ÖVP und Ganztagsschule

Betreuen reicht nicht

13. Oktober 2009, 18:34

Die ÖVP steuert gerade eine reine Zwangstagsschule an

Bis vor kurzem lief das Ganze in der ÖVP noch unter dem Titel "Zwangstagsschule". Und da war man selbstverständlich dagegen. Die lieben Kinder sollten besser daheim - sprich: bei der maximal halbtags berufstätigen Mama - die Hausübungen machen, die private Nachhilfe besuchen oder den vom Papa finanzierten Russischkurs belegen. Und die Lehrer? Mit denen legt man sich nicht an.

Noch im Frühjahr ließ man die Bildungsministerin mit ihrer Forderung auflaufen, wonach Lehrer zwei Stunden länger im Klassenzimmer stehen sollten. Die Gewerkschaft boykottiert solche Reformvorhaben auch heute. Aber die ÖVP hat sich geändert. Plötzlich ruft deren Parteichef: "Her mit der Debatte!" , will selbst Budgetmittel für das Projekt Ganztagsschule nicht ausschließen - und meint dabei etwas ganz anderes, als es sich Experten seit langem wünschen.

Von einem über den Tag verteilten Wechsel zwischen Lern- und Regenerierungsphasen ist da keine Rede. Auch die Adaptierung der Schulhäuser, um die Lernumgebung für Schüler und Lehrer angenehm zu gestalten, findet da keinen Platz. Für die ÖVP geht es um eine reine Betreuung. Am heiligen Vormittag, unterteilt in sechs Unterrichtshappen à 50 Minuten, soll sich gar nichts ändern. Dass die Lehrer da Widerstand leisten, ist verständlich. Würde man ihnen einen gut ausgestatteten Ganztagsarbeitsplatz bieten, wären die Argumente gegen mehr Zeit in der Schule wohl enden wollend. Aber die ÖVP steuert gerade jene reine Zwangstagsschule an, gegen die sie jahrelang gekämpft hat. (Karin Moser, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

Kommentar posten
22 Postings
StVO2
00
23.4.2010, 00:17
Der Möglichkeiten gäb es viele

zur Organisation einer vernünftigen Ganztagsschule. So könnten in den Nachmittagss-Unterrichtsstunden die Klassenverbände aufgelöst und modulartig aufgebaut werden. Dadurch wäre es auch möglich, dass SChüler auch am Nachmittag z.B. außerschulischen Musikunterricht oder Trainingsstunden bei einem Sportverein wahrnehmern können

Alfred Moosbrugger
00
17.11.2009, 17:31

Die Lehrer machen an den Nachmittagen, an denen sie nicht unterrichten, ihre Arbeit, d. h. Korrigieren, Vorbereiten, Organisieren, Konferenzen, usw.
Die Zeit, die dieser Kommentar offenbar als "Urlaubszeit" hinstellt, ist bereits Arbeitszeit. Wer sich dieser Tatsache verschließt, fordert Quantität statt Qualität.

graf1963
11
14.10.2009, 19:43
Freiräume

Ganztagesbetreuung ist wichtig, aber in dieser freien Gesellschaft sollen die Familien, die ihren Kindern noch die Freiheit bieten können, nach dem (Halbtages-)Unterricht einmal die Schultasche in die Ecke zu werfen um einfach loszuerzählen oder sich zurückziehen, zu Buch oder game boy, zum Haustier zu laufen oder im Garten herum zu tollen, sich mit den Freunden zu treffen, mit denen sie sich wirklich treffen wollen oder zu den Großeltern, in den Weingarten, in den Fußballverein zu gehen oder in die Musikschule, diese Freiheit weiter haben. Damit diese Freiheit bleibt, müssen Unterrichtszeit und "Betreuungszeit" getrennt werden. Übrigens: würden die Kinder gefragt, sie würden wohl kaum einer ganztägigen Kasernierung in der Schule zustimmen!

eva karigl
00
27.12.2009, 13:03
falsche romantik

abgesehen davon, dass es auch denkbar wäre, dass kinder in der schule die möglichkeit haben fussball zu spielen oder musik zu machen, sind die nachmittage rfahrungsgemäß doch eher mit hausübungen und "üben" belastet. es wäre doch schön, wenn unsere kinder zu hause wirklich zeit hätten und die schule hinter sich lassen könnten. ausserdem müssten sich dann nicht mehr meist die mütter mit der vermittlung des von der lehrerin als erforderlich festgelegten lernstoffes beschäftigen.
auch in ländern mit ganztagsschulen gibt es im übrigen glückliche kinder! diese idealisierung der pseudofreiheit der halbtagsschule regt mich echt auf!

