Wagemutige Steinzeit-Seefahrer

13. Oktober 2009, 19:07
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Wie kam vor 6000 Jahren ein 16,5 kg schweres Mahlwerkzeug von Frankreich nach England? Britische Archäologen machten sich an die Rekonstruktion einer frühen Ärmelkanalüberquerung

Der Ärmelkanal ist gewiss kein gemütliches Gewässer: Starke Strömungen und raue See haben hier schon zahllose Schiffe in Not gebracht, das Wetter kann rasch umschlagen und der Wind meterhohe Wellen aufpeitschen. Ein solches Meeresgebiet mit einem primitiven Ruderboot zu überqueren wäre glatter Selbstmord, oder?

Anscheinend nicht unbedingt. Eine neue Studie zweier britischer Archäologen im International Journal of Nautical Archaeology (online vorab) zeigt, dass Steinzeitmenschen vor etwa 6000 Jahren wohl schon solche Seereisen zuwege brachten.

David Peacock und Lyn Cutler von der University of Southampton untersuchten eine prähistorische Querne, einen Reibstein für das Zermahlen von Körnern, der bereits in den Dreißigern vom Altertumsforscher Sir Mortimer Wheeler am Fundort Maiden Castle in der südenglischen Grafschaft Dorset ausgegraben worden war. Das wuchtige Utensil ist zwar zerbrochen und inkomplett, wiegt aber noch immer 16,5 kg. Kein leichtes Gepäck also.

Puddingstein aus Frankreich

Die Querne besteht aus Puddingstein, einem Konglomerat aus Kies und versteinertem Quartzsand. Die Wissenschafter versuchten, seine Herkunft zu ermitteln. "Wir überprüften Steinbrüche in ganz Großbritannien", berichtet David Peacock im Gespräch mit dem Standard. Puddingstein gibt es auf den Britischen Inseln genug. Keine dieser Sorten entspricht allerdings dem Material der Querne von Maiden Castle.

Bei ihren Recherchen erfuhren die Archäologen von Puddingsteinvorkommen in Nordwestfrankreich. Könnte das Gestein vielleicht dorther stammen? Peacock und einige Kollegen machten sich auf den Weg. Auf dem Plateau von Saint-André-de-l'Eure in der Normandie wurden sie fündig. Der dortige Puddingstein ist praktisch identisch mit jenem der Querne, dessen Alter auf rund 6000 Jahre geschätzt wird.

Nun ergibt sich eine ganz andere Frage: Wie ist der gewichtige Steinblock von der Normandie nach Dorset gelangt? Die Entfernung zwischen den beiden Fundorten beträgt immerhin etwa 320 km Luftlinie. Und mittendrin liegt der Ärmelkanal, der nicht gerade leicht zu überqueren ist.

Peacock und Cutlers Entdeckung zwingt die Wissenschaft dazu, die nautischen Fähigkeiten der Steinzeit-Europäer neu zu überdenken. Laut den beiden Experten käme für eine Ärmelkanal-querung von 100 km oder mehr mit schwerer Fracht wie der Querne eigentlich nur ein großer Einbaum infrage. Mit Auslegern hätte ein solcher die erforderliche Stabilität gehabt. Seetüchtige Gefährte aus einem mit Tierhäuten bespannten Holzgerüst dürfte es damals noch nicht gegeben haben, meinen die britischen Archäologen.

Welche Route wurde gewählt?

Dürften die Bootsreisenden nicht eher den Weg über die Straße von Dover genommen haben? Dort sind die Strömungen zwar stärker, doch die Meeresenge ist nur 33 km breit, und bei halbwegs gutem Wetter ist das gegenüberliegende Ufer sichtbar.

David Peacock ist dennoch davon überzeugt, dass die neolithischen Seefahrer eine direkte Route über den Ärmelkanal wählten. Sonst hätte es so etwas wie einen engeren handwerklich-kulturellen Austausch mit den Küstenregionen weiter im Osten geben müssen. Zeugnisse davon seien aber aus den archäologischen Fundstätten Südostenglands unbekannt. "Es scheint eine direkte Verbindung zwischen der Normandie und Südwestengland gegeben zu haben", resümiert Peacock. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

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    Sah das Steinzeitboot womöglich so aus? Der deutsche Archäologe Dominique Görlitz unternahm mit dem Schilfboot Abora III gar den Versuch einer Reise über den großen Teich.

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