Neue Regierung

Schwarz-Gelb will den Steuerdschungel lichten

13. Oktober 2009 18:34

Union und FDP wollen nicht nur Steuern senken, sondern auch das System vereinfachen - Arbeitnehmern drohen weniger Rechte, Patienten mehr Kosten.

Am heutigen Mittwoch wird es wieder ernst. Da trifft sich erneut die „große Runde" aus Vertretern von CDU, CSU und FDP, um die schwarz-gelben Koalitionsgespräche wieder ein Stück voranzubringen. Auf der Tagesordnung steht dabei auch das heikle Thema Steuerreform. Bisher hieß es in Berlin stets, viel Spielraum gebe es nicht. Doch am Dienstag verlautete aus Verhandlerkreisen, dass Union und FDP nun auch eine Vereinfachung des komplizierten deutschen Steuerrechts planen.

„Wir haben den Liberalen eine Steuer-Struktur-Reform zugestanden", erklärte ein Verhandler der Nachrichtenagentur Reuters. Wie diese genau aussehen soll, ist allerdings noch unklar. Seit Jahren wirbt die FDP ja für eine radikale Erneuerung des Steuersystems. Es soll nur noch drei Stufen der Besteuerung geben: Für Einkommen bis 15.000 Euro soll ein Steuersatz von zehn Prozent gelten. Wer zwischen 15.000 und 40.000 Euro verdient, führt 25 Prozent davon an den Fiskus ab. Ab 40.000 Euro sind dann 35 Prozent an Steuern fällig. Dafür werden alle Ausnahmen und Sonderregeln gestrichen.

Möglicherweise ist die Union bereit, einen Einstieg in ein fünf stufiges Steuersystem anzugehen. Derzeit gilt in Deutschland ein linear ansteigender Tarif zwischen 14 und 42 Prozent. Für Einkommen ab 250.000 Euro jährlich sind 45 Prozent Steuern fällig.

Entlastung in zwei Stufen

Abstriche macht die FDP hingegen beim Volumen. Im Wahlkampf hatte sie ja noch Steuersenkungen in Höhe von 35 Milliarden Euro versprochen. Jetzt erklärt FDP-Finanzexperte Hermann-Otto Solms, dass nur eine Entlastung „in Schritten" möglich sei - was ganz im Sinne der Union ist. Diese peilt Steuerzuckerln in Höhe von 15 Milliarden Euro an, will dies aber auch nur Schritt für Schritt umsetzen. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sind optimistisch, dass die Koalitionsgespräche schon an diesem Wochenende zu Ende geführt werden. Allerdings machen die Koalitionswilligen auch kein Hehl daraus, dass sie in vielen Punkten noch weit auseinander sind:

Arbeitnehmerrechte: Nach einem Bericht der Welt wollen Union und FDP den Einfluss von Gewerkschaftern und Betriebsräten in Unternehmen einschränken. Geplant sollen höhere Hürden bei der Bildung von Betriebsräten sein. Auch die Freistellung von Betriebsräten und die Mitbestimmung in Aufsichtsräten soll auf den Prüfstand. Die FDP fordert, das Privileg der Gewerkschaften abzuschaffen, wonach zwei Vertreter ins Kontrollgremium können. Dagegen wehrt sich der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla, der als Arbeitsminister gehandelt wird. Er will auch einer von der FDP geforderten Lockerung des Kündigungsschutzes nicht zustimmen.

Gesundheit: Ein weiteres umstrittenes Thema ist die Finanzierung des Gesundheitswesens. Bei den gesetzlichen Krankenkassen droht ein Minus von 7,5 Milliarden Euro. Da die CSU Beitragserhöhungen ablehnt, könnten auf Kassenpatienten mehr Zuzahlungen zukommen. Doch dieser Punkt ist in der Union noch umstritten.

Unternehmen: Einig ist sich die Koalition, dass die Steuerlast für Unternehmen weiter gesenkt werden soll. Firmen sollen bei der Gegenrechnung von Gewinnen und Verlusten wieder mehr Freiheiten erhalten. Mit Blick auf große Energiekonzerne reklamiert die FDP_einen neuen Paragrafen ins Wettbewerbsrecht. Dieser soll der Politik als Ultima Ratio die Möglichkeit geben, Unternehmen zu „entflechten", also aufzuspalten.

