Second Life für alte Zeitungen

14. Oktober 2009, 09:26
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Der digitale Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek hat ein beachtliches Stammpublikum gefunden - Aber das restriktive Urheberrecht lässt eine große zeitgeschichtliche Lücke offen

Auch Geschichte hat ihre Quotenknüller. Die Ermordung der Kaiserin Elisabeth alias "Sisi", der Anschlag auf den Thronfolger in Sarajewo und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der Tod von Kaiser Franz Joseph, das "Anschluss"-Jahr 1938 - zählt Christa Müller von der Österreichischen Nationalbibliothek einige der Zeitungsstorys auf, die weiterhin gefragt sind.

Das "Second Life" der Druckwerke

Seit die Nationalbibliothek 2003 ihren Zeitungslesesaal online stellte, erfreuen sich alte Zeitungen eines "Second Life". Natürlich sind die Besucherzahlen nicht mit Online-Medien vergleichbar, aber ein kontinuierlicher Strom von rund 1300 Besuchern schaut täglich bei Anno vorbei, dem digitalen Zeitungsarchiv der ÖNB, erzählt die Leiterin der Digitalen Services der ÖNB. Was noch mehr über das Interesse verrät: Sie verbringen wenigsten zehn Minuten im Online-Lesesaal, oft Stunden.

Wikipedia-Fans

Großen Anklang findet die Online-Zeitungssammlung auch in der Wikipedia-Community, weiß Müller, "viele nutzen uns zur Recherche und verlinken Artikel in der Wikipedia. Teils tragen wir selbst Links auf Wikipedia ein", sagt Müller. "Eine eigene historische Seite ist weniger sinnvoll, als die Leute von dort, wo sie ohnehin schon sind, abzuholen."

Neuzugänge bringen Besucher

Neuzugänge alter Blätter führen oft zu sprunghaftem Besucheranstieg, wie vor einiger Zeit mit der Neuen Freien Presse, "das bringt aus den USA täglich fast 200 Besucher" - Fans der hier abgebildeten Fin-de-Siècle-Jahre. Eine finnische Studentin schrieb ihre Diplomarbeit über die Wiener Stadterweiterung im 19. Jahrhundert mithilfe von Anno. "Wir haben auch richtige Stammkunden wie Kafka-Biografen, die das Prager Tagblatt studieren", erklärt Müller bei einer Führung durch ihre digitale Werkstatt in einem verborgenliegenden Trakt der Wiener Hofburg.

Scanner statt Mikrofilm

Wo noch zu Jahresbeginn eine Mikrofilmmaschine stand, tun heute Scanner mit Glasplatten bis zur Größe A0 (84,1 mal 118,9 cm) ihren Dienst. Erfasst werden hier Bücher und Handschriften, während die Zeitungsdigitalisierung aufgrund des Volumens einer industriellen Produktion gleicht und von einem externen Dienstleister (EMD) vorgenommen wird. Anno ist nur ein Teil der Digitalisierungsarbeit der ÖNB; Alex heißen die seit 1848 digitalisierten Gesetzestexte der Monarchie, der Republik und der Länder (bis 1945, danach gibt es Rechtsinformationssystem RIS). Dazu kommt das Bildarchiv und digitale Sammlungen wie ein Webportal zur Frauenbewegung von 1848 bis 1918, oder die "Hofmeister Monatsberichte", ein 1829 begonnenes monatliches Musikalienverzeichnis.

"Kundenwünsche"

Auch der Buchbestand wächst langsam, digitalisiert wird einerseits zum Erhalt alter und gefährdeter Bestände, andererseits anhand von "Kundenwünschen", die einzelne Seiten oder ganze Werke anfordern. Für Müller ist das Buch-Digitalisierungsprojekt von Google kein rotes Tuch wie für manche Verlage und Kulturschaffende, aber auch einige Bibliotheken in Europa. "Es hat erstens Bewegung bei der Entwicklung von Scannern gebracht, die wurden besser und billiger", sieht sie einen Nutzen. Und es bringt eine Diskussion über restriktive Urheberrechte, die auch Bibliotheken behindern. Derzeit sind die digitalen Bestände quasi ein "Klub toter Dichter":

Die Urheberrechte

Nur Werke, deren Autoren bereits 70 Jahre tot sind, können rechtlich einwandfrei digitalisiert und online gestellt werden. Auch bei den Zeitungen wagt sich die ÖNB nur bis 70 Jahre an die Gegenwart heran; Anfang 2010 wird 1939 für die Leser dazukommen. Wer jüngeres Material sucht, ist weiterhin auf den Trip zum Tiefspeicher oder Ausnahmen angewiesen: Etwa die Arbeiterzeitung, die mit Zustimmung des Medieninhabers SPÖ in einem Projekt (nicht von der ÖNB) digitalisiert wurde; oder die Standard-Rückblende in Zusammenarbeit mit der ÖNB, bei der 1989-Auszüge als Online-Faksimile zur Verfügung gestellt werden.(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 14.10.2009)

  • Handarbeit bei der Digitalisierung 
alter Handschriften der ÖNB, während Zeitungsarchive industriell vom Dienstleister gescannt werden.
    foto: derstandard/cremer

    Handarbeit bei der Digitalisierung alter Handschriften der ÖNB, während Zeitungsarchive industriell vom Dienstleister gescannt werden.

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