Die Rechnung ohne den Onkel

13. Oktober 2009, 18:36
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Warum Erwin jetzt sehr viel Zeit hat und Josef leichter Bundeskanzler werden kann

Der eine Pröll, Josef, wird erleichtert aufgeatmet haben, der andere wehmütig geseufzt haben: Erwin, nicht nur Landeshauptmann, sondern gar "Landesvater" , bleibt in Niederösterreich. Erwin Pröll stellt sich nun doch nicht dem Kampf um den Einzug in die Hofburg. Er wird definitiv nicht als Präsidentschaftskandidat der ÖVP antreten. Weil er sich Niederösterreich verpflichtet fühlt, sagt er.

Da hat die ÖVP die Rechnung ohne den Onkel gemacht. Erst hat sie sich groß in einen Ankündigungswahlkampf treiben lassen, jetzt steht man ohne Kandidaten da.

Josef Pröll, seinem Neffen und derweil nur Vizekanzler und Finanzminister der Nation, wird ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass sich Onkel Erwin nur Niederösterreich und nicht gleich dem gesamten Staat verpflichtet fühlt. Bei einem Antreten seines Onkels wäre er in einer Art Lose-lose-Situation gefangen gewesen. Er hätte nur verlieren können.

Wäre Erwin Pröll gegen Heinz Fischer angetreten und hätte verloren, was doch eine sehr wahrscheinliche Variante gewesen wäre, dann hätte die ÖVP viel Geld und Aufwand in eine absehbare Niederlage gesteckt - ohne politischen Nutzen. Und sie hätte dem Konkurrenten SPÖ einen leichten Sieg ermöglicht.

Die ÖVP hätte mit dieser Variante darüber hinaus eine ihrer profiliertesten politisch aktiven Persönlichkeiten verloren. Klar wäre gewesen, dass Pröll nach verlorener Schlacht nicht wieder als Landeshauptmann nach Sankt Pölten zurückkehren würde können - so reumütig er auch sein würde. Ein etwas kleinerer Posten als der Landesvater wäre wohl drin gewesen, Ehrenpräsident der Gartenmesse in Tulln, der Camping-, Boots- oder Hundemesse. Die guten Kontakte zur Kronen Zeitung wären ja geblieben.

Die Krone ist übrigens voller Mitgefühl und Verständnis: Ein "Landesvater, wie er sein soll" , der dort bleibt, wo ihn die Leute brauchen, an ihrer Seite nämlich, in Niederösterreich. Dabei war es die Krone, die in den vergangenen Wochen offen Werbung für Pröll, eigentlich für beide Prölls gemacht und eine scharfe Kampagne gegen Fischer gefahren hat: Dieser wurde - teilweise wortgleich mit der gängigen ÖVP-Diktion - ins allzu rote Lager gestellt.

Vielleicht taucht ja noch ein anderer ÖVP-Kandidat auf. Oder eine Kandidatin. Benita Ferrero-Waldner könnte es noch einmal versuchen - wenn sie ihren Kommissariatsposten verliert. Vielleicht hätten die linken Emanzen diesmal ein Einsehen. Auch Kurt Waldheim schaffte es erst im zweiten Anlauf in die Hofburg. Wobei gerade Waldheim kein gutes Omen ist.

Für Erwin Pröll war das sicher keine leichte Entscheidung, und er hat sie nicht ganz alleine getroffen. Die Bundespartei war wenig begeistert, und auch einflussreiche Leute wie Raiffeisen-General Christian Konrad dürften eine realistische Einschätzung der politischen Implikationen gepflegt haben. Für den Landesvater mag das bitter sein: Er wird heuer 63. Jetzt muss er bis zur nächsten Landtagswahl weitermachen, die ist 2013. Und dann? Die nächste Tür zur Hofburg öffnet sich 2016. Da wäre er fast 70. Keine prickelnden Aussichten.

Warum Josef Pröll erleichtert ist, dass sein Onkel nicht antritt: weil er als Politiker auch Egoist ist. Erwins Verzicht steigert seine eigenen Chancen, ans Ziel seiner Karriereträume zu kommen und Bundeskanzler zu werden. Angenommen, der ÖVP wäre es gelungen, den Erwin in einem onkelhaft wahnwitzigen Wahlkampf zum Bundespräsidenten zu machen: Zwei Prölls an der Spitze des Landes, der eine in der Hofburg, der andere in Rufweite daneben als Kanzler am Ballhausplatz, diese Vorstellung wäre den Österreichern doch zu viel an "family affairs" gewesen. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

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