graf1963
00
29.12.2009, 23:50
realitäten anerkennen

Wenn man sich in einer Organisation bewegen will, bedarf es eines Ordnungsrahmens. Die Freiheiten, die Flexibilität die Kinder in kleinen überschaubaren Bereichen - ihren Familien, ihrem Freundeskreis - haben, haben sie in einem Schulbetrieb nicht, in dem mehrere hundert Kinder organisiert werden müssen. Ich sage nicht, dass Kinder in Ganztagesschulen unglücklich sind. Man soll aber denen, die auch außerhalb und unabhängig von der SChule - in ihren Familien, im Freundeskreis, in Vereinen - Entwicklungsmöglichkeiten haben, diese Freiheit geben. Wer seine Kinder in Ganztagesschulen geben kann oder muss soll dies tun können! Es soll aber alternativ die Möglichkeit für Kinder geben nach einem Halbtagesunterricht nach Hause zu kommen.

leitfaden
01
17.10.2009, 18:04
die idylle, meine güte, die idylle!

leider sind gärten (auch weingärten!) in städtischen umgebungen die ausnahme, und viele mütter sind aus wirtschaftlichen gründen gezwungen, ganztags zu arbeiten. und die erntearbeit machen inzwischen maschinen.

sie propagieren eine betreuungs- und zeitpolitik, die schon im 19. jahrhundert (als sie erfunden wurde) obsolet war.

andererseits propagieren sie (und ich will ihnen zugute halten: ohne absicht) eine familienform, die auf dem rückzug ist - jene nämlich, in der genug geld und damit zeit für die halbtagsschule vorhanden ist - ohne zu bedbekeb, dass sie damit die angehörigen der generation freie dienstnehmer (ua kein bezahlter urlaub!) sehr effektiv vom kinderkriegen abhalten.

graf1963
10
17.10.2009, 22:15
Entscheidungsfreiheit

All diese Szenen sind Beispiele aus unsrem Leben. Auch das ist Familienrealität in Österreich (nicht nur Düsternis und Niedergang!). Schulische Ganztagesangebote sind wichtig, sie sollen aber die freie Entscheidung ermöglichen: Wer sein Kind den ganzen Tag in die Obhut der SChule geben will oder muss soll das tun können. Umgekehrt sollen Familien aber auch nicht gezwungen werden dies zu tun, was bei einem über den ganzen Tag verteilten Unterricht der Fall wäre. Ins Leben hinein wachsen hat mit mehr zu tun als mit SChule - wer die Möglichkeit hat diese Mehrerfahrung zu machen, soll sie auch machen können!!

isai
00
23.10.2009, 15:56
Richtig

Sie teilen meine Einstellung. Für Kinder sollte es trotzdem die o.a. Möglichkeit (@graf1963) geben, sich zurückzuziehen, zu spielen, trödeln und dgl. Diejenigen, die diese Möglichkeiten zu Hause nicht haben, sollten sie in zumindest angepasster Form auch in der Ganztagsschule bekommen (es könnte ja auch hier gewisse Freiräume geben) - allerdings würde dies wahrscheinlich wieder ein räumliches wie finanzielles Problem verursachen. Um Kindern eine gute Kindheit, gute Ausbildung und somit gute Zukunft zu gewähren, sind Erwachsene: Eltern, Pädagogen, Politiker etc. gefordert, dafür ihren jeweiligen Möglichkeiten entsprechend zu investieren.
Kinder sollten unsere Zukunft sein.

Irma la Douce
10
14.10.2009, 18:21
Gegen diverse bürokratische, logistische und infrastrukturelle Widerstände haben ach so faule


LehrerInnen an einer Margaretner HAK/HAS ein solches Modell begonnen, dass bei SchülerInnen großen Anklang findet (wie ich hörte). Warum nicht mal darüber berichten? Das Ausland, von dem man lernen kann, ist mit der Linie 13 A zu erreichen (zB für mutige JournalistInnen).

Aber der Mehraufwand kann nicht exklusiv zu Lasten der LehrerInnen gehen!!!

leitfaden
11
17.10.2009, 18:05

rot für lehrergesudere. das kann kein elternteil mit vollzeitjob und 5 wocghen jahresurlaub mehr hören!

Geh!danke
01
14.10.2009, 12:38
Schlechtes Gedächtnis überall,

auch bei Journalisten, denn sog. Ganztagsschulen wurden schon von "Strickliesl" Gehrer lanciert, genauso wie die standardisierte Matura, die nu n eingeführt werden soll.
Das ist aber nicht das Hauptproblem. Hauptproblem ist die Dummheit zu glauben, dass man ein "modernes" System einführt und damit die Schulprobleme löst. Beispiel: Länder mit Gesmtschulen finden sich an der PISAspitze, aber auch am Ende d. Skala. Aber das Nachplappern parteipolit. Stereotypen ist halt viel bequemer als sich gründlich zu informieren!

herr prädent
02
14.10.2009, 13:19
Ja und?

Was hindert Österreich daran, sich an jenen Ländern, deren Ganztagsschule Spitze ist, zu orientieren? In dieser Verhinderungsdiskussion ist wohl kein Argument zu hanebüchen.

karl65
01
14.10.2009, 13:33
Volle Zustimmung

Es ist mittlerweile durchgesickert, dass sich was ändern muss. Hoffentlich wird's keine Scheinreform.

