Polizisten nochmals verhört

13. Oktober 2009, 18:37
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Der 14-jährige angebliche Einbrecher war unbewaffnet und wurde vom Exekutivbeamten aus zwei Metern Entfernung in den Rücken geschossen

Krems - Gleich nach dem tödlichen Schuss in einem Kremser Supermarkt war der Verdacht aufgetaucht: Die Polizisten könnten nicht die volle Wahrheit über ihren Einsatz in der Nacht des 5. August gesagt haben. Tatsächlich stehen die Aussagen der beiden Beamten im krassen Widerspruch zu dem jetzt im Wortlaut vorliegenden Gutachten der Sachverständigen. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg werde die Polizisten deshalb nochmals "unter Vorhalt der unterschiedlichen Schilderungen zum Tathergang ergänzend einvernehmen", bestätigte Staatsanwaltschaftssprecher Friedrich Köhl dem standard.

Es wäre denkbar, dass einer der Beamten wegen schwerer Körperverletzung mit tödlichem Ausgang (Strafrahmen: bis zehn Jahre) oder absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge (fünf bis zehn Jahre) angeklagt werde.

In den frühen Morgenstunden wurde die Streife, ein Beamter und eine Beamtin, zu einem Einbruch in den Supermarkt gerufen. Im Geschäft kam es zur Schießerei, der 14-Jährige mutmaßliche Einbrecher wurde von dem Polizisten erschossen, sein 17-jähriger möglicher Komplize von der Polizistin angeschossen. Die Beamten rechtfertigten den Waffengebrauch mit einer Gefahrenlage und Notwehr.

Wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen (Strafrahmen: bis zu drei Jahre) wurden Ermittlungen eingeleitet. Laut ihrer Aussage sollen die Polizisten von den Jugendlichen "vermutlich" mit einem Messer und einer Harke bedroht worden sein. Der Polizist hatte zudem erklärt, er habe kniend aus einer Entfernung von viereinhalb bis sechs Metern auf den 14-Jährigen geschossen, weil ihm dieser aggressiv vorkam.

Zu einem anderen Schluss kommen die Gutachter, Gerichtsmediziner Christian Reiter und Schießsachverständiger Ingo Wieser. Der tödliche Schuss sei zu einem Zeitpunkt gefallen, als die Gefahr (sofern sie jemals bestanden habe) längst gebannt gewesen war. So soll der Polizist den 14-Jährigen entgegen seinen Aussagen bei guter Beleuchtung im Verkaufsraum aus einer Entfernung zwischen 1,80 und zwei Metern durch einen Schuss in den Rücken getötet haben. 90 Minuten später starb der Jugendliche an den Folgen eines Lungendurchschusses.

Der Ballistiker hielt auch fest, dass der vor dem Beamten stehende 1,72 Meter große Jugendliche unbewaffnet und keine Gefahrenquelle war: "Die Lichtverhältnisse waren für einen gezielten Schuss ausreichend", zitiert die APA aus dem Gutachten.

Laut Anwältin Nadja Lorenz, welche den immer noch in U-Haft sitzenden 17-Jährigen und die Angehörigen des Erschossenen vertritt, habe der Polizist demnach "kein Recht gehabt, die Schusswaffe zu gebrauchen". Im Falter sagt Lorenz, es habe für den Polizisten "keine Notwehrsituation" bestanden.

Trotz der nun belastenden Gutachterurteile denkt die Polizei Niederösterreich nicht an eine Suspendierung der beiden Kollegen. Das empfindet die zweite Anwältin des 17-Jährigen, Eva Plaz, zumindest "befremdlich". (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe, 14.10.2009)

 

  • Bedrängte Polizei: Jugendliche demonstrierten nach dem Tod des 14-Jährigen in Krems und in Wien (Bild) gegen Polizeiwillkür.
    foto: thomas kronsteiner

    Bedrängte Polizei: Jugendliche demonstrierten nach dem Tod des 14-Jährigen in Krems und in Wien (Bild) gegen Polizeiwillkür.

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