Langzeitarbeitslose: Sie dürfen mehr Vermögen behalten.

Erbrecht: Geschwister, Neffen und Nichten eines Verstorbenen sollen bessergestellt werden.

Landwirtschaft: Die FDP will das Anbauverbot der Genmaissorte MON 810 wieder aufheben, dagegen wehrt sich die CSU. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

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19 Postings
powerpack
14.10.2009 09:42

da haben sich die deutschen eine gute regierung gewählt - steuererleichterungen für reiche und unternehmen, vernichtung des gesundheitswesens, zulassung der gentechnik in der landwirtschaft, lockerung des kündigungsschutzes, zerstörung der gewerkschaften.....

alles dinge die für 90% aller deutschen mehr als nachteilig sind - da fragt man sich warum diese koalition 47% erreichen konnte?

Hurra Deutschland!
14.10.2009 15:22

Das Gesundheitswesen, um nur einen Punkt herauszugreifen, ist bereits ruiniert, und zwar weil es staatlich dirigiert wird und nicht marktwirtschaftlichen Grundsätzen folgt. Deshalb rennt der Deutsche pro Jahr 18mal zum Arzt, während der Schwede nur 3mal geht und trotzdem länger lebt.

Heiner Hanenkamp
15.10.2009 18:14

Nein, nicht deshalb, sondern weil es chronisch unterfinanziert ist. Und das ist ganz beabsichtigt so.

Denn dahinter steht die Versicherungswirtschaft, zu der die FDP bekanntlich eine, sagen wir mal vornehm, ganz besondere Beziehung pflegt.

Hurra Deutschland!
17.10.2009 01:41

Die FDP hat in den letzten 11 Jahren nicht regiert, und warum eine Unterfinanzierung von der Versicherungswirtschaft beabsichtigt sein soll, bleibt Ihr Geheimnis.

in hoc signo vinces
14.10.2009 10:54

hätten die deutschen unsere steuerquote, hätte deutschland einen budgetüberschuss.....

Hurra Deutschland!
14.10.2009 15:12

Deutschland hat lt. OECD ("Taxing Wages") 2008 eine Abgabenlast von 52,0%, Österreich von 48,8%.

Tony Stark
14.10.2009 11:48
hätten die deutschen unsere steuerquote

hätten sie ihre regierungen schon lange zum teufel gejagt.
wird zeit dass es bei uns mal einen aufstand gibt. vor allem wenn man bedenkt WAS die bücher mit unserem geld machen.

Lieber Aal
14.10.2009 10:03

wenn man ihre ergüsse so liest könnte man fast meinen dass schwarz/gelb die letzten jahre regiert hätte.

übrigens: wie war das noch mit obama hätte keine chance? lol

der experte ist wieder am werk..

Georg Schütt
14.10.2009 09:36
Viel spannender als all die sehr vagen Vorhaben in der Steuer- und Energiepolitik finde ich den sich zusammenbrauenden Unmut über die CDU.

Frau Merkel sagt ihren Auftritt beim Deutschland-Tag der "Jungen Union" ab, bei dem ein Politikwechsel gefordert werden soll, Liberale aus der 2. Reihe mosern, sie hätten den Eindruck, dass die Große Koalition einfach mit anderen Personen fortgesetzt werde wolle. Auch die angekündigte Aufarbeitung des sehr bescheidenen CDU-Wahlergebnisses fiel bisher aus ...

Im Kern bestand Frau Merkels Führungsstil bisher darin, jeden Minister das tun zu lassen, was er wollte (v.d. Leyen, Gabriel, Schäuble); von einer schlüssigen Gesamtkonzeption war keine Rede.

Jetzt muss Merkel selbst führen, das heißt: das Richtige erkennen und das Richtige tun. Es sieht so aus, als würde sie jetzt die Probleme kriegen, die ihre Kritiker schon immer erwarteten.