Stabilo13
00
14.10.2009, 11:44

für die lehrer wird sich der "sieg" gegen die reformvorschläge von frau schmid als ziemlicher knieschuss heraus stellen. Jetzt kommt dann das ÖVP Modell: keine bildungsreform und trotzdem länger am Arbeitsplatz sein müssen.

drwestbahn
00
14.10.2009, 18:46

Und wo genau sehen Sie den Unterschied zu den "Reformvorschlägen" von Schmied?

Ich gebs zu
02
14.10.2009, 11:22
Liebe Frau Moser,

machen wir uns doch nichts vor. Niemand will irgendeine Veränderung, wenn sie etwas kostet (Geld oder Stimmen).

Den Lehrern eins aufs Dach zu geben und dann doch keine Reform zustandezubringen ist sowohl zu VP- als auch zu SP-Zeiten noch jeder Ressortverantwortlichen gelungen.

Dass Journalist/inn/en sich kaum einmal die Mühe machen, den Standpunkt der Lehrerschaft auch nur zu erfragen, wissen wir ebenso gut.

Nix wird passieren: Für eine sinnvolle Ganztagsbetreuung fehlt Geld an allen Ecken und Enden.

Natürlich wird für die Lehrer wieder eine Einkommenskürzung herausschauen (wie die letzten Male, die alle immer sofort wieder vergessen -- außer die Lehrer, die ja ihre Kontoauszüge lesen).

Und Sie haben weiterhin ein Feindbild.

styx12
12
14.10.2009, 10:10
Genau jene Zwangstagsschule...

Also das versteh ich nicht. Die Vorstellung von Frau Moser ist genau jene, die ich als Zwangstagsschule sehen würde. Geht es um sinnvolle Nachmittagsbetreuung, so können sich Eltern frei entscheiden, ob sie das wollen oder nicht. Geht es hingegen um die Aufteilung des Unterrichts auf den ganzen Tag wird es automatisch zum Zwang für alle von 8 - 17 Uhr dort sein zu müssen.

Simplicius Simplicissimus
45
14.10.2009, 08:34
Ich sehe sie schon, ...

... die blassen kleinen Gesichter, die aus den überheizten, schlecht belüfteten Klassenzimmern in die Pause zur 8. Stunde watscheln. Und das Angebot z.B. einer Musikschule nicht mehr annehmen können, weil planiertes Denken vorgeschrieben wird. Kein Fußballverein, kein Schachverein, kein Leistungsturnen oder Kunsteislaufen mehr. Mittelmaß ist angesagt und erwünscht. http://www.furche.at/system/sh... php?t=1052
Man sollte das bestehende Angebot ausbauen und fördern. Normales, interessantes Leben wird offensichtlich immer mehr zur Utopie, geopfert unterbezahlten Überlebensjobs und einer beschämenden Verreglementierung des Alltags.

Hinter dem Berg
01
14.10.2009, 17:43
Vereine

Schon einmal etwas von Zusammenarbeit von Vereinen oder Musikschulen mit Schulen gehört?

Somebody Someone
12
14.10.2009, 11:06

Nicht auszudenken, wenn 100.000 junge Eiskunstläufer und 400.000 Juniorschachspieler nicht mehr ihrer Leidenschaft nachgehen können, da sie bis 22.00 Uhr in den Folterräumen der Schule schuften müssen, nur um die 60h Woche abzuarbeiten.

Wie machen das nur andere Länder...

Kommt das raus, wenn man Teile des konservativen Schulsystems mit ein paar Aspekten einer moderneren Gestaltung vermischt!?

srinivasa
01
14.10.2009, 02:25
nona

Ein typischer "nona-Kommentar". Eh klar, wenn man das und das und das (Ganztagsschule mit mit sämtlichen inhaltlichen und infrastrukturellen Annehmlichkeiten) alles anbieten würde, wärs besser.
Ganztagsschule ist unvermeidbar. Alternativen, wie "das Kind sollte mehr in der Familie aufwachsen", oder " Eltern sollten sich am Nachmittag um ihre Kinder kümmern" etc. sind Utopien - die gesellschaftliche Entwicklung geht in eine ganz andere Richtung und das lässt sich mMn nicht stoppen.
Der Vorschlag der ÖVP ist immerhin ein Anfang und sollte nicht gleich aufgrund von Unzulänglichkeiten in der Luft zerrissen werden. Als Lehrer binich überzeugt, dass es ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Satthaber
03
14.10.2009, 06:56
es geht doch darum, aufzuzeigen dass die ÖVP eine unsinnige, widersprüchliche partei ist.

und irgendwann machts "klack" im kopf und dann wird diese partei nicht mehr gewählt.

diese moderne welt ist nicht ausgelegt und brauch auch keine neugebauers, fekters, prölls, "bildungsminister" Hahns...

neolieberal vs. kleinbauernsubventionen =
widerspruch

"wir müssen die akademiker-quote an intenationale maßstäbe heranführen" vs. "wir haben zuviele akademiker ( Hahn ) = widerspruch

und endlich eine innenministerin, die in ganzen sätzen sprechen kann ( siehe diverse interviews )

...die liste ist lang...

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