Wie man mit rohen Eiern umgeht

13. Oktober 2009, 19:24
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Nur Fakten zu vermitteln hilft wenig bei der Entwicklung von Innovationen - Deshalb gibt es spezielle Seminare, in denen Lehrer lernen, die Kreativität ihrer Schüler zu fördern

Wie entsteht eigentlich Innovation? Und: Wie kann man junge Menschen dabei unterstützen, Ideen hervorzubringen? Genau dieses Thema steht im Mittelpunkt von Seminaren für Lehrer, die sich für eine Teilnahme ihrer Schüler am jährlichen Ideenwettbewerb "Jugend innovativ" interessieren.

Ein Dutzend Lehrer im Sesselkreis, ein paar Flipcharts und Spiele - der Erwachsenbildner Michael Thanhoffer benutzte in seinem Seminar "Teaching Innovation" vergangene Woche im oberösterreichischen Franking einfache Mittel, um seinen Teilnehmern ein komplexes Umdenken beizubringen. Denn wenn es um Innovation gehe, müssten Lehrer nicht mehr als Lehrer, sondern als Coach agieren, sagt Thanhoffer.

"Vom Klischee her weiß die Schule - und das ist dann meist die Lehrerin oder der Lehrer als Person -, was richtig und falsch ist", erläutert er im Gespräch mit dem Standard: "Die wissen, wie es geht. Und im Idealfall wissen die alles, was bis jetzt geht, und können damit möglicherweise die Probleme lösen, die wir haben." Die Gesellschaft brauche aber Menschen, die Probleme lösen können, die es früher noch nicht gab - mitunter ein schwieriger Umdenkprozess für Lehrer.

Dass es auch anders geht, beweisen seit mittlerweile mehr als 20 Jahren die Teilnehmer am Wettbewerb "Jugend innovativ", der von Wirtschafts- und Unterrichtsministerium getragen und mit etwa 600.000 Euro jährlich finanziert wird. In den sechs Kategorien "Business", "Engineering", "Science", "Design", "Klimaschutz" sowie "Informations- und Kommunikationstechnologien" nehmen jährlich mehr als 400 Teams teil - Tendenz steigend. Der Bewerb ist offen für alle Schüler ab der zehnten Schulstufe sowie Lehrlinge ab dem zweiten Lehrjahr.

Unter den Projekten der Preisträger dieses Jahres finden sich neuentwickelte chirurgische Geräte ebenso wie optimierte Solarzellen oder farbige und duftende Tampons. Das Projektmanagement sei dabei in den vergangenen Jahren immer besser geworden, sagt Organisatorin Jana Zach: "Aber wir haben vor einigen Jahren festgestellt, dass uns ein bisschen die pfiffigen, die verrückten Ideen abgehen bei den Projekteinreichungen."

Deshalb wurden die "Teaching Innovation"-Seminare für Lehrer von der Förderbank Austria Wirtschaftsservice ins Leben gerufen - das Seminar vergangene Woche in Franking war das 14. seiner Art, bereits etwa 500 Lehrer haben die Seminare besucht, darunter 20 bis 30 Schulleiter. "Kreativität kann man bremsen. Man kann sie nicht machen", sagt Thanhoffer seinen Seminarteilnehmern. Und: "Viele Menschen erleben das Schulsystem als Bremseinrichtung." Lehrer, die Schülerprojekte begleiten, müssten natürlich nicht selbst alles wissen, sagt Thanhoffer. Sie müssten vor allem für ein angstfreies, unterstützendes und vertrauensvolles Klima sorgen: "Innovationen entstehen aus Hunger, Neugier, Sehnsucht, Schaffenskraft, Träumen, Ärger, Zufall - nicht aus Angst. Die Teile des Gehirns, wo die Angst zu Hause ist, verstehen nichts Neues."

Behutsames Vorgehen

Die Schwierigkeit im Umgang mit Kreativität sei das "Überleben des ersten Außenkontakts". Wichtig sei es, mit neuen Ideen behutsam umzugehen und sie nicht gleich abzuqualifizieren. Ideen müsse man wie Eier behandeln - wenn man sie fallen lasse, gingen sie kaputt, vergleicht Thanhoffer: "Wenn ich ein Eierproduzent wäre, würde ich Ihnen dann keine Eier mehr liefern." Neue Dinge seien selten schön, sie sähen oft zunächst eher seltsam aus - trotzdem müsse man wertschätzend damit umgehen.

An der HTL Braunau sind derartige pädagogischen Grundhaltungen ein Stück weiter in den Alltag integriert als in anderen Schulen. Im Freigegenstand "Octopus" können die Schüler an ihren Ideen arbeiten und Innovationen reifen lassen - der Erfolg kann sich sehen lassen: Die Schule ist Seriensieger bei "Jugend innovativ", das hilft auch beim Schulmarketing.

Für den Chemie- und Elektrotechnik-Lehrer Josef Wagner ist der Wettbewerb immer wieder ein Erlebnis: "Da gibt es junge Menschen, die als graue Mäuse in der Schule sitzen und dann über sich hinauswachsen. Jetzt sind sie höchst erfolgreiche Studenten."

Auch in der HTL sei man von den Stundenkürzungen der letzten Jahre betroffen gewesen. Wichtig sei es dennoch, nicht nur Fakten durchzuboxen, sondern auch für das Wiederholen und Üben und für eigenständiges Arbeiten genug Zeit einzuplanen, sagt Wagner: "Dann lernt man vielleicht nicht die ganze Palette, die man laut Lehrplan hätte lernen sollen. Aber das, was Sie dann gelernt haben, haben Sie nachhaltig gelernt." (Markus Peherstorfer/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

  • Damit Schüler mit Freude bei der Sache sind, sollten Lehrer den Forschernachwuchs nicht bremsen, sondern ermutigen, seine Ideen auch umzusetzen - idealerweise in einem angstfreien, unterstützenden und vertrauensvollen Klima.
    foto: aws

    Damit Schüler mit Freude bei der Sache sind, sollten Lehrer den Forschernachwuchs nicht bremsen, sondern ermutigen, seine Ideen auch umzusetzen - idealerweise in einem angstfreien, unterstützenden und vertrauensvollen Klima.

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