Die letzten Tage des "Schandflecks"

13. Oktober 2009, 19:04
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Künftig soll dort, wo derzeit noch die Fiaker auf Kundschaft warten, eine Stiege mit verglasten Seitenwänden in eine unterirdische Dombauhütte führen

Ab Anfang 2010 soll an der neuen, unterirdischen Dombauhütte am Stephansplatz gebaut werden - Zwölf Millionen Euro sind veranschlagt - Von Martina Stemmer

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Wien - Derzeit lagern die Steinblöcke noch auf einer kleinen eingezäunten Fläche links vom Hauptportal des Stephansdoms, künftig sollen sie in einem Lastenaufzug nach unten befördert werden. "Die Werkstätte funktioniert an sich sehr gut", sagt Dombaumeister Wolfgang Zehetner, "wir müssten eigentlich gar nicht umziehen." Trotzdem wird der Arbeitsplatz der Dom-Steinmetze, -Tischler und -Schlosser, der sich derzeit in einem grauen Nachkriegsbau an der Nordseite befindet, in den Untergrund verlagert.

"Schandfleck" neben dem Wahrzeichen

Denkmalschützer kritisieren seit Jahrzehnten den "Schandfleck" neben dem Wiener Wahrzeichen, derzeit erledigen in der Dombauhütte rund 30 Experten Restaurierungsarbeiten. Pläne für einen neuen Standort gibt es seit langem - nachdem Raiffeisen-Chef Christian Konrad den Vorsitz des Vereins "Unser Stephansdom" übernommen hat, nimmt sie nun erstmals konkrete Formen an: Das Architekturbüro Katzberger erarbeitete im Auftrag des Vereins einen Entwurf.

Künftig soll dort, wo derzeit noch die Fiaker auf Kundschaft warten, eine flache Stiege mit verglasten Seitenwänden nach unten führen. Auf zwei Stockwerken finden nach Katzbergers Plänen nicht nur Lager- und Arbeitsräume für den Dombau Platz, sondern auch das Dommuseum, das sich derzeit im benachbarten erzbischöflichen Palais befindet, sowie ein neuer Souvenir-Shop.

Zu teuer für die Diözese

Zwölf Millionen Euro sind für die 2000 Quadratmeter veranschlagt, die Finanzierung sollen Bund und Land gemeinsam mit Sponsoren übernehmen. Die Diözese Wien könne sich ein solches Projekt nicht leisten, sagt Dompfarrer Anton Faber. Schließlich sei man in Wien und Niederösterreich für gut 1000 Kirchen verantwortlich. Zwischen 22 und 25 Millionen steckt die Diözese jährlich in die Erhaltung von Gebäuden, neun Millionen kommen dabei aus dem Topf der Kirchenbeiträge, der Rest finanziert sich über staatliche Subventionen und Spenden. Da der Stephansdom Herz und Zentrum der Stadt sei, habe man bezüglich seiner Erhaltung immer schon auf andere Finanzierungsmöglichkeiten zurückgegriffen, sagt Faber, "und darüber sind wir sehr froh".

Neue Einnahmequellen für die Kirche

Weniger froh sind die Bezirksgrünen über die neue Dombauhütte zwischen Dom und Schulerstraße. Zum einen sei nicht einzusehen, dass der Steuerzahler die Errichtung neuer Einnahmequellen für die Kirche finanziere, sagt Klubchef Rainer Fussenegger. "Mit dem Shop und dem Museum verdient die Kirche ja Geld." Zum anderen stoßen sich die Stadt-Ökos am Lastenaufzug für die Materialanlieferung, der gut fünf Meter in die Höhe ragt. "Dass ein riesiges Stein-Ding auf den Platz kommen soll, ist inakzeptabel." Die Pläne für den unterirdischen Neubau wurden bereits bei der Baubehörde eingereicht. Gehe alles gut, sagt Dombaumeister Zehetner, könne bereits Anfang 2010 gebaut werden. Mitte 2012 soll das Projekt fertig sein.

Fiaker fürchten um Geschäft

Aber nicht nur bei grünen Bezirkspolitikern hält sich die Freude über die neue Dombauhütte in Grenzen: Fiaker-Unternehmer und Geschäftsleute fürchten ob der zweieinhalbjährigen Bauzeit und der noch beengteren Platzverhältnisse danach um ihre Einnahmen. (Martina Stemmer, DER STANDARD Printausgabe, 14.10.2009)

 

 

  • Derzeit arbeiten die Steinmetze noch in einem grauen Zweckbau neben dem
Nordportal des Stephansdoms. Künftig befindet sich ihr Arbeitsplatz
unter der Erdoberfläche.
    foto: andy urban/der standard

    Derzeit arbeiten die Steinmetze noch in einem grauen Zweckbau neben dem Nordportal des Stephansdoms. Künftig befindet sich ihr Arbeitsplatz unter der Erdoberfläche.

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