"Eine Frage der Flexibilität"

14. Oktober 2009, 06:58
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Wirtschaftsminister Mitterlehner erklärt im derStandard.at-Interview, wieso nicht alle Burschen KFZ-Mechaniker und alle Mädchen Friseurin werden sollen

Hunderte überdrehte Jugendliche, Schlangen vor dem Eingang, laute Pop-Musik aus dem Inneren - Was gestern im MAK stattfand, war aber kein Clubbing, sondern der "Tag der Lehre", bei dem Jugendliche sich über Lehrmöglichkeiten, Berufsfelder und suchende Firmen informieren konnten. Am Rande der Veranstaltung sprach derStandard.at mit Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner über Lehrlinge, die Grundrechnungsarten nicht beherrschen, das Auffangnetz des Staates und die "emotionale Schiene" der Lehrausbildung. Die Fragen stellte Anita Zielina.

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derStandard.at: Herr Minister, es gibt momentan über 7.000 Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen - aber zugleich 4.200 Unternehmen, die keine Lehrlinge finden. Wie erklären Sie sich diese gewaltige Diskrepanz?

Mitterlehner: In manchen Ausbildungsbereichen gibt es zu viele Bewerbungen, in anderen zu wenige. In Salzburg haben wir etwa im Tourismusbereich zahlreiche Angebote, die aber von den Jugendlichen oft nicht wahrgenommen werden.

derStandard.at: Müssen Jugendliche flexibler sein?

Mitterlehner: Ja, für die Jugendlichen heißt das in diesen Zeiten, dass sie sich sehr früh und sehr genau über die rund 250 Berufsmöglichkeiten informieren müssen, um einen Abgleich der eigenen Interessen mit den gebotenen Möglichkeiten zu machen. Das ist auch eine Frage der Flexibilität. Natürlich bleibt angesichts der Wirtschaftskrise auch eine bestimmte Grundlücke bestehen, die wir aber mit der Ausbildungsgarantie der Bundesregierung abdecken können.

derStandard.at: Was aber ist mit denen, die trotz allem sagen: Ich will mich nicht umentscheiden, ich möchte, komme was wolle, etwa Mechaniker werden?

Mitterlehner: Für die gibt es immer noch das Angebot im überbetrieblichen Ausbildungsbereich, wo sie ihre Lehre machen können. Niemand braucht auf der Straße zu stehen und abzuwarten. Es findet sich in Österreich für jeden eine Möglichkeit, aber vielleicht regional nicht immer genau dort, wo er sich das wünscht.

derStandard.at: Firmen klagen vermehrt über die Qualität der Lehrbewerber, oft würden grundlegende Schreib- und Rechenkenntnisse fehlen. Wer ist daran schuld, die Berufsschule?

Mitterlehner: Die Berufsschule ist sicher nicht schuld, sondern die Qualität der Primärausbildung. Hier muss man mit Reformen, etwa einheitlichen Qualitätsstandards, gegensteuern. Ich halte aber nichts davon, nur an der Qualität der Schulen zu mäkeln, hier muss man aktiv mit Förderungen arbeiten. Lernschwache brauchen jede mögliche Unterstützung. Daher fördern wir im Rahmen der Lehrlingsförderung systematisch Kurse und Maßnahmen für lernschwächere Lehrlinge, was auch gut angenommen wird.

derStandard.at: Wie sieht es mit dem vielzitierten Problem aus, dass die meisten Mädchen immer noch Friseurin werden wollen?

Mitterlehner: Wir haben es- und das ist sehr erfreulich - geschafft, bei den Burschen eine Streuung auf viele verschiedene Lehrberufe zu erreichen. Es gibt keinen Beruf mehr, der im zweistelligen Bereich liegt, nicht einmal der des KFZ-Mechanikers. Bei den Mädchen ist es leider immer noch so, dass drei Berufe das Wunschspektrum zu 50 Prozent abdecken: Das sind Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und eben Friseurin. Darum bemühen wir uns jetzt, Förderungen für die Mädchen in anderen Berufsfeldern auszuweiten, um das breite Spektrum der Lehrberufe besser auszunutzen.

derStandard.at: Aber ganz konkret: Wenn jetzt ein junges Mädchen zu Ihnen kommt und sagt, sie will Friseurin werden, mit welchen Argumenten oder Drohungen würden Sie sie überreden wollen?

Mitterlehner: Ich würde sie fragen, ob sie sich das gut überlegt hat, ob es ihre eigenen Fähigkeiten sind oder ober sie das nur von Freundinnen gehört hat. Ich würde ihr zudem raten, mit Informationsveranstaltungen wie dem Tag der Lehre den eigenen Horizont zu erweitern.

derStandard.at: Besteht, krass ausgedrückt, nicht die Gefahr, dass die überbetrieblichen Ausbildungsstätten dann ein "Auffangbecken" werden für alle die sonst nichts können und wollen?

Mitterlehner: Diese Gefahr sehe ich nur sehr eingeschränkt. Angesichts der Wirtschaftskrise sind die überbetrieblichen Einrichtungen ein wichtiges Auffangnetz und ohne Alternative. Früher waren sie als Überbrückungshilfe gedacht, aber heute bieten sie eine qualitativ hochwertige Ausbildung.

derStandard.at: Sollten, was den Willen zur Lehrlingsausbildung angeht, Betriebe mehr in die Pflicht genommen werden?

Mitterlehner: Wir nehmen die Betriebe schon jetzt sehr in die Pflicht - allerdings mit einem Anreizsystem, nicht einem Sanktionssystem. Ich halte nichts davon, so etwas wie eine Verpflichtung zur Lehrlingsausbildung gesetzlich festzuschreiben, weil das mit Ausbildung und Ausbildungsmotivation nicht im Einklang steht. Es muss auch die emotionale Schiene mitspielen.
 (Anita Zielina, derStandard.at, 14.10.2009)

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    Wieso klagen Firmen über teils zu schlecht ausgebildete Lehrstellensuchende? "Die Berufsschule ist sicher nicht schuld, sondern die Qualität der Primärausbildung. Hier muss man mit Reformen, etwa einheitlichen Qualitätsstandards, gegensteuern."

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