Das Reich der Ursula Stenzel

15. Oktober 2009, 13:11
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Der erste Wiener Gemeindebezirk wählt schwarz, und zwar mit Tradition - Die Bezirksvorsteherin sieht sich als "kämpferische Anwältin der Bewohner"

Der Weg ist die Arbeit. Wenn sich Ursula Stenzel, ihres Zeichens Ortsvorsteherin des ersten Wiener Gemeindebezirks auf den Weg in ihr Büro im alten Rathaus in der Wipplingerstraße macht, geht sie immer zu Fuß. Die Wege die sie geht, variieren. Was gleich bleibt: Nach kurzer Zeit umringt sie eine kleinere Menschentraube. Besorgte, zufriedene, wütende oder ängstliche Bewohner des reichsten Bezirks in Wien wollen ihr Leid klagen, Probleme gelöst oder Mut zugesprochen kriegen.

All das tue sie gerne, sagt Stenzel. "Ich bin für die Menschen hier da. Ich bin ihr Sprachrohr. Was sie wollen, versuche ich umzusetzen."

Der Schutzwall der Bewohner

Stenzel will für die Bewohner der Inneren Stadt ein Bollwerk bilden: Eine Abwehrmauer sein gegenüber Gastronomen, Veranstaltern und Geschäftsleuten. "Der erste Bezirk muss für alles herhalten", sagt sie. Er ist das Aushängeschild Wiens und das sei zwar gut so, doch dürften die Bewohner darunter nicht leiden. Eine "Eventitis" habe sich breit gemacht, immer mehr Veranstaltungen würden die öffentlichen Plätze für Feste und ähnliches in Anspruch nehmen, immer weniger Raum bleibe für Bewohner und Touristen.

Mit derStandard.at machte sich Stenzel auf den Weg zu ihren liebsten Plätzen der Innenstadt: Es geht vom Rudolfspark über die Freyung in das Orlando di Castello, das neu eröffnete Lokal des Sohns vom Billa Gründer Karl Wlaschek, dann zur Pestsäule und den Michaelerplatz. Während sie die Herrengasse ausgehend vom Michaelerplatz entlanggeht, kommen die Besitzer der Geschäfte aus ihren Läden. Sie winken, grüßen, rufen "Küß die Hand, gnä' Frau." Stenzel nickt gnädig und leicht amüsiert.

Der erste Bezirk ist in Stenzels Augen vor allem anderen schützenswert. Die Probleme der Bewohner macht sie zu ihren und dass der erste der Luxusbezirk Wiens ist, führt dazu, dass auch die Probleme eher luxuriös anmuten. So stritt sich Stenzel in den vergangenen Monaten wegen eines Bettelverbots, einer klaren Regel für Straßenmusikanten und um die Laternen entlang der Kärntner Straße. Diese waren ihr für das Flair der City zu modern, sie setze sich durch, die alten Modelle behalten Platz.

"Grau ist die Gesellschaft und schön bist du"

Auf ihrem Weg kommt Stenzel an einer mit Schriftzug bemalten Wand vorbei: "Grau ist die Gesellschaft und schön bist du", steht da geschrieben. Ein Quell steten Ärgers für die Vorsteherin. "Diese Verschandlungen gehören streng geahndet", sagt sie. Eine Videoüberwachung an Orten, wo Graffitis wiederholt gemalt werden, wäre "genau das richtige".

Als "schwarzer Stachel in rotem Fleisch", wie sie sich einmal in einem Interview beschrieben hat, sieht sie sich zwar immer noch, wichtiger als parteipolitisches Hick-Hack seien ihr aber "die Anliegen und Bedürfnisse der Bewohner." Ihre Stellvertreterin von der SPÖ, Daniela Stepp sieht das ein wenig differenzierter: "Ich kriege oft Anrufe, wo es heißt: 'Ich versuche seit drei Wochen die Frau Stenzel zu erreichen, ich gehöre nicht zur High Society und habe keinen prominenten Namen, brauche aber trotzdem Hilfe.' Da bin ich dann die, die versucht diese Hilfe zu geben."

Die City ist ein Ausnahmebezirk. Die Menschen hier verfügen über ein durchschnittliche Jahreseinkommen von 31,095 Euro, was um ein Vielfaches über den der anderen Bezirke liegt. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen im 15. Bezirk, dem Bezirk am untersten Ende der Rangordnung, liegt bei 15,800 Euro; der Anteil der Migranten lag 2008 bei zwanzig Prozent - der im 15. Bezirk liegt bei 32 Prozent; die 2007 beim AMS vorgemerkte Zahl an Arbeitslosen lag bei 346 - im 15. Bezirk waren es 4,204.

"Dramatisch und künstlerisch"

Der erste Bezirk wählt schwarz - seit 1946 stellt die ÖVP durchgehend den Ortsvorsteher. Allerdings sank der Vorsprung der ÖVP auf die SPÖ im Laufe der Jahre, bis Stenzel 2005 das Ruder übernahm. Als "kämpferische Anwältin der Bezirksbewohner" (Eigendefininition) schaffte sie es in die Medien und an die Spitze. 2005 erreichte Stenzel bei den Gemeinderatswahlen ein Ergebnis von 41,35 Prozent - die Landespartei erhielt lediglich 18,77. Mehr Schein als Sein? Sieht jedenfalls Stepp so: "Abseits von den Seitenblicken tut sich weit weniger."

Stenzel sagt: "Ich erkenne viel von mir in dem Bezirk - da gibt es einige Parallelen." So seien sie beide "dramatisch und künstlerisch." Der erste ist ihr Heimatbezirk, "ich kenne hier jeden Stein, jedes Gasserl", sagt sie. Auch aus diesem Grund will sie sich der nächsten Wahl stellen - wenn die Bewohner das wollen. Und Stenzel ist sicher, sie wollen. (saju, derStandard.at, 15.10.2009)

  • Stenzel will für die Bewohner der Inneren Stadt ein Bollwerk bilden:
Eine Abwehrmauer sein gegenüber Gastronomen, Veranstalter und
Geschäftsleute.
    foto: rwh/derstandard.at

    Stenzel will für die Bewohner der Inneren Stadt ein Bollwerk bilden: Eine Abwehrmauer sein gegenüber Gastronomen, Veranstalter und Geschäftsleute.

  • Stenzel in dem Wlaschek-Lokal Orlando di Castello - "Ich kenn jedes Beisl und jedes Restaurant im Bezirk", sagt sie.
    foto: rwh/derstandard.at

    Stenzel in dem Wlaschek-Lokal Orlando di Castello - "Ich kenn jedes Beisl und jedes Restaurant im Bezirk", sagt sie.

  • Die Renovierung des Rudolfsparks war Stenzel ein besonderes Anliegen - jetzt ist sie zu ihrer Zufriedenheit abgeschlossen, und zu der ihrer Klientel.
    foto: rwh/derstandard.at

    Die Renovierung des Rudolfsparks war Stenzel ein besonderes Anliegen - jetzt ist sie zu ihrer Zufriedenheit abgeschlossen, und zu der ihrer Klientel.

  • Ein Ärgernis für Stenzel: Graffitis. Die Probleme der Bewohner macht Stenzel zu ihren und dass der erste der
Luxusbezirk Wiens ist, führt dazu dass auch die Probleme eher luxuriös
anmuten.
    foto: rwh/derstandard.at

    Ein Ärgernis für Stenzel: Graffitis. Die Probleme der Bewohner macht Stenzel zu ihren und dass der erste der Luxusbezirk Wiens ist, führt dazu dass auch die Probleme eher luxuriös anmuten.

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