Galileos Weltveränderungsinstrument

13. Oktober 2009, 19:55
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Was Galileo Anfang des 17. Jahrhunderts in seiner Werkstatt baute, veränderte den Blick auf die Welt - Sein Teleskop steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die soeben im Nobel-Museum eröffnet wurde

Es ist ein Rohr aus Holz. Einfach, abgesehen von ein paar relativ bescheidenen goldenen Verzierungen. Aber es ist das Instrument, das die Welt änderte. Und damit ist es der ganze Stolz von Paolo Galluzzi, Direktor des Istituto e Museo di Storia della Scienza in Florenz. Und es ist das Kernstück der Ausstellung Galileos Teleskop, die soeben im Stockholmer Nobel- Museum eröffnet wurde. Denn dieses Stück Holz mit ein paar eingebauten Linsen bot Galileo die nötige Weitsicht für seine Erkenntnisse über Größe, Position und damit Bedeutung der Erde und seiner Bewohner.

Spionieren am Nachthimmel

Im Herbst 1609 richtete Galileo erstmals sein brandneues Teleskop in den Nachthimmel. Er hatte schon einige Monate damit verbracht, die "Spioniergläser" aus holländischen Werkstätten zu verbessern, die bis dahin für Furore gesorgt hatten. Kriegsherren und Könige waren Feuer und Flamme für das neue Ding, das ermöglichte, das Anrücken des Feindes im Felde schneller zu erkennen, Mannstärke und Kriegsgerät früher zu bestimmen. Nun hatte das holländische Ding eine Linse aus mehr oder weniger gut geschliffenem transparentem Stein.

Galileo hatte den Vorteil des Standortes. Die Venezianer wussten, wie man gutes Glas herstellt. Und Galileo hatte begriffen - ob aus der Analyse der Prinzipien der Optik oder aus eigenen empirischen Beobachtungen ist unklar -, dass man für das Objektiv mehrere schwächere konvexe Linsen mit einer starken konkaven Linse für das Augenteil kombinieren musste, um ein Objekt achtmal zu vergrößern. Diese Version seines Fernrohrs mit feinen venezianischen Linsen demonstrierte Galileo im August 1609 auf dem Campanile auf dem Markusplatz den Herren der Stadt. Der Doge war begeistert und offerierte dem Erfinder eine lebenslange, gutdotierte Stellung an der Universität von Padua. Was den Venezianern recht war, konnte den mächtigen Herrschern von Florenz nur billig sein.

Bestseller "Sternenbote"

Der Großherzog Cosimo signalisierte Interesse. Galileo übermittelte ihm seine neueste Entwicklung, ein Gerät mit noch ausgefeilterer Linsenkombination, das bereits 30-fach vergrößern konnte. Galileo konnte sich's wieder verbessern. Er tauschte die lebenslange Stellung in Padua gegen die Position eines "ersten Mathematikers" von Pisa ein, ein Forschungsauftrag ohne Lehrverpflichtung.

Ein Teleskop dieses Entwicklungsstadiums war es auch, mit dem Galileo beobachtete - was er daraufhin im Sidereus Nuncius (Sternenbote, erschienen 1610 in einer innerhalb weniger Tage vergriffenen Auflage von 550 Exemplaren und damit ein Bestseller der Renaissance) niederschrieb und aufzeichnete.

Nämlich etwa, dass der Mond keine glatte Kugel sei, sondern eine raue Oberfläche, Täler und Gebirge ähnlich der Erde habe und letztlich, dass die Galaxie eine Masse unendlich vieler Sterne sei, die das Auge gar nicht zu differenzieren in der Lage sei.

Seine Entdeckungen, denen die unumkehrbare Zuwendung zur in der Mathematik begründeten Wissenschaft folgte, und die damit verbundene Abkehr von tradierten Glaubenssätzen und der Diskurs mit den Wissenschaftern seiner Zeit brachten ihn bekanntlich in das konfliktreiche Spannungsfeld mit Herrschern und Kirche, was für ihn - bis zu seinem Tod 1642 - Kerker und Hausarrest bedeutete.

Die Ausstellung im Nobel-Museum spiegelt die technischen Facetten dieser dramatischen Jahre der Wissenschaftsgeschichte wider. Der Erhalt dieses original erhaltenen, von Galileo selbst gebauten Teleskops (eines von zwei noch existierenden Exemplaren) sowie die Ausstellung wird von der italienischen Uhrenmarke Officine Panerai gesponsert, um der Welt "das italienische Genie" zu zeigen, meint CEO Angelo Bonati.

Und er bewegt sich doch

Neben diversen interaktiven Objekten, anhand derer man die Entwicklungsstadien der Optik nachvollziehen kann, ist ein sogenanntes Jupitarium eine Attraktion der Ausstellung. Als Hommage an das "italienische Genie" hat Officine Panerai dieses Jupitarium konstruieren lassen, welches den Jupiter und seine Monde zeigt, die sich in Originalzeit bewegen. Das heißt: Die Bewegungen sind nicht wahrnehmbar. Galileo, der Mechaniker, hätte sicher seine Freude gehabt. (Bettina Stimeder aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

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    Eins von zwei erhaltenen Fernrohren, mit denen Galileo zum Beispiel den Jupiter und seine Monde erkundete.

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