortung für ihre kinder übernehmen!!!

oskar matzerath
20
15.10.2009, 13:00
absolut,

das ändert jedoch nichts an der tatsache, dass sitzenbleiben abgeschaffen gehört. es liegt weniger an der verantwortungslosigkeit, als an nicht vorhandenem wissen, was auch logisch ist. was momentan passiert ist, dass kinder in die nachhilfe geschickt werden, was für die eltern oft finanziell nicht leicht ist. was in vielen, vor allem in skandinavischen ländern, passiert ist, dass schüler den ganzen tag in der schule verbringen, wodurch sie den stoff ausgiebiger, auch mit mitschülern, überarbeiten können.

Ich gebs zu
13
15.10.2009, 15:20
Also, so einfach ist das nicht.

In Dänemark, dem skandinavische Land, das ich am besten kenne, kommen zwar so gut wie alle durch die Pflichtschule (wie hierzulande!!!), doch dann scheiden sich die Geister. Es fällt dort vor allem deshalb kaum jemand durch, weil es immer wieder die Möglichkeit gibt, früher von der Schule abzugehen, so wie etwa in den USA. Dort ist zwar auch ein High-School-Abschluss sehr leicht zu schaffen, doch garantiert er auch nicht, dass Abgänger lesen und schreiben können.

Ich weiß nicht, welche Untersuchungen das Versagen auf "Sitzenbleiben" zurückführen, doch sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, dass zuerst die unzulängliche Leistung kommt und dann allenfalls -- wenn Schüler absolut nichts tun -- die "Ehrenrunde".

mountaineer
17
14.10.2009, 20:48
Verkehrte Welt

Man kann das Pferd auch beim Schwanz aufzäumen, aber was dabei herauskommt ist vorstellbar.

Aus schlechtem Lernerfolg folgt schlechte Beurteilung wird umgekehrt in schlechte Beurteilung ergibt schlechten Lernerfolg. Ich wähle Variante eins und verwerfe die Hypothese des Bildungsforschers.

Alfred Moosbrugger
14
14.10.2009, 20:45
Das sollte einem Forscher nicht passieren.

Der gute Mann verwechselt die Variablen.
Es ist nämlich genau umgekehrt: Nicht das Sitzenbleiben schadet dem Lernerfolg, sondern ein ungenügender Lernerfolg drückt sich in einer schlechten Beurteilung aus. Das muss einmal gesagt werden, denn sonst tricksen uns die "Experten" vollends aus.

ride my pimp
14
14.10.2009, 20:43

"Sie fallen durch, weil es viel zu wenig Förderung gibt."
Diese Auffassung kann ich nicht teilen.
Die Förderung wird lediglich nicht zielgenau eingesetzt, sondern nach Gießkannenprinzip.
Zudem konnte man die Schüler der Schule, an der ich unterrichtet habe, leider nicht zwingen, die Deutschförderstunden am Nachmittag zu besuchen. Wenn sie dann einmal da waren, haben sie nicht viel gemacht außer Radio hören und telefonieren, was ihnen zudem schwer abzugewöhnen war. Das war eigentlich die Hauptbeschäftigung für mich. Leider, aber gutes Benehmen ist das Einzige, was die Schüler im Förderunterricht gelernt haben. Leider zehn Jahre zu spät und sie halten immer noch nicht viel davon.

ride my pimp
14
14.10.2009, 20:39

Dieser Herr wird den Fünfer in eine Vier mit Sternchen abwandeln und jeder kann aufsteigen. Das ist ein gutes Signal für die Schüler, die nicht lernen wollen, da kommts auf ein Sternchen mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Michael Jack Dundee
 
01
15.10.2009, 13:09
Noten etwa wie

1 Sehr Gut
2 Gut
3 Befriedigend
4 Genügend
4* Mangelhaft
4** Schwach
4*** Extrem Schwach
...
?

skob
05
14.10.2009, 19:41
Aufsteigen mit einem 5er ist ja derzeit bereits üblich.

Meine Erfahrungen dazu (aus der HTL):

Schülern mit nur einem Nichtgenügend und "wenigen" Vierern wird das Aufsteigen durch die Bank ermöglicht. Bei Schülern mit mehr als 3 Vierern hat sich das als kontraproduktiv herausgestellt. Diese waren im Folgejahr meist hoffnungslos überfordert und sind dann meist in noch mehr Fächern durchgefallen.

Ein Aufsteigen mit mehreren Nichtgenügend halte ich daher für sehr fragwürdig.

Und selbst mit nur einem 5er macht es nur dort Sinn, wo die Fächer nicht voneinander abhängen (Latein, Englisch,..).
In der AHS sehe ich beim Aufsteigen mit einem 5er in Mathematik kein Problem. Wird die erlernte Mathematik aber in 5 techn. Fächern benötigt, wird der Schüler gnadenlos überfordert sein und genau dort scheitern

Michael Jack Dundee
 
00
15.10.2009, 13:10
"Aufsteigen mit einem 5er ist ja derzeit bereits üblich"

In welcher HTL?

skob
02
15.10.2009, 14:08

in jeder (bzw. jeder Schule in Österreich).
Nach Konferenzbeschluss, dh. alle Lehrer des Jahrganges stimmen ab, einfache Mehrheit zählt.
Das System gibt es schon seit Jahrzehnten.

Bei uns wird das so gehandhabt (damit es eben für die Schüler nicht willkürlich ist), dass der Notenschnitt und die Anzahl der Vierer als Grundlage herangezogen wird.
Ein Schüler mit bis zu 3 Vierern darf in der Regel immer aufsteigen.

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