Ehemaliger ösi
14.10.2009 10:27

Am lustigsten war ja Merkels Strategie "Steuerentlastungen auf Pump".
Gottseidank sagte die Fdp nein dazu.

hurchzua
14.10.2009 08:25
Die Vereinfachung der Steuersystems kann wirklich etwas bringen

allein die Kosten für Steuerberatung sind ein echter Standortnachteil. Gerade auch in Österreich.

Es hat schon einen Grund warum 80% der weltweiten Literatur zum Steuerrecht auf deutsch veröffentlicht wird...

Ingrimm
14.10.2009 05:03

Gratulation an die Deutschen. Richtig gewählt, richtig entschieden. Dank dem Abbau des Sozialstaates und der Anerkennung von Gewerkschaften im Rang eines Staatsfeindes wird alles bald besser!

Jetzt nur noch die Bildung weiter kürzen und dafür sorgen, dass alle Jugendlichen brav Popstars gucken. Westerwelle sollte weiters öfters in den Discos zu sehen sein, dann schafft er auch so viele Stimmen wie Strache.

Mahlzeit!

FloW ERlebnis
14.10.2009 00:57
Super - die Reichen werden weiter entlastet.


Wer und wie viele profitieren wohl davon dass der "Tarifbalkon" von 45% ab 250000 wegfällt?

*kopfschüttel* Dem Groß der deutschen Wählern ist echt nicht mehr zu helfen, wenn sie auf CDU/FDP setzen...

Suse Hollerbusch
15.10.2009 11:13
was Sie schreiben ist Quatsch ...

sie sollten sich schon mit dem Thema intensiv befassen. Im Zuge einer Steuerreform sollen nämlich alle Steuerausnahmetatbestände abgeschafft werden. Heute ist es doch so, dass keiner der "Reichen" mit der vollen Einkommenssteuer versteuert wird, sondern sich die Hälfte wieder über den Ausgleich zurückholt.

in hoc signo vinces
14.10.2009 10:55

die soziale hängematte muss weg. deutschland muss wieder menschen erziehen, die was leisten, nicht nur dynastien von harz-IV-empfängern.

Ja wenn das so ist - dann Prost!
 
13.10.2009 19:51
Drei Viertel der gesamten weltweiten Steuerhilfsliteratur befassen sich mit dem deutschen Steuersystem.

Eine Vereinfachung ist daher dringend geboten.

Die größte Hürde wird die Abschaffung der zahllosen Ausnahmen sein, die über die Jahrzehnte als Zugeständnisse an verschiedenste Gruppierungen gemacht wurden. Hoffentlich gelingt es der Regierung, klar genug zu kommunizieren, dass das Verharren in Privilegien einer Gruppe über den Umweg des ganzen Gesellschaft letztendlich schadet.

Ausnahmen streichen, dafür gleiches Recht für alle! Das ist echte liberale Politik.

I bis
14.10.2009 08:29

Auch wenn ich nicht vom Fach bin - es würde mich wundern, wenn das österreichische Steuersystem einfacher wäre. Es gibt wohl nur deshalb weniger Literatur, weil Ö kleiner ist.

Verkompliziert wird das ganze noch durch unzählige Sozialmaßnahmen unterschiedlichster Institutionen wie einkommensabhängigen Kindergartentarifen und Mietkostenzuschuss.

Das kann dazu führen, dass einer Familie von einem höheren Brutto-Einkommen nichts bleibt, weil das höhere Brutto durch höhere Steuern und reduzierte Beihilfen wieder auf den gleichen Netto-Betrag zusammenschrumpft wie zuvor.

Redwraithvienna
13.10.2009 22:40
Ernsthaft ?

ich dachte immer das die US Amerikanische den >Rang als undurchschaubarste aller Steuererklärungen belegt hat ...

Aber ja den Deutschen trau ich das auch zu.

Jürgen Rembremerding
 
13.10.2009 22:33
"Drei Viertel der gesamten weltweiten Steuerhilfsliteratur befassen sich mit dem deutschen Steuersystem."

Dafür ist die Steuererklärung in Deutschland aber auch unterhaltsamer. Zwei Wochenenden Unterhaltung für die ganze Familie!

Das ist gelebtes deutsches Brauchtum!

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